Ein System der auf Ausbeutung basiert

Freddy Adjan

Serdar Derventli

Die Schlachthöfe sind wiedermal ganz groß in der öffentlichen Wahrnehmung. Hunderte von Kolleginnen und Kollegen in den Schlachthöfen haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Miese Arbeits- und Unterbringungsbedingungen von sogenannten Werkvertragsbeschäftigten in der Fleischindustrie sind keine neue Entwicklung, doch erst die massenhafte Verbreitung der Covid-19-Erkrankung unter den Beschäftigten sorgt dafür, dass sich die Bundesregierung mit deren ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen befasst. Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) setzt auf freiwillige Verbesserungen in den Betrieben und eine moderate Erhöhung von Bußgeldern bei Verstößen gegen die Arbeitszeit. Damit dürfte sich allerdings wenig an den vielfach unzumutbaren Arbeitsbedingungen für „Werkvertragsbeschäftigte“ der Subunternehmen aus Rumänien und Bulgarien ändern. Seit Jahren arbeiten sie für wenig Geld und unter üblen Umständen auf Schlachthöfen und in Zerlegebetrieben der großen Fleischkonzerne. Wir haben über die Bedingungen in der Fleischindustrie mit Freddy Adjan gesprochen. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft NGG.

Wie viele Beschäftigte in wie vielen Betrieben sind nach Wissen der NGG mit dem Coronavirus infiziert?

Das ändert sich stündlich. Inzwischen sind leider viele hundert Beschäftigte von Schlachthöfen in mehreren Bundesländern mit dem Virus infiziert.

Woran liegt das? Ist das Arbeiten in den Schlachthöfen gefährlicher, als in der übrigen Industrie?

Das Problem ist hier weniger die Arbeit an sich. In der Lebensmittelindustrie wird sehr auf Hygiene geachtet, das ist auch beim Fleisch so. Inzwischen wurden in den Fabriken auch die nötigen Maßnahmen zum Schutz vor Corona umgesetzt – so gut das eben geht. Die Infektionszahlen liegen eher an der Art, wie die Menschen, die hier herkommen, um die harte Arbeit in den Schlachthöfen zu machen, leben müssen. Sie sind in Massenunterkünften untergebracht, oft auf engstem Raum und unter schwierigen hygienischen Verhältnissen. In ihren Unterkünften können sie auch die einfachsten Sicherheitsmaßnahmen nicht einhalten. Zum voneinander Abstand halten, haben sie zum Beispiel einfach nicht genug Platz.

Sie sprachen vor ein paar Tagen vom „traurigen Resultat eines kranken Systems.“ Was meinen Sie damit konkret?

Krank ist insbesondere, dass das System auf Ausbeutung basiert. Die niedrigen Preise für Fleisch sind nur möglich, weil Menschen ausgebeutet werden. Es kann auch nicht sein, dass ein Schlachthof seine eigentliche Kernaufgabe, das Schlachten und Zerlegen von Tieren, an dubiose Firmen auslagern darf. Die Konzerne müssen endlich Verantwortung übernehmen.

2015 gab es eine „Selbstverpflichtung der Unternehmen für attraktivere Arbeitsbedingungen in der Fleischwirtschaft.“ Sehen Sie irgendwelche Veränderungen?

Nein, leider hat das – wie erwartet – kaum eine Verbesserung gebracht. Viele Unternehmen haben sich auch gar nicht beteiligt.

Was die Arbeitsbedingungen angeht, sprechen einige Unternehmen von „schwarzen Schafen“ und bitten „nicht alle über einen Kamm zu scheren“. Wann sind Sie zuletzt einem „weißen Schaf“ begegnet?

In der Schlacht- und Zerlegeindustrie ist das wohl schon einige Jahre her, fürchte ich. Es mag auch in der Schlacht- und Zerlegeindustrie ein paar weiße Schafe geben, mir fallen aber keine ein.

Die Kanzlerin hat angesichts von Corona-Ausbrüchen in den Belegschaften von Schlachtbetrieben versprochen, Konsequenzen zu ziehen. Was halten Sie davon?

Wir brauchen jetzt Taten, keine schönen Worte.

Was sind Ihre Forderungen an den Gesetzgeber und an die   Fleischwirtschaft? Was raten sie den Kolleginnen und Kollegen, die in dieser Branche arbeiten?

Wir erwarten, dass endlich schärfere Regeln eingezogen werden – und diese auch schärfer kontrolliert werden. Die Arbeitgeber in der Fleischindustrie fordern wir auf, endlich diese Missstände ganz grundsätzlich anzugehen. Dass es so nicht weitergehen kann, müsste doch spätestens jetzt allen klar sein. Die Beschäftigten möchte ich raten, sich nicht alles gefallen zu lassen und sich Hilfe zu holen. Eine Anlaufstelle ist zum Beispiel unsere Gewerkschaft – wir würden uns freuen, wenn in der Branche mehr Kolleginnen und Kollegen in die NGG eintreten. Gemeinsam können wir da viel erreichen!

Kontakt zur NGG: https://www.ngg.net/