Das Ausbeutungssystem der Fleischindustrie

Gamze Ardic

Seit einigen Monaten ist die Welt mit der Bewältigung der Corona-Pandemie und deren Folgen beschäftigt. Auch hierzulande werden die bereits zuvor vorhandenen Probleme immer mehr sichtbar, allen voran – je nach Perspektive – die Situation der Arbeitenden, die abermals die Leidtragenden und besonders von der Krise Betroffenen sind.

Das zeigen zum Beispiel die Schließungen von 62 Filialen des Warenhauses Galeria Karstadt Kaufhof, wovon nun circa 6000 lohnabhängige Menschen betroffen sind. Neben Galeria Karstadt Kaufhof macht aber insbesondere die Fleischindustrie derzeit Schlagzeilen, vor allem der Fleischkonzern Tönnies in Gütersloh. Hier wird besonders deutlich, dass in diesem System Arbeitende lediglich als Mittel zur Verwirklichung der Profitmaximierung dienen und somit nicht an erster Stelle stehen.

Das Problem mit Werkverträgen

Nach Bekanntwerden der Produktionsbedingungen werden Forderungen laut, Clemens Tönnies für diese Situation haftbar zu machen. Allerdings kann sich Tönnies dank der Werkverträge sämtlicher Verantwortung für die Arbeitsbedingungen entziehen. Im Wesentlichen geht es in Werkverträgen darum, dass ein Unternehmen wie z.B. Tönnies Arbeitskräfte bei einer Werkvertragsfirma ,,einkauft“. Das bedeutet, dass Unternehmen wie Tönnies Werkvertragsfirmen damit beauftragt, ein Werk zu einem Preis herzustellen, der zuvor vereinbart wurde. Hierbei liegt die Entscheidungsmacht über die Anzahl der Arbeitskräfte, Material und mit welchem Zeitaufwand die Arbeit verrichtet wird, einzig und allein bei der Werkvertragsfirma selbst. Allerdings bezahlt die auftraggebende Firma nicht den Lohn für die Arbeitskräfte, sondern lediglich das Ergebnis und somit die Werkvertragsfirma, bei der der Arbeitende angestellt ist. Dies bedeutet, dass ein Anspruch auf jegliche Unterstützung kaum realisierbar ist. Oftmals sind jene Arbeitenden nicht mal in der Personalabteilung registriert. Das könnte den Umstand erklären, weshalb im Fall Tönnies die Arbeitenden für Covid19-Tests schwer ausfindig gemacht werden konnten.

Der Tagesschau.de zufolge wird in einigen Bereichen nahezu die ganze Produktion über Werkverträge an unterschiedliche Subunternehmen delegiert. So ist eine Firma beispielsweise für das Schlachten zuständig, eine andere für das Zerlegen. Dass unterschiedliche Arbeitsbereiche an Subunternehmen ausgegliedert werden, führt dazu, dass Schlachtbetriebe sich jeglicher Verantwortung entziehen können, so auch Tönnies. Die Mitarbeiter der Werkvertragsfirmen sind meistens in die laufende Produktion eingebunden, was sie am eigenständigen und selbstverantwortlichen Handeln hindert. Um so viel Geld aus der Situation schöpfen zu können, wird außerdem ein Großteil des Lohns für Verpflegung und Unterkunft abgezogen. Es ist daher höchste Zeit, Werkverträge, die nach wie vor besonders in der Fleischindustrie gängige Praxis sind, endgültig zu verbieten.

Die Beschäftigten von Tönnies und ihre Situation

Die Beschäftigten des Schlachtbetriebes kommen größtenteils aus Osteuropa. In ihren Herkunftsländern sehen sie unter anderem aus finanzieller Sicht keine Perspektive, da dort das monatliche Gehalt zwischen 300 und 500 Euro liegt. Um dieser Situation zu entkommen, reisen sie also voller Hoffnung nach Deutschland ein und landen beispielsweise bei Subunternehmen von Tönnies, wo sie zwar das Doppelte verdienen aber letztendlich stundenlang am Fließband stehen und in Akkordarbeit schlachten und schneiden. Eine Arbeit, der sich hierzulande kaum jemand annehmen möchte.

Im Zuge der Auseinandersetzungen mit dem Fall Tönnies werden auch nähere Details zur Lebenssituation der Mitarbeitenden bekannt. Die Subunternehmen des Fleischkonzerns stellen die Wohnungen, die an den Arbeitsplatz gekoppelt sind und die Beschäftigten somit in ein maximales Abhängigkeitsverhältnis treibt. Sollte im Falle einer Krankheit die Arbeit nicht verrichtet werden können, wird dies den Beschäftigten sehr teuer zu stehen kommen. So heißt es in einem Mietvertrag, der dem Westdeutschen Rundfunk vorliegt:  ,,Im Falle eines Fernbleibens von der Arbeit wird dem Arbeitnehmer zusätzlich eine Nutzungspauschale von 10 Euro pro Tag für die Nutzung der Wohnung berechnet.“ Rumänische Tönnies-Mitarbeiter berichteten außerdem, dass einige Wohnungen mit acht Personen belegt seien und die Zimmer die Größenordnung eines Doppelbettes hätten. Neben der Wohnsituation sind auch die Zustände in dem Schlachtbetrieb selbst vor allem in Hinblick der Corona Pandemie untragbar. So stehen trotz der exakten Vorschriften hinsichtlich der Arbeitsregelungen die Arbeitenden dichtgedrängt am Fließband und sitzen, wie eine Videoaufnahme zeigt, eng beieinander am Essenstisch in der Kantine. Diese menschenunwürdigen Zustände begünstigen die Infizierung mit dem Virus und macht vor allem erneut eines deutlich, nämlich, dass nicht die Verursacher jener Zustände eine Infizierung befürchten müssen, sondern jene, die die Verantwortlichen durch ihre verrichtete Arbeit unter diesen miserablen Bedingungen zu mehr Reichtum verhelfen.

Die Unterbringung in Sammelunterkünften sind ebenfalls ein Grund für die Verbreitung des Virus unter den Arbeitenden in Schlachtbetrieben. Ferner geht mit der Sprachbarriere auch die fehlende Kenntnis über die eigenen Rechte einher. Sind sie jedoch bekannt, trauen sich viele aus Angst ihre Arbeit zu verlieren, nicht, ihre Rechte einzufordern.

Verantwortlich sind einzig und allein die Konzerne!

Im Zuge der Corona-Pandemie sind die miserablen Zustände in Schlachtbetrieben erstmals thematisiert worden. Spätestens nach Ausbruch des Corona-Virus bei Tönnies werden die Arbeitsbedingungen dieser Branche in die Öffentlichkeit getragen. Dass hierfür allerdings eine Pandemie nötig war, um zu erkennen, unter welchen Umständen Arbeitende ihren Job verrichten müssen, ist allerdings der eigentliche Skandal.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident gab zunächst ,,Rumänen und Bulgaren“ die Schuld an der Verbreitung des Virus, waren sie doch zuvor in ihren Herkunftsländern, in denen das Virus besonders stark verbreitet sei. Diese Aussage zeugt von erheblicher Ignoranz und führt zu einer irrtümlichen Lokalisierung des Problems. Die eigentlichen Verursacher der aktuellen Situation sind nicht Menschen, die auf das Höchste ausgebeutet werden, sondern lediglich diejenigen Konzerne wie Tönnies, die trotz allem nicht zu Verantwortung gezogen werden können, obwohl jene Ausbeutung in ihren Örtlichkeiten voll und ganz vollzogen werden kann.