Marburg aktiv gegen Rassismus!

Foto: Yeni Hayat

Nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau und spätestens nach dem Mord an Georg Floyd sind die Stimmen gegen Rassismus lauter geworden. Bundesweite Demonstrationen und Kundgebungen waren auch in Deutschland an der Tagesordnung, Tausende gingen auf die Straßen und demonstrierten, auch in der Universitätsstadt Marburg. So hat sich auch die Plattform  „Solidarität Șimdi!“ (dt. „Jetzt“) in Marburg gebildet, die mit der Forderung der Errichtung eines Mahnmals für die Opfer rechter Gewalt und die Umbenennung der Bismarckstraße zur Straße für alle Opfer von rechter Gewalt für viel aufsehen sorgte. Es ging sogar so weit, dass die Marburger CDU in der Bismarckstraße einen Infostand durchführte und gegen diese Forderung Infoflyer verteilte. Um ein genaueres Bild von der Plattform zu haben, haben wir ein Gespräch mit Eren Gültekin von der DIDF-Jugend Marburg geführt, der zu den Initiatoren der Plattform gehört.

Was sind die Gründe für die Entstehung der Plattform „Solidarität Șimdi!“ ?

Es war zu erkennen, dass die vielen, meist jungen Menschen, die auf vielen Demonstrationen und Kundgebungen zum Anschlag in Hanau oder Black Lives Matter teilnahmen, nicht die üblichen Verdächtigen waren, die man sonst auf solchen Veranstaltungen sah. Viele waren gar das erste mal auf einer politischen Aktion. Es ist positiv zu begrüßen, dass die Demos viele Menschen anzogen. Jedoch reicht dies nicht aus und es war uns in erster Linie wichtig, nicht nur solidarisch mit den Opfern zu sein und auf Gedenkveranstaltungen zusammenzukommen, sondern auch diese Solidarität in die Praxis umzusetzen, nämlich genau dort, wo wir sind und leben. Anfang Juli luden wir zu einem offenen Treffen unter dem Titel „Rassismus… Was tun?“ ein und so wurde die Plattform „Solidarität Șimdi“ gegründet.  

Kannst du diesen Prozess näher erläutern? Was macht diese Plattform aus? 

Am offenen Treffen nahmen Menschen teil, die bereits politisiert und aktiv waren, die hin und wieder politische Veranstaltungen und Demonstrationen besuchten, aber auch das erste mal in ihrem Leben solch eine Runde betreten hatten. Wir haben uns gemeinsam darüber ausgetauscht, was wir in unserer Stadt machen wollen und ganz wichtig, wie wir es umsetzen können. Schnell waren sich alle einig, dass diese Runde nicht wie oft einen geschlossenen Charakter haben sollte, sondern offen für alle Menschen, die sich in Marburg gegen Rassismus engagieren wollen. Auch wurde von vielen das Bedürfnis geäußert, dass auch alternative Aktionsformen durchgeführt werden sollten und wir präsenter in Erscheinung treten müssen. Es entwickelten sich zwei konkrete Forderungen, 1. die Errichtung eines Mahnmals und 2. die Umbenennung der Bismarckstraße zur „Straße für alle Opfer von rechter Gewalt in Marburg“. Ich denke, dass unsere klaren und konkreten Ziele, die wir gleich beim ersten Treffen beschlossen haben, den Kern dieser Plattform ausmachen und wir für das kämpfen werden, um es zu verwirklichen.

Die Plattform Solidarität Șimdi will in Marburg also nur diese beiden Ziele erreichen?

Nein, definitiv nicht. Diese zwei Forderungen sind zwar unsere Hauptforderungen, aber das heisst nicht, dass wir nicht andere Themen behandeln oder sonst keine anderen Ziele verfolgen oder Forderungen haben. Wir fordern z.B. auch eine unabhängige Beschwerdestelle bei der Polizei, aber diese zwei Forderungen, die im Vordergrund stehen, charakterisieren unsere Plattform. Auch haben wir z.B. Aktionen zum Thema „Zweiten Jahrestag der NSU-Urteilsverkündung“ oder zum Anschlag in Hanau durchgeführt. Genau mit diesen oder ähnlichen Themen setzen wir unsere zwei Forderungen in Verbindung. Ich persönlich und mein Jugendverband DIDF-Jugend sind uns bewusst, dass die Umbenennung der Bismarckstraße oder die Errichtung eines Mahnmals nicht das Problem des Rassismus beheben wird. Das zu denken, wäre natürlich sehr idealistisch, jedoch müssen wir uns bewusst sein, dass durch solche konkreten und zielführenden Forderungen, eine Aktivität entsteht, mit der wir Menschen erreichen können und das ist sehr wichtig. Allein durch diese Forderung haben wir es geschafft, erst mal auf uns aufmerksam zu machen, genauso auch haben wir eine öffentliche Debatte eröffnet, die in unserer Stadt geführt wird.

Wie waren die Reaktionen und wie sieht die öffentliche Debatte aus?

Täglich bekamen wir positive Mails von Menschen, die ihre Unterstützung bekundeten und Namensvorschläge zur Umbenennung der Bismarckstraße gaben. Oft waren das Namen von WiderstandskämpferInnen, die gegen das NS-Regime gekämpft hatten. Das ist natürlich zu begrüßen, jedoch haben wir für uns von Anfang an gesagt, dass wir den rechten Terror der aktuellen Zeit in den Fokus setzen wollen, praktisch Solidarität Șimdi, also Jetzt!

Sehr früh wurde die regionale Presse in Marburg auf uns und unsere Forderungen aufmerksam und hat ein Interview mit uns geführt. Anschließend wurden die Parteien in der Stadtverordnetenversammlung zur Stellungnahme gebeten. Die Marburger CDU -wie vorher zu erwarten war- war die Partei, die konsequent und klar gegen solche Forderungen Stellung bezogen hat. Es ging soweit, dass sie die Briefkästen mit ihren Flyern in der Bismarckstraße befüllten und an einem Tag sogar einen Infostand durchführten. Hierbei muss betont werden, dass die Stimmen, die gegen unsere Forderungen laut wurden, uns eines klar und deutlich zeigten: Die Forderung nach dem Gedenken an Opfern von rechter Gewalt wurde demonstrativ ignoriert und in ihren Publikationen oft nicht einmal erwähnt. Unser Hauptanliegen gilt jedoch für die Opfer, die hier und jetzt dem Rassismus und diesem System zum Opfer fielen. So sehr, wie sie sich an der Person Bismarck geklammert haben, haben sie uns und der Öffentlichkeit auch gezeigt, wie sehr sie die aktuelle rassistische Entwicklung hierzulande ernst nehmen: Nämlich gar nicht. Vielleicht, da sie selbst die Verursacher mit ihrer Politik sind?