Vor und nach Corona

Tonguc Karahan

Der Coronavirus hat für die Menschen und ganze Staaten eine Ausnahmesituation geschaffen und unsere Lebensabläufe und unseren Alltag komplett verändert. Ängstlich aber auch hoffnungsvoll erwarten wir nun alle das Ende der Coronakrise und die Rückkehr zur „Normalität“. Aber was ist eigentlich „normal“? Wird unser Leben normalisiert, wenn wir zum Ist-Zustand vor Corona zurückkehren? Oder müssen wir das Leben vor Corona ernsthaft hinterfragen, um die Welt in Ordnung zu bringen?

Die Welt ist noch geschockt, aber wir müssen uns Gedanken machen auch über die Zeit nach dem Ausnahmezustand. Was erwartet uns nach Corona?

Klar ist: eine Normalisierung wird erst möglich sein, wenn die Quarantäne ein Ende findet. Aktuell sollen wir nicht rausgehen, uns nicht mit Freunden und Bekannten treffen. Wir dürfen nicht in die Schule, zur Arbeit, in ein Café, Konzert, Kino usw. Aber reicht eine Rückkehr zu unserem Leben vor Corona für eine „Normalisierung“ und ein erfülltes Leben?

Wir werden diese Pandemie in irgendeiner Form überstehen und die oben genannten Entbehrungen werden ebenso ein Ende finden. Also wird jeder Einzelne von uns in seine alten Alltagsabläufe zurückkehren. Aber ist unser politisch-ökonomisches System nicht genau das, was uns erst zu diesem Punkt gebracht hat?

Also diese „Normalisierung“, die wir als Individuen erleben werden, wird die Widersprüche, das Dilemma und die Verwüstung innerhalb der Gesellschaft, die dieses politisch-ökonomische System mit sich bringt, nicht aufheben, nicht von unserer Tagesordnung verschwinden lassen und auch nicht für eine „Normalisierung“ des Systems reichen!

Der eigentliche Grund für den Schock und die Entbehrungen, die wir momentan erfahren, ist der zerstörerische Charakter des kapitalistischen Systems.

Denn wenn wir nicht hinterfragen und etwas verändern, wird das „normale Leben“, zu dem wir zurückkehren wollen, ein Teil eines Systems sein, in dem Ungleichheit, Profitgiert, Rivalität, Ungerechtigkeit und Tyrannei herrschen.

Die Normalität der Gesellschaftsform besteht darin, dass Werktätige ausgebeutet werden, dass die Jugend unter Zukunftsängsten leiden muss, dass Frauen in Ungleichbehandlung leben und Opfer von Gewalt werden, dass Menschen in Kriegen sterben müssen, dass die Umwelt zerstört wird, dass die Schere zwischen arm und reich immer größer wird, dass Regierungen nicht im Sinne der Bevölkerung, sondern im Interesse einer Hand voll Konzernen und Monopolen handeln und Gesetze verabschieden.

DIE SZENARIEN NACH CORONA

„Nach Corona wird nichts mehr, wie es einmal war“ ist einer der häufigsten Sätze, den wir aktuell in den Medien und von der Politik zu hören bekommen.

Vom Journalisten zum Politiker, vom Schriftsteller zum Mitbürger auf der Straße: jeder spinnt gerade Szenarien um folgende Frage zu beantworten: „Was muss nach Corona kommen?“.

Grob können wir diese Szenarien in optimistische und pessimistische einteilen. In den optimistischen Szenarien passiert folgendes: „Ein Unglück ist besser als tausend Ratschläge. Die Pandemie hat die Gesellschaft nochmal an ihre dringendsten Probleme erinnert. Die übertriebene Profitgier einzelner Kapitalisten hat den Sozialstaat und die sozialen Maßnahmen verdrängt. Aber durch Corona haben wir erkannt, dass wir die gleichen Probleme haben und die globale Zusammenarbeit wird zunehmen und stärker werden“.

Die pessimistischen Szenarien sehen es so: „Es wird auf der Welt nur noch schlechter werden. Die totalitären Regime und deren undemokratischen Praktiken werden zunehmen. Das nationalistische Staatenmodell wird an Bedeutung gewinnen und der Wettbewerb zwischen diesen Staaten wird die Welt ins Chaos lenken“.

Der in den vergangenen Jahren populär gewordene Historiker / Philosoph Yuval Noah Harari macht in seiner Corona-Kolumne zusammenfassend auf Folgendes aufmerksam: Ob moderne Technologien in der Wirtschaft und im Gesundheitswesen dafür eingesetzt werden, die Situation der Menschen zu verbessern oder nicht und ob nun zwischen den Ländern Konflikte oder globale Solidarität vorherrschen werden, wird entscheidend für die Zukunft der Menschheit sein.

