In Zeiten der Pandemie wird der „Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit“ deutlicher!

Eren Gültekin

Dies ist eine Fortsetzung des Artikels „Die Betroffenheit vom Corona-Virus ist klassenabhängig!“, (https://yenihayat.de/2020/04/08/die-betroffenheit-vom-corona-virus-ist-klassenabhaengig/) in dem über die eigentlichen Gewinner der Corona Krise berichtet wurde. Das sind nämlich Konzerne, die auch in dieser Pandemie ihre Gewinne vergrößern konnten. Schlussfazit des Artikels war, dass während der Corona-Zeit nicht alle im selben Boot sitzen, wie so oft behauptet.

Ist es den Menschen geschuldet, dass Konzerne trotz dieser Krise Profit schlagen?

Dass nicht alle Menschen vom Corona-Virus gleich betroffen sind, können viele nachvollziehen, da sie es derzeit am eigenen Leib erleben. Viele bangen um ihre Existenz und werden auf der anderen Seite Zeuge davon, wie Konzerne aus dieser Krise als Gewinner hervorgehen. Wer aber „der wahre Schuldige“ an diesem Zustand ist, scheint für viele nicht eindeutig zu sein. Nicht selten hört man: „Dass große Konzerne in dieser Krise Profit schlagen, ist von den Menschen selbst verschuldet, wenn diese wie verrückt streamen oder bestellen“. Weshalb solche Behauptungen nicht der Wahrheit entsprechen, wird deutlich, wenn wir uns bewusst machen, in was für einer Gesellschaft wir denn überhaupt leben. Hierzu müssten wir den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit genauer betrachten.

Die kapitalistische Produktionsweise

„Selber schuld“ ist für viele die einfachste Erklärung, um Missstände zu kommentieren. Eben weil eine Kritik gegenüber den Konzernen und überhaupt an diesem System für viele erstmal nicht greifbar ist. Mit jener Kritik kann man die gesellschaftliche Verantwortung schon von sich weisen und muss nichts in die eigenen Hände nehmen. Jedoch muss vehement betont werden, dass die Hauptschuldigen an Armut oder Prekariat nicht diejenigen sind, die wild konsumieren, sondern das auf Profit und Konsum aufgebaute kapitalistische System. Multimilliardäre wie Amazon-Chef Jeff Bezos, der allein dieses Jahr um 23,6 Milliarden US-Dollar reicher geworden ist, hat selber nichts dafür „geleistet“. Vielmehr ist es die neoliberale Staatspolitik, die die Vermehrung des Reichtums unterstützt, indem beispielsweise Hilfspakete in Gang gesetzt werden (allein in Deutschland im Wert von 1,2 Billionen Euro) und prekäre Arbeit oder Kurzarbeit etc. nach wie vor möglich gemacht wird. Es sind eben die ökonomischen Mechanismen dieses Systems, die Ungleichheiten begünstigen und aus der es keine individuelle Rettung geben kann.

Die kapitalistische Produktionsweise, also das ausbeuterische Prinzip der Wenigen über die Vielen, sorgt dafür, dass die Produktionsmittel in der Hand dieser Wenigen sind und sie durch die Arbeitskraft der Arbeitenden ihren Mehrwert schaffen können. Vor diesem Hintergrund ist die Kritik an Jeff Bezos und Co. auch legitim und sollte konsequenter verfolgt werden, da sie von der ausgebeuteten Arbeitskraft von Millionen Arbeitenden profitiert. Bertolt Brecht formulierte es so: „Reicher Mann und armer Mann, standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär‘ ich nicht arm, wärst du nicht reich“. Unsere Lebensweise zeigt sich also offen als eine ökonomische Frage. Und zum Streamen kann man sagen: Ein Kinobesuch ist heutzutage für viele Luxus und für eine Familie ist sogar der Abschluss eines Jahresabos bei einer beliebigen Streaming-Plattform günstiger als ein Kinobesuch samt Popcorn und Limo. Da ist es mehr als nachvollziehbar, dass Streaming-Portale bevorzugt werden, vor allem, wenn Ausgangssperren ohne absehbares Ende auferlegt werden. Der Vergleich Streamen-Kino ist lediglich die Spitze des Eisbergs, was uns Corona nicht neu beschert hat, sondern lediglich deutlicher vor Augen führte!

