„Hau Ab! Gesetz“ und ihre Folgen

Dilan Baran

In einem undemokratischen Hauruck-Verfahren wurden im August 2019 die schärfsten Einschränkungen von Asylrecht und Aufenthaltsrechts seit 1993 beschlossen. Was das in der Praxis bedeutet, musste Abdel Khalil jetzt erleben. Im Interview erzählt er uns von Gewalt, Wut, Trauer und Ohnmacht und das alles unter deutschem Recht.

Du lebst seit 23 Jahren in Deutschland. Am 18, Januar 2020 wurdest du nach Marokko abgeschoben. Wie ist es dazu gekommen?

Ich kam mit 12 Jahren im Rahmen einer Familienzusammenführung nach Hamburg. Meine Mutter lebte damals schon dort. Vor acht Jahren starb meine Mutter an Knochenkrebs. Seit dem will die Ausländerbehörde mich abschieben. Ich besitze aber keinen marokkanischen Pass mehr. Ohne Papiere konnte ich nicht abgeschoben werden, ich musste aber das Bemühen zeigen, mir die Papiere zu besorgen. Das ist eine sehr verzwickte Situation. Entweder man besorgt die Papiere und wird abgeschoben oder man besorgt sie nicht und wird dafür bestraft. 6 Monate saß ich deshalb schon einmal in Abschiebehaft. Aus Angst hatte ich sogar mal Kontakt mit den marokkanischen Behörden aufgenommen. Aber mal ehrlich, wer macht das denn schon gewissenhaft? Ich wollte ja gerade nicht abgeschoben werden. Vor vier Jahren wurde dann mein Sohn geboren. Das hat die Abschiebung etwas schwieriger gemacht. In dem Abschiebedokumenten steht allerdings, das habe ich in der Abschiebehaft vor meiner Ausreise erfahren, etwas von einem „schützenden Raum von Vater und Sohn“, der nicht gegeben sei. Ich weiß nicht, was das heißt und wie das eine Ausländerbehörde überhaupt entscheiden kann. Ich lebe zwar nicht mehr mit der Mutter meines Kindes zusammen, aber mein Sohn und ich haben uns zwei Mal die Woche gesehen. Wir haben ein gutes Verhältnis. Bin ich jetzt kein guter Vater mehr, weil meine Duldung eine Woche vorher abgelaufen war? Meinen Sohn vermisse ich am Meisten. Es macht mich fertig, wenn ich nur daran denke, dass er ohne seinen Vater aufwachsen könnte und dass er natürlich nicht versteht, warum ich nicht mehr da bin. Einige Gedanken verdränge ich. Es kommt mir vor, als lebe ich in einem Traum. Ein Albtraum wohl eher.

Das war am Ende der ausschlaggebende Punkt?

Letztes Jahr wurde ein neues Gesetz verabschiedet. Im Januar war meine Duldung eine Woche ablaufen, ich musste diese regelmäßig erneuern, aber manchmal kommt einem das Leben dazwischen. Ich hatte eine schwere Zeit. Ich glaube die Strapazen der letzten Jahre wogen einfach zu schwer. Erst der Tod meiner Mutter, ein paar Jahre danach starb mein Vater an Bauchkrebs. Seit meiner Ausreise aus Marokko hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Eine turbulente Beziehung. Hinzu kam Streit mit Freunden. Ich hatte so starke Rückenschmerzen, dass ich alleine nicht mehr aus dem Bett kam. Dann standen eines Tages 7 Beamte mit Handschellen vor meiner Tür. Ich war vier Tage in Abschiebehaft. Eine Anwältin habe ich noch bezahlt, aber bevor sie etwas unternehmen konnte, saß ich schon im Flugzeug. Das neue Gesetz hatte das Abschiebeprozedere erleichtert und beschleunigt. Die Behörden waren selber mit den Behörden in Marokko in Kontakt getreten, konnten dort meine Identität ausmachen und mich auf dieser Grundlage anscheinend diesmal auch noch im Eilverfahren abschieben. Die vier Tage davor wurde ich mit Valium ruhig gestellt. Das wollte ich aber auch, Panik und Wut haben mich so gequält, dass ich es nicht anders ausgehalten hätte. Dass es jetzt aber so schnell gehen kann, wusste ich nicht. Drei Personen mussten mich festhalten und ins Flugzeug zerren. Ich habe geschrien vor Verzweiflung, es war schrecklich.

