Gewalt an Frauen ist keine Privatangelegenheit

Svenja Hauerstein / Sidar Carman

In vielen Ländern auf der Welt geschehen immer noch Verbrechen an Frauen: an ihrer Arbeitskraft wie auch an Übergriffen auf den weiblichen Körper. Sie zeigen sich in den unterschiedlichsten Formen: im Anstieg der Frauenarmut, in der fehlenden gleichberechtigten Teilhabe an Arbeit, Bildung, Politik und Gesellschaft, im Eingriff auf die Fruchtbarkeit der Frauen, im Frauenhandel, im gravierenden Anstieg von sexueller Belästigung und Vergewaltigungen, in jeder Handlung innerhalb der Familie und des sozialen Umfelds, das im Namen der „Ehre“ und „Tradition“ gegen die Frau verwendet wird. Fast alle bisherigen Gesellschaften verbündeten sich mit dem Patriarchat und proklamierten damit die „unbedingte Herrschaft der Männer über das weibliche Geschlecht als gesellschaftliches Grundgesetz“ (Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, F.Engels, S.77). Frauen sind im Kapitalismus in doppelter Beziehung das benachteiligte Geschlecht – durch die Abhängigkeit der Männerwelt und die die ökonomische Abhängigkeit. (Die Frau im Sozialismus, August Bebel, S.29)

Wenige Tage vor dem Internationalen Tag zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen bereiten sich Frauen weltweit auf Aktionen, Proteste und Kundgebungen vor. Dieses Jahr stehen die Proteste unter dem Vorzeichen der Pandemie und den Auswirkungen der kapitalistischen Wirtschaftskrise. Trotz der schwierigeren Bedingungen versuchen Frauen den öffentlichen Protest in Zeiten von Versammlungs- und Kontaktbeschränkungen zu verteidigen, indem sie neue, kreative, sog. „coronakonforme“ Protestformen erproben. Denn für die Frauen gibt es auch in diesem Jahr viele Gründe, sich gegen die Wirkungen ihrer ökonomischen Ungleichheit und gegen männliche, patriarchale Gewalt und Machtverhältnisse aufzulehnen. Der Kampf gegen Gewalt vereint Frauen unterschiedlicher Herkunft und sozialer Stellung. Denn männliche Gewalt trifft sie alle. Egal ob Hausfrau, Studentin, Arbeiterin oder Angestellte. Bis heute hat sich an der Lage nichts geändert. Mehr noch, immer mehr Frauen werden Opfer männlicher Gewalt, wie eine aktuelle Statistik des Bundeskriminalamts zeigt.

Aktuelle Statistik bestätigt: Häusliche Gewalt nimmt zu!

Vor wenigen Tagen, am 10. November, stellte das Bundesfamilienministerium eine aktuelle Auswertung des Bundeskriminalamts zur Gewaltbetroffenheit von Frauen in Deutschland vor. Das Ergebnis ist klar und alarmierend zugleich: 2019 gab es mehr als 141.000 Opfer von häuslicher Gewalt. 81% Prozent davon Frauen. Das waren rund 1000 mehr als 2018. 2015 zählte die Statistik „noch“ rund 127 500 Opfer. Demnach wird an fast jedem dritten Tag in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Statistisch betrachtet wird alle 45 Minuten eine Frau Opfer von „vollendeter“ und versuchter, gefährlicher Körperverletzung. Frauen werden bedroht, genötigt, geschlagen, getreten, vergewaltigt, missbraucht und getötet – dort, wo sie eigentlich am sichersten sein sollten: In der eigenen Wohnung. 2019 kamen 117 Frauen und 32 Männer wegen häuslicher Gewalt zu Tode.

Pandemie – Gewalt an Frauen: Wenn das Zuhause gefährlich wird

Das Gebot der Stunde „Zuhause zu bleiben“ verschärft die Gewaltbetroffenheit von Frauen. Das Zuhause, das unsere Gesundheit schützen soll, wird für immer mehr Frauen zu einem gefährlichen Ort. Mit der Isolation durch die Coronamaßnahmen steigen Fälle von Gewalt gegen Frauen, aber nicht die Zahl der Plätze in den Frauenhäusern. In Deutschland gibt es 350 Frauenhäuser, das sind rund 6.800 Plätze und laut der Istanbul-Konvention rund 15.000 Plätze zu wenig. Jährlich suchen in Deutschland etwa 16.000 Frauen mit fast ebenso vielen Kindern Zuflucht in einem Frauenhaus. Doch die Plätze sind rar. Tausende verharren vor den Türen der Hilfseinrichtungen, weil es einfach keinen freien Platz mehr gibt. Nach aktuellen Schätzungen fehlen mehr als 14.600 Schutzplätze für Frauen, insbesondere in Ballungsgebieten, heißt es weiter im Bericht des Deutschen Bundestags aus 2019. (Frauenhäuser in Deutschland, Deutscher Bundestag, 27. Mai 2019)

