Wir vergessen ihre Namen nicht

Mesut Bayraktar

Ich erinnere mich sehr gut an den 19. Februar 2020. Neun Jugendliche mit Migrationshintergrund wurden durch einen rechtsterroristischen Anschlag ermordet. Kurz davor brüllte der Attentäter: „Ausländer raus!“, zwei Wörter, die ich, meine Familie und Jugendliche aus dem Viertel in Wuppertal, wo ich aufgewachsen bin, früher gehört haben als von den Märchen der Gebrüder Grimm. Der Attentäter zückte eine Waffe. Dann fielen menschliche Körper zu Boden wie Kleidungsstücke, die der Wind von den Kleiderbügeln reißt, weil die Fenster offen stehen oder zerschlagen sind. Was ich an jenem Tag getan habe, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass sich eine kalte Wut in mir zu einer Faust ballte, so, als würde die Natur in mir zu einem Schlag ausholen. Diese Wut drückte mein Herz ins Gehirn und bewies mir, dass das Wort »Gerechtigkeit« einen Sinn hat. Hanau, das nehme ich persönlich.

An den folgenden Tagen sprachen viele von Mitgefühl. Die meisten Zeitungen verurteilten jede Art von Hass. Die Bürgerlichen sagten, dass sie die Guten sind und die Intellektuellen legten nach, dass sie sich die Normalität nicht nehmen ließen. Binnen einer Woche ließen sich Politiker vor Ort blicken und nachdem sie von den Fernsehteams abgelichtet wurden, verschwanden sie mit blumigen Worten, die sich in den folgenden Tagen wieder in Waffen sozialer Gewalt verwandelten. Anschließend überschattete der Einbruch der Corona-Pandemie den rechten Mordanschlag und Boulevard-Soziologen schrieben Essays über die Vorzüge der Einsamkeit im Lockdown, ganz nach dem Drehbuch schulbewusster Heuchelei. Die Vergessenen und Geschlagenen wurden wieder vergessen und geschlagen. Es gibt keine Guten, genauso wenig gibt es Böse. Es gibt Herrschaftsverhältnisse.

Dann begann das Schweigen. Gerade dieses Schweigen ist es, wodurch Rassismus spricht, schikaniert, spaltet, mordet, plündert – schikanieren, spalten, morden, plündern muss. Rassismus ist die DNA der bürgerlichen Gesellschaft. Er behandelt ein Haustier besser als dich. Rassismus bedeutet vorzeitiger Tod zugunsten jener, die daraus Extraprofite schlagen. Dabei lehrt die Geschichte doch: Eine Ideologie des Menschenhasses verschont keinen Menschen und solche Ideologien verschafft sich der Kapitalismus permanent, um von seinen Verbrechen abzulenken.

Hanau war nicht der Anfang. Ich denke an die NSU-Mordserie, in die dieser Staat verstrickt ist. Ich denke an das Schweigen der Bürgerlichen, der Behörden, der Justiz, der Künstler, der Gelehrten und der Politik, als wäre das Schweigen die Kriegsmusik aller gegen alle. Warum erhebt ihr nicht eure Stimme? Wo wart ihr, als Akten verschlossen und vernichtet wurden, in denen die Namen der Mörder stehen, und was ist die Kultur bereit zu riskieren, wenn sie einen Absatzeinbruch fürchten muss? Habt ihr Einspruch erhoben, als ein Mob in Claußnitz sich stark fühlte, weil die Polizei ihn tatenlos gewähren ließ? Als Flüchtlingsheime brannten, Halle an die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 ermahnte und in Kassel ein Tapferer euresgleichen das Leben verlor, warum habe ich euch nicht auf der Straße gesehen, nicht einen einzigen Christdemokraten? Manchmal macht mich euer Hass gegen Arme und arbeitende Menschen sprachlos. Bis heute wagt ihr nicht, das Offensichtliche in Chemnitz beim Namen zu nennen, die Hetzjagd auf Menschen, und der Mord in einer Polizeizelle in Dessau, an Oury Jalloh, juckt euch nicht. Noch heute denke ich an Familie Genç und den Brandanschlag in Solingen, dem Nachbarort meiner Geburtsstadt. Damals war ich drei Jahre alt. Und jetzt: Hanau.

Was haben die zuständigen Behörden vor und seit dem Anschlag getan? Kein Rassist wurde bisher entwaffnet. Kein Beamter wurde bisher zur Rechenschaft gezogen. Kein Politiker und Intellektueller hat Verantwortung übernommen. Die Strukturen bleiben dieselben. Charakteristisch für die Haltung der Herrschenden ist, was der hessische CDU-Landtagsabgeordnete, Heiko Kasseckert, im »Hanauer Anzeiger« am 1. August forderte: „Wir sollten die Orte der Geschichte, die Hanau ebenfalls hat, wie am Marktplatz das Denkmal ihrer wohl bekanntesten Söhne, der Brüder Grimm, von dieser dunklen Umklammerung befreien. Zur Bewältigung von Trauer gehört auch das Loslassen.“ Er spricht aus, was die Bürgerlichen in Bezug auf die Aufklärungsarbeit der Initiative 19. Februar und der Betroffenen wirklich denken: Verzieht euch in eure Viertel und verunreinigt nicht die Trophäen bürgerlicher Hochkultur. Im Grunde genommen plädiert Kasseckert für Verdrängung, eine Kunst, womit sich die bürgerliche Gesellschaft geschichtlich vor jeder anderen auszeichnet. Seine Worte sind Klassengewalt, verpackt in Buchstaben, gewohnter Spott im Alltag. Die Sprache der Mächtigen ist raffiniert. Sie will Besiegten das Wort verbieten.

Fast alles, was wir aber heute über rechtsradikale Anschläge und rassistische Strukturen wissen, haben wir dem unermüdlichen Einsatz und dem Druck der Betroffenen, der Unterdrückten, den Antifaschisten und der Solidarität der Leidenden zu verdanken, nämlich uns, unserer Klasse. Es ist mehr als eine Schande, wie skrupellos rassistische Vorfälle abgewickelt und die soziale Wahrheit der Getretenen liquidiert wird. Es zeigt nur einmal mehr, dass uns niemand helfen kann, außer wir selbst, ob migrantisch oder deutsch, für mich gehört beides zusammen, um jede Erniedrigung und Entwürdigung zu bekämpfen.

Leuten wie Heiko Kasseckert möchte ich antworten: Wir lassen nicht los, weder von unserer Trauer noch von unserer Wut! Wir umklammern die Gebrüder Grimm so lange, wie wir es für nötig halten und Auswege aus eurer Gewalt finden! Wir wollen nicht eure Normalität, wir schaffen unsere eigene! Wir bleiben auf dem Marktplatz in Hanau, dem Opernplatz in Frankfurt, dem Stübenplatz in Hamburg, dem Schlossplatz in Stuttgart und auf vielen weiteren Orten und Plätzen, um Rassismus keinen Platz zu geben! Wir wollen atmen. Wir vergessen die Namen der Ermordeten nicht. Das hieße, uns selbst und unsere Geschichte vergessen.

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