In Marokko angekommen; was passierte dann?

Ich hatte nicht mal einen Platz zum Schlafen für die erste Nacht. Ich wurde in Casablanca abgesetzt abends um 22 Uhr, mit vielen weiteren Abgeschobenen. Ich kenne Niemanden in Casablanca. Ich habe keine Papiere. Ich hatte keine persönlichen Sachen bei mir, außer den ein-zwei Sachen, die ich gepackt hatte, als die Beamten vor meiner Tür standen. Ich war ein Niemand im Nirgendwo. Brutal. Ich fühlte und fühle mich häufig immer noch alleingelassen und verloren. Jeder Tag ist ein Kampf, ich kämpfe mit dem Gefühl nicht mehr leben zu wollen. Ich habe 23 Jahre in Deutschland gelebt.  Ich bin dort zur Schule gegangen, habe dort gearbeitet, dort meine Freunde und meine einzige Familie, meinen Sohn. Mit Marokko verbindet mich nur meine Geburt und die Spuren meines Vaters, die mir sehr viel bedeuten, aber ich gehöre nicht hier hin. Ich meine, für mein Schicksal, für dieses Leben kann ich doch nichts und doch werde ich behandelt wie ein Krimineller. Was kann ich denn noch mehr tun, um zu Deutschland zu gehören? Es gibt NICHTS was ich tun kann. Dieses Gefühl ist entwürdigend. Ich kann nichts tun um eine Daseinsberechtigung zu bekommen. Eine Schnecke, der man ihr Haus entreißt, oder eine Schildkröte ihren Panzer, stirbt, richtig? Ich fühle mich so. Unbeschreiblich.

Sprichst du überhaupt noch ausreichend Arabisch?

Zum Glück spreche ich Arabisch. Es kommt trotzdem häufig zu Missverständnissen, denn die Marokkaner verstehen meine Lage nicht. Sie verstehen die deutsche Bürokratie und Rechtslage nicht. Die marokkanische muss ich wiederum erst einmal verstehen. Es ist mehr als vier Monate her, dass ich abgeschoben wurde, aber meine Papiere habe ich immer noch nicht. Das bringt weitere Probleme mit sich. Ohne Papiere kein Bankkonto. Ich brauche Jemanden als Bürgen, für alles was ich tue, egal ob Wohnung oder Handyvertrag. Arbeiten ist schwierig. Ich habe ein paar Tage bei meiner einzigen Tante verbracht, aber da konnte ich nicht bleiben. Es gab keine Möglichkeit regelmäßig in die Stadt und zur Behörde zu kommen. Helfen konnte sie mir auch nicht. Jetzt wohne ich in einem Zimmer mit Küche in Rabat, wo ich geboren wurde. Einige aus dem Viertel kennen mich noch als Kind oder zumindest meinen Vater. Wenn das der Fall ist, kann ich mir manchmal helfen lassen.

Und dann kam Corona…

Und dann kam Corona und machte alles nur noch schlimmer. Marokko hat kein funktionierendes Sozialsystem. Krankenhausleistungen kosten viel Geld, und selbst wenn alle das Geld hätten, wäre das System für diese Situation nicht ausgestattet. Deswegen wurden sehr strenge Ausgangsregeln verordnet, die wiederum fatal für alle Lohnabhängigen sind, denn bestimmt 80% der Bevölkerung sind Tagelöhner. Sie müssen das Haus verlassen, um abends Essen auf dem Tisch zu haben. Viele haben sich nicht an die Ausgangssperren gehalten, dann ging die Regierung teilweise mit der Armee gegen die Bevölkerung vor. Ich wusste nicht, wie mir geschieht, als ich auf einmal Bilder von Panzern sah, die durch die Stadt fuhren.

Was hält dich am Leben?

Mein Sohn, er ist der einzige Grund, warum ich noch da bin. Ich muss unbedingt zurück, alles andere hat für mich keinen Sinn.