„Hakkımızı arıyoruz!“ (Wir fordern unser Recht)

Foto: Hamburg / Yeni Hayat

Sidar Carman

Tausende Beschäftigte des Öffentlichen Dienst haben sich in den letzten Tagen an den bundesweiten Arbeits- und Warnstreiks beteiligt. Der Druck aus den Betrieben wird erhöht. Nach zwei gescheiterten Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft ver.di und dem Verband kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA), geht es am 22.-23. Oktober in die dritte Verhandlungsrunde. Ver.di fordert für rund 2,3 Millionen Beschäftigte im Öffentlichen Dienst bei Bund und Kommunen u.a. 4,8 % mehr Lohn und Gehalt, mindestens aber 150 Euro bei einer Laufzeit von 12 Monaten. Zu den Streikenden, die in den letzten Tagen ihre Arbeit niedergelegt haben, gehören die rund 800 Beschäftigten der Abfallwirtschaft Stuttgart. Vorneweg die Arbeiter in den orangenen Arbeitskleidern, die täglich dafür sorgen, dass die Mülleimer geleert und die Straßen gereinigt werden. In Stuttgart hat mit 41 % fast jeder Zweite von ihnen einen Migrationshintergrund.

Resul Tunc ist einer von ihnen. 34 Jahre jung, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Seit 2009 ist er bei der Abfallwirtschaft beschäftigt. Davor hatte er Fachkraft für Post und Kurierdienstleistungen gelernt. In den Streiks gibt es diejenigen, die zu den Schlüsselpersonen gehören; sie sind die Stützen für die erfolgreiche Streikorganisation in den Betrieben. Resul ist so eine Schlüsselfigur. Wir haben mit ihm über seine Eindrücke zu den bisherigen Streiks gesprochen.

Wie sind deine Eindrücke von den bisherigen Streikaktionen?

Wir haben bislang zwei Mal unsere Arbeit niedergelegt. Es war nicht schwierig, die Kollegen zum Streik zu bewegen. Klar, bei den neuen Beschäftigten gab es schon Angst, ob ihnen etwas passieren kann, wenn sie „einfach“ nicht arbeiten gehen. Es gab auch Fragen, warum sie streiken sollten. Genau diese Fragen haben wir nicht nur angehört, sondern haben viele Gespräche geführt. Warum es wichtig ist, zu streiken und welche Rechte sie haben. Wir haben ca. 150 Leiharbeiter. Was wirklich positiv ist, dass einige Leiharbeiter mit uns zusammen am Streikposten stehen. Das macht uns stärker und verhindert, dass sie als Streikbrecher eingesetzt werden. Beim ersten Streiktag waren wir noch etwas ungeübt, gerade auch bei den organisatorischen Dingen. Wir lernen dazu. Und beim zweiten Mal waren wir schon besser.

Wie ist die Stimmung unter euch, unter den Kollegen? Corona und Streiken – ist das ein Thema bei euch?

Ganz ehrlich – Corona ist bei uns kein großes Thema. Unter den Kollegen wird viel mehr darüber geredet, ob wir unsere Forderung erreichen und wann der nächste Streiktag ist. Bei uns in der Betriebsstelle habe ich noch von keinem gehört, dass wegen Corona der Streik abgelehnt wird. Und wir müssen ja kämpfen. Alles wird teurer – Mieten, Lebensunterhalt. Die Leute brauchen Geld, darum geht es. Für uns ist jeder Cent wichtig! „Hakkimizi ariyoruz.“ Wir leeren Mülleimer. Wir haben im Lockdown weitergearbeitet und wir waren Null geschützt. Wir wollen Anerkennung. Die Forderung nach 4,8% hört sich nicht viel an, aber ich weiß nicht, ob wir es schaffen. Die Kollegen erwarten eine starke Ver.di, die nicht sofort nachgibt, sondern kämpft, also ich meine, dass wir kämpfen. Das ist meine Erwartung und die meiner Kollegen. Wir kämpfen um Anerkennung und Würde für unsere Arbeit in der Müllabfuhr und in der Straßenreinigung. Darum geht es.