Die Rechnung geht an die Völker

Ahmet Yasaroglu 

Fast überall auf der Welt verhalten sich die herrschenden Klassen, die die Handlungen der Staaten lenken und ihre Regierungen so, als hätten sie eine Vereinbarung miteinander getroffen, um die  wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Pandemie auf die Völker abzuwälzen. Obwohl; sie müssen eigentlich keine Vereinbarungen treffen, denn die gleichen Reflexe zu zeigen, liegt in der Natur ihrer Klasse. Sie sagen der Bevölkerung; „Befolgt die Masken-, Distanz- und Hygieneregeln. Aber ihr befolgt unsere Anordnungen leider nicht und deswegen breitet sich das Virus immer weiter aus“. Und sie fahren fort; „Aber die Betriebe und Fabriken dürfen nicht angetastet werden, die Produktion muss laufen, die Wirtschaft darf nicht zum Stillstand kommen“. Eine Erwartung, womit sie die Beschäftigten, die sie einer Herde gleichsetzen, haben sie ohnehin parat: Sie nennen es „Herdenimmunität“. Diese Handlungen zeigen, dass die Regierenden und herrschenden Klassen ihre Völker wie Sklaven behandeln und sehen.

Die Vorzeigemaßnahmen, welche nicht wirklich zum Ziel führten und sich teilweise als lästig, heuchlerisch und betrügerisch erwiesen, erzeugten Unmut in den breiten Massen. Diese Unmut überschlägt sich allmählich in Wut. Inzwischen glaubt keiner mehr an die offiziellen Infektionszahlen, die veröffentlicht werden. In der türkischen Bevölkerung entwickelt sich ein allgemeines Bewusstsein, dass die Krankheitsfälle und die Todeszahlen weit über den offiziell angegebenen Zahlen liegen.

Die Tatsache, dass die herrschenden keine Einschränkungen dulden, wenn es um die Sicherstellung ihrer Ausbeutungsverhältnisse und ihren Profit geht, aber im Gegensatz dazu alle Arbeitskämpfe und Solidaritätsaktionen, die von Massen ausgehen, mit strengen Auflagen unterdrückten, wird nun als Heuchelei und Willkür wahrgenommen. Die Straßen und öffentlichen Plätze füllen sich langsam und stetig. 

Die Machthabenden haben an Glaubwürdigkeit verloren und das Kapital hat nicht mehr die Autorität und die Kraft, die Maßnahmen, die zu Beginn der Pandemie eingeführt wurden, erneut einzuführen. Sie sagen „Menschen können sterben, aber unsere Ausbeutungsverhältnisse, unsere Klassenherrschaft, unser Lebensstil muss aufrechterhalten und geschützt werden. Wir können nicht einmal einen reduzierten Lockdown dulden“. Die wenigen, noch übrig gebliebenen und ehrenhaften Wissenschaftler sagen, „um die Pandemie unter Kontrolle zu bekommen, muss für eine bestimmte Zeit vollständiger Lockdown angeordnet werden“. Die Antwort kommt von den Wissenschaftlern des Kapitals: „Nein, nur die Infizierten und Erkrankten sollen isoliert werden“. Also, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, soll keine Massenquarantäne eingeleitet werden. Dabei würde eine Massenisolation und Quarantäne die Ausbreitung verlangsamen, sogar stoppen. Aber, sagen die Wortführer des Kapitals, „Falls das geschehen sollte, könnte das unser Untergang bedeuten“.

Das ist der momentane Stand. Das vergängliche kapitalistische System traut sich nicht, einer vollen Quarantäne stand zu halten. Selbst wenn das Land so stark wäre, um zu überleben, wären die Verluste unerdenklich hoch. Was noch wichtiger ist, ist das, was sich  mehr oder weniger andeutet, zu welchen Unruhen und Umwälzungen die Reaktionen der Massen, deren Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden und von denen die meisten ihrem eigenen Schicksal überlassen werden würden, führen kann.

Aus Angst davor werden bereits reaktionäre Volksbewegungen gestärkt und der Zorn der Massen auf die Gleichgültigkeit der Verwaltungen gelenkt. Der Grund für die rasche Ausbreitung der Pandemie ist jedoch nicht, dass die Massen die Regeln nicht einhalten würden – dies ist lediglich ein sekundärer Anteil – sondern die Ausbeutungs- und Profitgier, den die herrschenden Klassen nicht zügeln können.

Es ist klar und deutlich zu beobachten, dass die durch die weltweite Pandemie beschleunigte und verschärfte Wirtschaftskrise – die Türkei war davor schon in der Krise – auf den Rücken der werktätigen Massen abgewälzt werden soll. Die Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten werden verlängert, die Löhne werden in vielen Ländern gesenkt – wie z.B. bei den Turkish Airlines hier bei uns -, in Ländern, in denen vorhanden, werden die Arbeitslosenbeiträge beschnitten und es wird für die Massen unmöglich, Zugang zu den grundlegendsten Gesundheitsdiensten zu erhalten. Die Kapitalmächte rufen immer lauter zur Opferbereitschaft auf und versuchen die Aufmerksamkeit der Massen auf außenpolitische und nationale Fragen zu lenken.

Das Land durchläuft die Krise verschärft und die Auswirkungen exponentiell. Der Rückgang der Wirtschaft im zweiten Quartal wurde durch übermäßiges Bemühen bei 9,9 %  gehalten und schrumpfte um 11% gegenüber dem Vorquartal. Wenn die Messungen gemäß internationalen Standards durchgeführt worden wären, würde sich herausstellen, dass die Schrumpfung weit über 30 % liegt. Parallel dazu wächst die Arbeitslosigkeit. Die Armut steigt und breitet sich aus. Die Beschäftigten sind zu schweren Arbeitsbedingungen gezwungen, sie sind gezwungen, mit ihren kranken Freunden an derselben Theke und Produktionslinie zu arbeiten. Für Beschäftigte, Arbeiter und junge Menschen sind Arbeitskämpfe, die unter normalen Bedingungen bereits schwierig sind, unter dem Vorwand der Pandemie verboten, während für die Regierung alles legitim ist. All diese Machenschaften der Herrschenden steigern die Wut und der Geduldsfaden ist fast gerissen.  Die Türkei ist in naher Zukunft ein Kandidat für viele Entwicklungen.

(Übersetzung von Sevinc Sönmez)