Neue Ungleichheiten wegen Corona

Semra Çelik

Laut aktuellen Studien tragen Frauen während der Corona-Krise auf mehreren Ebenen eine größere Last. Mit den Folgen des Corona-Alltags für Frauen hat sich auch das Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) beschäftigt. Ein Gespräch mit der Präsidentin des WZB, Jutta Allmendinger.

Foto: David Ausserhofer

Wie hat die Coronakrise den Niedriglohnsektor, in der vor allem Frauen beschäftigt sind, beeinträchtigt?

In der Coronakrise sind bestimmte Berufe als „systemrelevant“ identifiziert worden, das sind Pflegerinnen, Rettungssanitäter, aber auch Kassiererinnen, Paketzusteller oder Polizistinnen. Diese Beschäftigten erhalten zunächst besondere Unterstützung, sie können beispielsweise ihre Kinder in die Kita-Notbetreuung zu schicken. Sie erhalten auch Lob aus der Politik für ihren Einsatz oder Applaus von Balkonen aus und Dankesworte in großformatigen Werbeanzeigen. Doch machen wir uns nichts vor: Die Mehrheit dieser „Helden und Heldinnen des Alltags“ sind schlecht bezahlt und werden es nach der Krise bleiben, wenn sie überhaupt ihre Arbeitsstellen behalten können, denn: Häufiger als bei anderen Berufsgruppen haben sie unsichere Arbeitsverträge. Und: Die Mehrheit der systemrelevant Beschäftigten sind Frauen. Im Niedriglohnsektor sehen wir viele Nachteile für die dort arbeitenden Menschen: Sie haben kaum Möglichkeiten, von Zuhause aus zu arbeiten, sie können ihre Schulkinder schlechter bei Schularbeiten begleiten, sie arbeiten häufig im familienfeindlichen Schichtsystem und haben aufgrund des engen Kontakts mit Kunden oder Patienten ein höheres Risiko, sich mit dem Virus anzustecken.

Wie hat sich das Leben unter Quarantäne auf Frauen ausgewirkt? Wie wird sich die häusliche und Beschäftigungs-Situation nach Corona entwickeln?

Im Lockdown (ob mit oder ohne Quarantäne-Auflagen) waren es häufiger die Mütter, die ihre Arbeitszeiten reduzierten oder ganz zu arbeiten aufhörten, um die Kinder zu betreuen, während die Väter als Hauptverdiener häufiger weiter zur Arbeit gingen oder morgens ins Arbeitszimmer zum Homeoffice verschwanden.

Das hat Folgen: Mehr Frauen als Männer müssen nach Ende der Homeoffice-Phase eine Kündigung befürchten, mehr Frauen als Männer werden bei den nächsten Aufstiegsgelegenheiten übergangen werden, weil sie weniger sichtbar waren, mehr Frauen als Männer werden Schwierigkeiten haben, aus der teilweise erzwungenen Teilzeit wieder in Vollzeit zu gehen. Und mehr Frauen als Männer werden Jahrzehnte später die Auswirkungen der Corona-Krise in Form eines einer noch niedrigeren Rentenbescheids nachlesen können.

Wir werden mehr traditionelle Arbeitsteilungen von Paaren sehen, wir werden Frauen sehen, die frustriert sind angesichts der fehlenden gelebten Gleichberechtigung zu Hause, wir werden mehr belastete Beziehungen sehen und im Extremfall mehr Anzeichen für Gewalt gegen Frauen und Kinder, die während des Lockdowns unsichtbar gewesen waren.

Welche speziellen Sorgen und Probleme haben Frauen mit Migrationshintergrund?

Frauen mit Migrationshintergrund sind keine einheitliche Gruppe; die Vielfalt ist enorm. Aber einige Zahlen sind durchaus aufschlussreich, trotz der vielen erfolgreichen Frauen mit Migrationshintergrund wie Sawsan Chebli, Dunya Hayali oder Helene Fischer: Das durchschnittliche Nettoeinkommen von Frauen mit Migrationshintergrund liegt etwa 20 Prozent unter dem von Frauen ohne Migrationshintergrund, der Anteil von Frauen am Niedriglohnsektor ist etwa anderthalb mal so hoch, wie der von Frauen oder der von Menschen mit Migrationshintergrund. Knapp drei Prozent Frauen ohne Migrationshintergrund haben keinen Hauptschulabschluss, bei Frauen mit Migrationshintergrund sind es 11 Prozent. Wenn man diese beiden Zahlen kombiniert, ist klar, dass Frauen mit Migrationshintergrund doppelt benachteiligt sind. Die Corona-Krise trifft sie noch stärker als andere. Aber noch einmal: Die speziellen Sorgen von Frauen mit Migrationshintergrund können ganz unterschiedlich sein. So haben geflüchtete Frauen eine geringere schulische und berufliche Bildung als geflüchtete Männer, leiden häufiger unter

einer posttraumatischen Belastungsstörung und nehmen seltener an Sprachkursen teil, wenn sie kleine Kinder zu Hause haben. Aber auch wenn sie in Deutschland geboren sind, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und promoviert haben, werden sie, wenn sie einen ausländisch klingenden Namen haben, ebenso wie die Männer bei der Wohnungs- und Jobsuche sehr viel seltener zu Besichtigungen und Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Diese vielfältigen Formen der Benachteiligung werden auch nach dem Ende des Lockdowns weiter bestehen.

Welche Forderungen müssen an Politik und Wirtschaft gestellt werden, damit die Lasten der Coronakrise nicht auf die Frauen abgewälzt werden?

Es sind zahlreiche Forderungen, die größtenteils schon vor der Coronakrise gestellt wurden und nun einfach noch wichtiger sind als vorher. Einstellungs- und Aufstiegsprozesse und Gehälter müssen transparenter gestaltet werden. Führungspositionen sollten in Teilzeit ausgeschrieben werden. Wir brauchen Schulen, die ganztags Unterricht anbieten und Kitas, die kostenfrei sind. Und was mir besonders wichtig ist: Frauen sollten sich nicht nur der Männerwelt anpassen müssen, alle müssen aufeinander zugehen. Das bedeutet: Wir brauchen die 32-Stunden-Woche für Männer wie für Frauen, damit bezahlte und unbezahlte Arbeit besser verteilt werden können.