„Solidarisch mit all denen, die in dieser Gesellschaft von unten kämpfen müssen“

Taylan Ciftci

Der Internationale Jugendverein Hamburg (IJV) möchte für all die jungen Menschen eine Perspektive schaffen, die sich in dieser Gesellschaft immer größeren Problemen stellen müssen. Wir haben mit Hanna Lubcke, Vorsitzende des IJV, über den Verein, seine Tätigkeit und Perspektiven von Jugendarbeit in der Krise  gesprochen. Hanna ist 19 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Hamburg und studiert Geschichte und Philosophie an der Uni Hamburg.

Wie kam es dazu, dass ihr euch als IJV gegründet habt? Und wie bist du dazu gestoßen?

Der IJV ist entstanden, weil junge Leute sich eine Anlaufstelle gesucht haben. Diese Bestrebungen haben 2016 angefangen, als der Verein gegründet wurde und ich bin dann über eine Hochschulinitiative an der Uni Hamburg dazugestoßen, in der auch Leute aus dem Verein aktiv waren. Wir setzen uns aus  Auszubildenden, Studierenden und Jugendlichen, die gerade erst mit der Schule fertig sind zusammen. Viele von ihnen sind auch schon von Haus aus politisch interessiert, sind einem fortschrittlichem Umfeld aufgewachsen und so weiter, aber unsere Gruppe differenziert sich auch immer weiter aus. Vor allem stoßen mittlerweile mehr Auszubildende dazu.

Wie sehen eure Tätigkeitsfelder aus?

Mittlerweile haben wir eine funktionierende Struktur mit einem Vorstand, der arbeitet und verschiedenen Gruppen, die verschiedene Tätigkeitsfelder übernehmen. Was jetzt aufgrund der Corona-Situation nicht mehr möglich ist, sind unsere Kinoabende. Da haben wir Kinosäle gemietet, einen Film zu einem bestimmten Thema gezeigt und im Anschluss mit Gästen diskutiert. Dann machen wir natürlich viel Social-Media-Arbeit, da haben wir auch Menschen die sich darum kümmern, und unser größtes Tätigkeitsfeld ist eigentlich unsere Zeitschrift, die Lautschrift. Ein Kern unserer Arbeit sind unsere regelmäßigen  Treffen,   wo   wir   oft Bildungsabende   machen,   die   häufig   Leute   aus   dem   Verein   selbst   vorbereiten.

Welche Rolle spielt die „Lautschrift“ in eurer Arbeit?

Die Lautschrift spielt eine sehr große Rolle in unserer Arbeit, es ist natürlich auch viel Aufwand, so eine Zeitschrift zu gestalten. Wir arbeiten gerade an der 6. Ausgabe. Die Lautschrift ist wichtig für uns, weil wir darüber eben unsere Ansichten und Standpunkte gut erklärt und ausdifferenziert weitergeben können – wir haben dadurch eine Eigenständigkeit in unseren Positionen, die wir Leuten vermitteln können.

Wir beobachten eine wachsende Jugendbewegung. Herrschende Politik wird hinterfragt, die Suche nach Alternativen, nach Lösungen für eine bessere Zukunft erfasst immer mehr Jugendliche. Wie bewertest du die Entwicklungen? 

Wir sehen ja durch verschiedenste Bewegungen in den letzten Jahren, dass es in der Jugend ein wachsendes Bewusstsein gibt für Fragen wie zum Beispiel „Was ist mit der Umwelt? Wie soll sich die Zukunft auf diesem Planeten gestalten?“. Das ist eine sehr jugendspezifische Frage, weil wir die Lasten am meisten tragen, wenn die Umwelt durch dieses System zerstört wird. Aber auch in anderen Bereichen, zum Beispiel in den vielen antirassistischen Kämpfen wie jetzt in der BlackLivesMatter-Bewegung sehen wir ein großes Bewusstsein und eine klare antirassistische Haltung bei vielen Jugendlichen. Das sind alles Forderungen, die die Jugend jetzt stellt, auch weil sie besonders betroffen von diesen Problemen ist – wir müssen unsere Zukunft selbst gestalten. Außerdem sehen wir ganz klar, dass die Jugendlichen von speziellen Problemen betroffen sind, die leider häufig in politischen Diskussionen gar nicht so viel Anklang finden. Wir haben das zum Beispiel an der Uni gesehen.  Auszubildende erhalten zu wenig Geld und  in vielen Betrieben ist Ausbildung schlecht, die Arbeitsbedingungen sind schlecht und die der Schutz vor Ausbeutung gering. Die Unsicherheit und das Bangen um die Zukunft sind immer da. Aber unsere Stärke liegt genau darin, dass wir versuchen, unsere eigenen Antworten zu finden, dass wir uns, aus verschiedensten Bedingungen kommend, organisieren und gemeinsame Perspektiven schaffen.

Das sind ja alles Dinge, die man nicht alleine bewältigen kann. Wie sieht eure Zusammenarbeit mit anderen Gruppen oder in Bündnissen aus?

Mit anderen Gruppen sieht es so aus, dass wir in Hamburg so weit wie möglich versuchen, uns zu vernetzen, beispielsweise mit den Falken oder Jugendgruppen in den Stadtteilen. Besonders mit der DIDF-Jugend arbeiten wir eng und viel zusammen und diese Zusammenarbeit ist auch extrem wichtig für unseren Verein – der gemeinsame Kampf auf Grundlage der Probleme, die wir alle haben, ob mit Migrationshintergrund oder ohne, verbindet uns. Auch in Bündnissen arbeiten wir viel, am aktuellsten   ist   aber   unsere   Arbeit   im Bündnis,   #NichtAufUnseremRücken. Das ist ein extrem breites Bündnis, wo von Grüne Jugend über Falken bis zu verschiedensten Antifa-Gruppen alles dabei ist. Da haben wir einen gemeinsamen Aufruf verfasst, dass wir uns als Jugend querstellen, wenn versucht wird, die Wirtschaftskrise auf unserem Rücken abzuwälzen. Dass wir die Kosten dieser Krise nicht tragen werden. Dazu haben wir verschiedene Forderungen aufgestellt, z.B. eine sofortige Vermögensabgabe, Erhöhung der Transferleistungen, Renten und Übernahme der durch die Krise verursachten Kosten und eine Ausrichtung der Krankenhäuser an Bedarf und nicht an Profit. In diesem Bündnis arbeiten wir gerade besonders viel, verbreiten unsere Positionen und haben   Kundgebungen und gemeinsame Teilnahme an Demonstrationen organisiert.

Wie sieht eure zukünftige Arbeit aus? Welche neuen Schritte werdet ihr gehen?

Für unsere jetzige Arbeit war natürlich erst einmal interessant, wie wir mit der gesamten Corona-Situation umgehen, aber ich würde sagen, wir haben das ganz gut gemeistert. Um unsere Arbeitsteilung auszubauen planen wir eine Konferenz, wo   wir die bisherige Arbeit bewerten, einen neuen Vorstand wählen und neue Perspektiven schaffen möchten. Da ist jetzt noch nichts fest, aber es sieht danach aus, dass wir Stadtteilgruppen ausdifferenzieren und uns neue Stadtteile  erschließen möchten. Außerdem haben wir gerade gemeinsam mit der DIDF-Jugend eine Azubi-Plattform eröffnet. Wir stehen für eine breite, organisierte und kämpferische Jugend.