Rollback: Zurück in traditionelle Rollen

Nein, vor Corona stand es nicht besser um die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Nur wenige Tage vor dem Lockdown prangerten weltweit Frauen die Verhältnisse an, die ihnen aufgezwungen werden: Ungerechte Bezahlung auf der Arbeit, die Abwertung ihrer Arbeit verbunden mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen, die fehlende ökonomische Unabhängigkeit, die Verdrängung in überholte, traditionelle Rollen, der Ausschluss von einer selbstbestimmten und freien Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und nicht zuletzt die Übergriffe auf ihren Körper. Eben diese Missstände haben sich mit der Pandemie nicht plötzlich in Luft aufgelöst. Sie hat die Achillesferse von Millionen von Frauen getroffen – an den wunden Stellen ihrer fehlenden Gleichberechtigung. In den sogenannten „systemrelevanten“ Berufsgruppen in der Pflege und der medizinischen Versorgung arbeiteten die Beschäftigten – mehrheitlich Frauen – bis zum Anschlag und noch viel zu oft ohne ausreichenden Gesundheits- und Infektionsschutz und geringer Entlohnung. Mit der Schließung von Kinderbetreuungsplätzen und Schulen wurde die Frage der Betreuung – mit wenigen Ausnahmen – auf die Frauen abgewälzt.

Ursachen der Gewalt

Die Unterdrückung der Frau, die sich durch Gewalt manifestiert, ist nicht naturbedingt. Vielmehr ist sie struktureller Art, was wiederum bedeutet, dass Menschen diese Verhältnisse selbst herbeigeführt haben. Hat man dies erkannt, hat man den ersten Schritt hin zu einer Veränderung getan. Argumentiert man hingegen rein biologisch, indem man behauptet, die Frau sei durch körperliche „Unterlegenheit“, für und gegen die sie nichts tun könne, darauf angewiesen, vom Mann beschützt zu werden, kann sie von Glück reden, wenn der Mann sich nicht dazu entscheidet, sie zu unterdrücken. Eine auf biologischen Merkmalen basierende Zementierung der Verhältnisse nimmt uns Menschen die Zügel aus der Hand. Wir sind ohnmächtig und der Willkür unserer Gene ausgeliefert.

Nun ist dies natürlich eine Vereinseitigung. Eine Frau, die jeden Tag Gewichte stemmt, wird Männern überlegen sein, die sich körperlich nicht betätigen. Dies ist heutzutage auch im Bewusstsein der meisten Menschen angekommen. Doch wenn man sich den Unterschied von Mann und Frau nicht historisch-materialistisch erklären will, weil man sonst auf eine ganze Reihe weiterer Erkenntnisse stoßen würde, die die Grundlage unserer heutigen Lebensform in Frage stellt, muss man Annahmen machen, die diesen Unterschied durch Prädispositionen oder Naturgegebenheiten erklären. Dabei werden hinter vorgehaltener Hand die Ursachen verewigt.

Es ist offenkundig, dass zwischen Mann und Frau eine biologische Diskrepanz besteht, die man nicht leugnen kann. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die Diskrepanz ist zur anderen Hälfte gesellschaftlich-historisch, sie hat sich mit der Geschichte entwickelt. In der westlichen Welt hat die Industrialisierung den Grundstein für die turbokapitalistische Gesellschaft gelegt hat, in der wir heute leben. Wie die ursprüngliche Aneignung von Arbeit durch Gewalt stattfindet und die Produktionsmittel in Privateigentum wie das Produkt zu den Privateigentümern überführt werden, so auch die Unterwerfung der Frau.

Im Kapitalismus hat die Frau vor allem eine zentrale, strukturelle Aufgabe: die Reproduktion der Arbeitskraft. Sie leistet Reproduktionsarbeit aber zudem ist sie klassischerweise für die Erziehung der Kinder und die Führung des Haushalts zuständig. Das ermöglicht dem Mann, der die Lohnarbeit verrichtet, sich zu Hause regenerieren zu können. Insofern arbeitet auch die Frau indirekt und unbezahlt für den Kapitalisten, da sie „zuhause“ die materielle Voraussetzung dafür schafft, dass ihr Mann „auswärts“ Lohnarbeit leisten kann. Soweit das klassische Rollenbild, das noch bis heute Auswirkungen hat, die sich strukturell reproduzieren und zu einem großen Teil unbewusst in Rollenbildern tradieren. Denn jahrhundertelange Unterdrückung kann nicht folgenlos bleiben. Auch wenn dieses Rollenbild heute durchbrochen wird, übernimmt die Frau häufig immer noch die klassischen Aufgaben, ob durch Gewohnheit oder weil es explizit von ihr verlangt wird. Allerdings ist die individuelle Variation hier sehr groß.