Widerspruch im Gesundheitswesen: Prinzip des Profits statt Wohlergehen der Menschen

Wo erkennen wir den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit deutlicher als im Gesundheitswesen? Bereits vor der Pandemie war die miserable Situation der Krankenhäuser bekannt. Dennoch empfiehl die Bertelsmann-Stiftung noch vor einem halben Jahr, dass die Zahl der Kliniken von 1.400 auf weniger als 600 sinken müsse. Mehr als die Hälfte also sollte geschlossen und zusammengelegt werden. Corona hat gezeigt: Fatale Forderung, wäre diese umgehend umgesetzt worden. Ironisch auch die Tatsache, dass Bundesgesundheitsminister Spahn zusammen mit dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier ausgerechnet das einzig privatisierte Uniklinikum Deutschlands besuchte (das Uniklinikum Gießen-Marburg), um sich einen Überblick zu verschaffen. Dieses Klinikum, das sich seit 2006 in privater Hand befindet, ist das beste Beispiel derjenigen Widersprüche, welche dieses System produziert: nämlich Gesundheit zu einer Ware zu erklären und daraus maximalen Profit zu schlagen, statt sich um das Wohlergehen der Menschen zu sorgen. An der Tagesordnung eines jeden Krankenhauses in der BRD stehen Outsourcing, Belastung der Belegschaft, Überstunden und Mangel an Pflegekräften. Allein im Standort Marburg wurden aufgrund fehlenden Personals über 145 000 Überstunden gemacht und in Gießen wurden Stationen geschlossen, die wenig Geld einbringen. In Deutschland kommen im Durchschnitt 13 Patienten auf eine Pflegekraft. Damit liegen wir im europäischen Vergleich ganz weit hinten. Ebenfalls gravierend ist die Tatsache, dass vergangenes Jahr wesentlich mehr Geld in Verteidigung und Rüstung investiert wurde, als in die Gesundheit. In Zahlen ausgedrückt sprechen wir hier von einem Vergleich zwischen 43 Milliarden für Rüstung zu 15 Milliarden Euro für Gesundheit.

Klare Benennung der Wiedersprüche für den Kampf für eine bessere Lebenssituation

Kommen wir auf die eingangs genannte Behauptung „selber schuld“ zurück. Den Menschen dies zu unterstellen, die ohnehin die Quittung dieser Krise erhalten (werden), indem sie ihre Arbeit verloren, beim Gehalt Abstriche machen sowie unbezahlten Urlaub nehmen müssen und gar nicht die Mittel haben, um ihren eigenen Schutz zu gewährleisten, ist realitätsfern. Konzerne wie Amazon, die derzeit Gewinn über Gewinn machen, werden immer als Sieger solcher Krisen hervorgehen, wenn sie nicht mal Steuern zahlen oder ausreichend Lohn! Dies zeigt sich auch beim sogenannten Hilfepaket der Regierung, das zuerst für die „Großen“ bereitgestellt wurde: Die Automobil-Industrie z.B. hatte letztes Jahr 3-stellige Milliardenumsätze erzielt (z.B. VW mit mehr als 230 Mrd. €). Diese sind definitiv die Letzten, die auf ein Hilfspaket der Regierung angewiesen sind, da sie aus Rücklagen oder Dividenden ohne Probleme ihre Angestellten bezahlen könnten. Aber dann müssten Aktionäre und Besitzer auf Milliarden-Ausschüttungen verzichten. Deshalb gilt heute stärker denn je, die Widersprüche klar zu benennen, um bewusster für eine bessere Lebenssituation kämpfen zu können.

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