Wir sind immer für euch da! Ihr für uns auch?

Jakob Becker* 

Morgens früh, wenn die Welt noch schläft und es im Herbst draußen dunkel ist, ein leichter Wind das Laub über die Straßen fegt, sind wir für dich da. Mittags, wenn der Planet bei 35 Grad im Schatten brennt und die Hitze unerträglich wird, sind wir für dich da. Im Winter bei Schnee und Eis, wenn die Straßen glatt und gefährlich sind, sind wir für dich da. Wenn du hart gefeiert hast und danach müde und zufrieden ins Bett fällst, sind wir für dich da. Wenn du vor lauter Dingen, die du über viele Jahre angehäuft hast, nicht weist, wohin damit, sind wir für dich da. 

Wir kümmern uns darum, dass dein Müll entsorgt, recycelt oder deponiert wird. Egal ob es dein Sperrmüll ist oder deine stinkende Restmülltonne. Was du vielleicht nicht weist, wir liefern einen Teil deines Mülls in die Müllverbrennungsanlagen, wodurch dann viele Häuser beheizt werden und Strom erzeugt wird. Wir sind immer zuverlässig für dich da. Selbst während des „Lockdown“ hielten wir die Wertstoffhöfe offen und waren verfügbar. Wir säubern eure Straßen von Müll, Schnee, Eis und auch Laub. Wir leeren eure öffentlichen Mülleimer in der ganzen Stadt und räumen nach Partys, großen Festen und Trinkgelagen die Plätze auf. 

Wir sind ohne Unterbrechung für dich da, damit dein Müll, nicht dein Problem wird.

Das tun wir für dich, um unser Leben zu bestreiten. Für einen Lohn, der kaum zum Leben reicht. Wertschätzung und Anerkennung erfahren wir nur selten für eine in unserer Gesellschaft sehr wichtige Tätigkeit, die wir auch während die Wirtschaft stillstand, unermüdlich verrichtet haben. 

Nun fordern wir eine bessere Vergütung, dafür, dass wir uns immer um deinen Müll kümmern, aber von unserem Arbeitgeber ernten wir nur Missachtung und Ablehnung. Die Bevölkerung reagiert teilweise mit Unverständnis. „Wir sollen froh sein, dass wir einen Job haben.“ „Andere seien schließlich in Kurzarbeit oder hätten ihre Arbeit verloren.“

OK Leute, ist das wirklich euer ernst? Im März und April habt ihr noch geklatscht und jetzt bekommen wir eine Klatsche? Die Stadt Stuttgart hatte bis zum Beginn der Pandemie keine Schulden und von 2016 bis 2019 jedes Jahr einen Überschuss zwischen 200-500 Millionen €.

Wir reden davon, wie wir die Wirtschaft ankurbeln, weil unser Wirtschaftssystem nur funktioniert, wenn das Geld fließt. Und niemanden, der seinen Job verloren hat, ist damit geholfen, wenn wir real weniger Geld verdienen.

Das beste Konjunkturprogramm ist, wenn ca. 2 Millionen Menschen mehr Geld für ihre Arbeit erhalten, mit der sie die Gesellschaft am Laufen halten. Denn anders als Unternehmer und Reiche, konsumieren wir und kurbeln dadurch die Wirtschaft an. Nebenbei gibt es weiterhin einen Fachkräftemangel, dem damit ebenso entgegengewirkt werden kann.

Und da Lohnerhöhungen nicht einfach gezahlt werden und es nichts geschenkt gibt, streiken wir für unsere Forderung nach 4,8 %, mindestens 150 € mehr Gehalt.

Das stört dich? Dann müssen wir den Beginn dieses Artikels etwas berichtigen. Alle paar Jahre kann es mal sein, dass an ein oder zwei Tagen der Müll nicht abgeholt wird, damit wir uns unsere Anerkennung selbst erkämpfen. Denn von Applaus alleine können wir keine Mieten und Lebensmittel bezahlen.

* Gewerkschaftssekretär ver.di Stuttgart