Solidarität in Zeiten von Corona

Die Solidarität während der Coronakrise tritt verstärkt in den Vordergrund: An die Älteren in der Gesellschaft denken, Einkaufshilfen für die Kranken anbieten, Medikamente holen oder Hilfebedürftigen die Hand reichen. Solidaritätsinitiativen brachten erneut das wichtige Gefühl der Solidarität in die Gesellschaft.

Yücel Özdemir

Seit dem Kontaktverbot und höchstens zwei Personen zusammen kommen dürfen, klopfen in Köln Rebecca und Benedict H., beide 40 Jahre alt, an alle Türen in der Nachbarschaft und reichen einen kleinen Flyer mit ihrer Telefonnummer. Sie bieten ihre Hilfe an. Sie seien bereit, allen in der Nachbarschaft zu helfen, auch den Nachbarn, die sie vorher nicht begrüßt hatten. In kürzester Zeit spricht sich diese Solidaritätsaktion schnell herum. Seither haben sechs Personen bei ihnen angerufen. „Keiner der Anrufer hat um Hilfe gebeten. Sie erklärten, dass sie bislang ohne Hilfe gut klar kommen und ihre Bedürfnisse auf irgendeine Weise erfüllten. Doch zu wissen, dass wir bereit waren, zu helfen, habe sie glücklich gemacht. Besonders die älteren Menschen haben sich sehr darüber gefreut. Es ist ein gutes Gefühl, dass die Menschen sehen und fühlen, dass sie in dieser schwierigen Zeit nicht allein sind. Wir haben uns sehr darüber gefreut. Wir haben nichts getan, aber wir haben erlebt, wie schön Solidarität ist.“, so Rebecca. Rebecca erzählt auch, dass ihre Freunde in verschiedenen Stadtteilen einen ähnlichen Flyer verteilt haben: „Mit anderen Worten, nicht nur wir helfen unseren Nachbarn. Wenn Sie im Kölner Stadtteil Ehrenfeld spazieren gehen, können Sie überall Anzeigen der „Corona Solidarität Hotline“ sehen. Jeder ist mobil für diejenigen, die ihre Bedürfnisse nicht eigenständig erfüllen können.“

Kostenloses Wasser für Oma und Opa

Barış Şahin ist ebenfalls 40 Jahre alt. Er ist in Köln aufgewachsen. Er besitzt eine Gerüstbaufirma und ist jeden Tag auf einer Baustelle; diese sind bisher nicht „systemrelevant“. Barış Şahin startete in dieser schwierigen Zeit eine interessante Solidaritätskampagne. Er kaufte auf eigene Kosten 300 Paletten Wasser, die er mit einigen freiwilligen Helfern aus seiner Firma an ältere Menschen verteilte. Er ließ für seinen LKW eine Plane mit der Aufschrift „Kostenloses Wasser für Oma und Opa“ bedrucken und bringt bedürftigen Senioren Sixpacks Wasser an die Haustür. Seine Motivation erklärte er folgendermaßen: „Weil einige Ältere nicht einmal auf den Balkon gehen können, dachte ich, wir könnten Wasser für ältere Menschen verteilen, die das Haus nicht verlassen können. Ich kaufte Wasser und verteilte es in der Nachbarschaft, in der wir leben. Viele waren überrascht und die meisten sehr glücklich. Manche haben sogar geweint. Zuerst hatten wir Angst, dass uns viele mit Vorurteilen begegnen würden, doch mit dem Verteilen nahm unser Mut immer mehr zu. Das Virus trifft jeden, unabhängig von den deutschen, türkischen, kurdischen und arabischen Wurzeln. Besonders deutsche Omas und Opas sind mit dieser neuen Situation überfordert.“ Die von Şahin und seinen Freunden gestartete kostenlose Wasserverteilung hat sich in kürzester Zeit schon einen Namen gemacht und die lokale Presse berichtete bereits über diese Aktion. Die Zahl derer, die unterstützen wollen, hat ebenfalls zugenommen. Die kommenden Wochen möchte Şahin auf Anfrage kostenlos Toilettenpapier verteilen.

Stille Solidarität: Geschenkzäune

Es gibt jedoch viel mehr Engagement aus der Bevölkerung, die nicht sichtbar ist. In vielen Bezirken Kölns wurden beispielsweise „Gabenzäune“ eingerichtet, um den Armen und Obdachlosen zu helfen. Genau diese Menschen trifft die aktuelle Situation am härtesten, weil sie auf Lebensmittelspenden und Unterstützung angewiesen sind.

Hilfebedürftige Menschen sind bemüht, diese schwierige Zeit gesund zu überstehen, indem sie versuchen ihre notwendigsten Bedürfnisse zu stillen und suchen sich Tüten, die am Zaun mit Zetteln hängen, aus. Zum Beispiel sagt eine Frau, die zwei Kilogramm Kartoffeln an den Zaun der evangelischen Kirche in der Venloer Straße in Ehrenfeld hängt, dass die Menschen dies definitiv brauchen können. Sie schnappt sich die Kartoffeln bei dem Gemüsehändler, der direkt vor dem Zaun steht und zeigt damit ein tugendhaftes Beispiel für „stille“ Solidarität.

Die Anzahl der Menschen, die mit gekauften oder von zu Hause mitgebrachten Lebensmittel und Kleidung, die sie an den „Geschenkzäunen“ hängen, ist nicht bekannt, jedoch bedeutet diese Initiative in der schwierigen Zeit für Menschen sehr viel. Vor allem, dass ein allgemeines Verantwortungsbewusstsein und soziale Verantwortung in der Gesellschaft gestärkt wird, ist wichtiger denn je.

Selten gibt es Beispiele von Einzelgängern. Oft werden Berichte von Menschen, die keine Solidarität zeigen, übertrieben in den Medien wiedergegeben. In einer Werbung einer großen Supermarktkette kämpfen beispielsweise eine Frau und ein Mann um ein Toilettenpapier. Daraufhin kommt ein Mitarbeiter mit einem Schwert und teilt das Toilettenpapierverpackung in zwei Teile und sagt: „Kämpft nicht, es gibt genug für alle.“

Natürlich können sich solche Szenen, wie aus der Werbung in Wirklichkeit ergeben. Dies spiegelt jedoch nicht die Allgemeinheit wieder. Es gibt viele Beispiele dafür, dass Viele in Verlegenheit kommen, weil sie das letzte Toilettenpapier im Regal nehmen müssen. Die Menschen rücken immer mehr zusammen, helfen einander und nehmen Rücksicht aufeinander. Diejenigen, die egoistisch handeln und nicht an die anderen Menschen denken, werden sich mit Verlegenheit an diese Tage erinnern.

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Die Ausbreitung des Coronavirus hat uns auch was Gutes beschert: die Solidarität. Menschen, die sich gegenseitig die Hand reichen, hat sich um ein Vielfaches erhöht. Es ist fast ganz normal geworden, dass wir, um die Verbreitung des Virus einzudämmen, auf „soziale Distanz“ achten und es keine physischen Kontakte gibt, aber an die Tür unseres Nachbarn zu klopfen, um mit dem nötigen Abstand zu fragen, ob ein Einkaufsbedarf besteht. Die Telefonnummern auf den Flyern, die in jedem Viertel, jeder Nachbarschaft und an jeder Straße an den Türen hängen, sind Beispiele, die diese Solidarität konkret machte. Es ist von besonderer Bedeutung, dass vor allem sehr viele junge Menschen dieses Engagement zeigen.

Während das Coronavirus weiterhin tötet, macht die Solidarität Hoffnung für das Leben.

(Übersetzt von Eylem Gün)