ES GEHT NİCHT DARUM, DİE ZUKUNFT VORHERZUSAGEN, SONDERN DİE GEGENWART ZU VERÄNDERN

Nicht was uns nach der Coronakrise erwartet, seien es optimistische oder pessimistische Vorhersagen oder Szenarien, ist entscheidend, sondern wie es zu dieser Situation kommen konnte und wie wir das Hier und Jetzt verändern können.

Auch wenn nach der Pandemie Veränderungen kommen sollten, befindet sich die ganze Welt auf dem Weg in eine ernsthafte Wirtschaftskrise. Wir können sagen, dass das Großkapital und die imperialistischen Staaten, um in diesem tödlichen Konkurrenzkampf obenauf bleiben zu können, einen bei weitem schärferen Kurs fahren werden.

So können wir sehen, wie nahezu in allen Staaten die politische Führung – selbst während der Virus sich mit voller Wucht ausbreitet – ihr Hauptaugenmerk auf Hilfspakete für die Wirtschaft legt und Maßnahmen einleitet, damit diese mit möglichst wenig Schaden aus der Krise kommt. Die angekündigten Pakete zeigen erneut, dass wir in einem System leben, in dem es nicht um die Gesundheit der Bevölkerung, sondern um den Schutz der Konzerne geht.

Die ohnehin bestehenden wirtschaftlichen Probleme werden zunehmen und die Rechnung dafür wird auf die Werktätigen abgewälzt werden. Selbst wenn die Viruspandemie zu Ende gehen wird, erwartet die Bevölkerung, allen voran die Werktätigen, eine politisch und wirtschaftlich schwierige Zeit.

Nachdem der Coronavirus die Schwäche des Gesundheitssystems für alle offengelegt hat, ist es wahrscheinlich, dass jedes Land mehr oder weniger Schritte zur Verbesserung angehen und mehr oder weniger Maßnahmen einleiten wird, um sich wieder dem „Sozialstaat“ anzunähern. Denn der Missmut, der innerhalb der Bevölkerung zunimmt und zunehmen wird, die Unzufriedenheit und die Erwartungen, muss vom Kapital und den Regierungen im Auge behalten werden.

Der Grundirrtum von Harari und anderen ist, dass sie nicht über den Tellerrand der kapitalistischen Produktionsweise hinausschauen und den weiteren Fortgang des Lebens den jetzigen Eliten in die Hände legen. Von den Kapitalisten, deren einziger Gedanke die Profitmaximierung, die Steigerung der Produktivität ist und die Zerstörung ihrer Konkurrenz ist, zu erwarten, dass sie die Technologie “im Interesse der Menschen und der Erleichterung der Arbeitsbedingungen der Arbeiter einsetzen” ist ein Traum. Zu glauben, dass die Regierungen, die keine Chance verpassen, um die anderen auszustechen, eine “globale Zusammenarbeit” anstreben werden, ist ein Traum.

Denn was den Kapitalisten oder einen imperialistischen Staat so entfremdet, sind nicht moralische oder unmoralische Entscheidungen, sondern der Charakter des kapitalisitschen Systems und dessen unausweichliches Ergebnis. Und wenn wir wollen, dass sich dieses Ergebnis verändert, dann nicht indem wir, die Oberfläche retuschieren, sondern indem wir die Gründe für dieses Ergebnis verändern.

Das Versagen des Gesundheitswesens, die Ausbeutung der Arbeiter, die zunehmende Kluft zwischen arm und reich und die Umweltzerstörung: all diese gesellschaftlichen Probleme, die unser Leben erschweren, sind nicht auf die Unvernunft, das Unvermögen oder auf Fehler dieser oder jener Regierung zurückzuführen. Sondern sie sind das unausweichliche Ergebnis des Charakters des Systems, das auf Klassenungleichheit aufgebaut ist.

Dementsprechend ist die Zeit nach Corona, kurz- und langfristig abhängig vom Verlauf des Kampfes zwischen den Klassen, deren Interessen, Forderungen, Erwartungen und Bedürfnisse sich unterscheiden. Um die durch diese politisch-wirtschaftliche Ordnung verursachte Verwüstung zu beseitigen, müssen natürlich Ungleichheiten in allen Bereichen des Lebens beseitigt werden.

Von Gesundheit zur Bildung, von Umwelt zum Wohnen, von Demokratie zum Frieden: in all diesen Themen dürfen wir nicht warten, bis der Kapitalismus untergeht, sondern wir können für ein besseres Leben kämpfen und müssen es sogar. Denn wenn es nicht genug gesellschaftlichen Widerstand gibt, wird sich kurzfristig weder am Gesundheitssystem, noch an den Arbeitsbedingungen oder der Umweltzerstörung etwas ändern.

Ja, auch wenn wir Corona nicht sehen können, hat es uns die Schwächen, Unfähigkeiten und Widersprüche des Systems vor Augen geführt. Sowohl heute, als auch in Zukunft müssen wir für eine Zukunft kämpfen, in denen die Menschen ein erfülltes Leben führen können.

Übersetzung Alev Bahadir