Die patriarchalische Gesellschaftsordnung ist nicht naturgegeben, etwa weil sich der Mann durch körperliche Überlegenheit auszeichnet und darum die „wichtigeren“ Aufgaben eines Kriegers oder Jägers übernimmt. Vielmehr sind viele indigene Völker, die noch heute so leben, ursprünglich matriliniear (wie die Warao aus Venezuela) oder sogar matriarchalisch organisiert. Warum ist das so? Indigene Völker zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie im Gegensatz zu den modernen Industriegesellschaften keinen vergleichbaren Industrialisierungsprozess durchlaufen haben. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Unterdrückung der Frau nicht naturwüchsig, sondern strukturell bedingt und systemisch angelegt ist.

Eingriff auf den Körper der Frau: Beispiel Polen

In Polen hält der Protest gegen das Abtreibungsverbot an. Frauen gehen auf die Straße für ihr Recht, selbst über den eigenen Körper zu bestimmen. Der Protest hat sich längst ausgeweitet und richtet sich grundsätzlich gegen die rechtskonservative Regierungspartei PiS. Frauen, vor allem junge Demonstrantinnen, prangern zunehmend die gesellschaftlichen und politischen Zustände an, die demokratische Rechte und Lebenskonzepte beschneiden. Auslöser der Proteste ist die weitere Verschärfung des Abtreibungsrechts. In Polen sind Schwangerschaftsabbrüche per Gesetz verboten – mit einigen wenigen Ausnahmen. Bisher sind Abtreibungen erlaubt, wenn das Leben der Frau gefährdet war, Frauen durch eine Vergewaltigung schwanger geworden sind oder wenn der Fötus einen schweren genetischen Defekt aufweist. Letzteres hat das Verfassungsgericht nunmehr verboten. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, wären in Polen kaum noch legale Schwangerschaftsabbrüche möglich. Eingriffe wären damit nur noch im Ausland möglich, sofern die Frauen sie bezahlen können. Unmöglich für Frauen aus ärmeren Verhältnissen, die sich einen Eingriff im Ausland nicht leisten können.

Forderung der Frauenbewegungen – Ausblick

Das konservative Rollenbild der Frau hat ihre strukturellen Ursachen in der kapitalistischen Gesellschaft und nicht in biologischen oder theologischen Gegebenheiten. Davon müssen wir uns befreien. Nun gibt es – in Übereinstimmung mit der Geschichte der Frauenbewegung – zwei Arten der Emanzipation. Entweder emanzipiert sich die Frau in der kapitalistischen Gesellschaft, was gerade passiert und auch schon passiert ist, indem sie selbst Lohnarbeit leistet und dadurch nicht mehr auf den Mann angewiesen ist. Doch die Freiheit in einer unfreien Welt ist bloßer Schein. Vor allem wächst der Druck auf die Frauen aus den unteren und mittelständischen Klassen. Die Frau soll Lohnarbeit verrichten, zu Hause eine gute Mutter für ihre Kinder sein, ihre Ellbogen als Konkurrentin ausfahren und dabei gleichzeitig emanzipiert und selbstständig sein. Das ist eine bloß formelle Emanzipation, eine formelle Gleichheit vor dem Gesetz. Zudem ist die Verteilung des erwirtschafteten Vermögens, das auf patriarchalischen Strukturen beruht, ein Beweis dafür, dass Frauen heutzutage keineswegs materiell gleichgestellt sind. So zeigt eine Studie von Oxfam aus dem Januar dieses Jahres, dass Männer im Schnitt 50 Prozent mehr Vermögen besitzen als Frauen.

Die andere Möglichkeit besteht darin, sich über die bloß formelle Emanzipation hinaus auch materiell zu befreien, d.h. sich von der kapitalistischen Gesellschaft als Ganzes zu emanzipieren und somit von allen strukturell angelegten Benachteiligungen, von der Reproduktionsarbeit, Hausarbeit, Vermögensverteilung usw. Hierbei ist die Emanzipationsbewegung der Frau Teil einer Emanzipation der lohnabhängigen Massen und nur hier wird ein Erfolg zur tatsächlichen und damit sozialen Freiheit führen. Das würde bedeuten, dass für eine Gesellschaft gekämpft wird, in der spezifisch die Reproduktions-, Haus- und Erziehungsarbeit von noch zu schaffenden Organen der Gesellschaft übernommen werden. Durch die Befreiung von Klassengewalt, Hierarchie und Geschlechterverhältnissen werden Frauen von Unterdrückung und häuslicher, sowie sexistischer Gewalt befreit: etwa mit dem Aufbau eines vollumfänglichen und allseitigen, demokratischen und sozialen Systems von Kindertagesstätten mit ausreichendem, gutbezahltem und hochqualifiziertem Erziehungspersonal, der Aufhebung aller Abtreibungsverbote, der Selbstbestimmung über den eigenen Körper und Erleichterung sowie völlige Vereinfachung des Eherechts und Aufhebung der Bedingung des richterlichen Beschlusses für eine rechtswirksame Scheidung. Ohne soziale Emanzipation der Frau ist keine Emanzipation der Geschlechter und keine soziale Emanzipation möglich.