Moria war die Hölle, aber hier ist es schlimmer

Essen/YH

Özgün Önal

Übermäßig viele Menschen auf engem Raum, unhygienische Zustände, ein Feuer, was sich schnell ausbreitete und jetzt auch noch die wetter- und jahreszeitbedingten Einschränkungen…
Laut Aussagen der Geflüchteten in dem Flüchtlingslager im griechischen Kara Tepe sei der Zustand nun deutlich schlimmer als auf Moria. Es sei die reinste Hölle, so einer der Geflüchteten. In einem Weihnachtsbrief schrieben Flüchtlinge an EU-Behörden: „Selbst Tiere haben in der EU mehr Rechte und bessere Lebensbedingungen als wir. Jeden Tag leben wir in Angst und Not“
Das Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos sollte zunächst als eine vorübergehende Lösung dienen. Jedoch ist der Zustand in diesem Lager menschenverachtend.

Kein Wasser und Strom. Es herrscht Ausgangssperre

Im Zeltlager, in dem die Menschen vermutlich überwintern werden, gibt es kein warmes Wasser, Strom nur an wenigen Generatoren, die immer wieder ausfallen – und an denen sich Menschentrauben bilden, um Wasser zu kochen oder ihre Handys zu laden. Das Camp verlassen, etwa um einzukaufen, dürfen die Bewohnerinnen und Bewohner nur noch einmal in der Woche – für vier Stunden. Es gibt nur wenige Straßenlaternen und Lampen, ab 17 Uhr ist es im gesamten Camp stockfinster, sowohl in den Zelten, als auch draußen.
Zudem liegt das Lager auf einem ehemaligen Militär-Übungsplatz. Regelmäßig finden die Bewohnerinnen und Bewohner Munition und Reste von Waffen. Solche Schießplätze seien häufig mit Blei kontaminiert, warnt Belkis Wille von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch: „Tausende Migranten auf einen ehemaligen Schießplatz zu bringen, ohne vorab sicherzustellen, dass sie dort keinem giftigen Blei ausgesetzt sind, ist unverantwortlich.“ Das griechische Migrationsministerium teilt dagegen mit, dass im Lager keine Vergiftungsgefahr bestehe.

Krankheiten greifen um sich 
Abgesehen von dem Coronavirus kursieren im Lager die Winter-Krankheiten, wie grippale Infektionen und durch fehlende Sanitäranlagen bereiten sich auch Hautinfektionen und -krankheiten aus. Aktuell sei die Krätze im gesamten Lager im Umlauf. 
Der Mangel an heißem Wasser führt dazu, dass die Menschen im Camp bereits seit Monaten nicht duschen konnten, was die Verbreitung der Hauskrankheit begünstigt.
Auch der Zustand von Kindern sei viel schlimmer geworden. So berichtet Katrin Glatz-Brubakk, die als Kinderpsychologin für Ärzte ohne Grenzen schon neun Mal in den letzten Jahren zunächst in Moria und nun in Kara Tepe war, dass ein Großteil der Kinder unter Alpträumen und Panikattacken leiden. Es gäbe auch Kinder, die aufgehört haben, zu sprechen, sich zurückziehen und sich nicht aus ihren Zelten heraustrauen.
Fragt man die Brüsseler Behörden, ob sie mit den Zuständen in Kara Tepe zufrieden seien, heißt es, die Bedingungen blieben „sehr schwierig“. Man arbeite aber intensiv an einer dauerhaften Lösung. So hat die Behörde Anfang Dezember eine Absichtserklärung mit Griechenland unterschrieben, dass bis September 2021 ein neues, dauerhaftes Lager auf Lesbos entstehen soll. So lange müssen die Menschen wohl weiter im Übergangslager wohnen.

Diese Lager müssen aufgelöst werden

Die Milliarden an Euros, die Griechenland erhalten hat, würden in den Flüchtlingscamps keine Spur zeigen, so Hilfsorganisationen, die sich derzeit vor Ort befinden.
Die oft beschworene europäische Solidarität zeigte sich nach dem Moria-Brand zunächst nur verhalten. Erst nach einigen Tagen hatten sich zehn europäische Länder bereiterklärt, 400 Minderjährige aus Griechenland aufzunehmen. Weitere folgten im Laufe der Wochen. Nach aktuellen Angaben der EU-Kommission hat es bislang Angebote für knapp 2700 Umsiedlungen von der Insel Lesbos gegeben. Gut 1400 davon seien durchgeführt worden. Zudem seien nach dem Moria-Brand mehr als 3500 Personen aufs griechische Festland gebracht worden.

In Deutschland wären etliche Länder und Kommunen bereit, deutlich mehr Menschen als bislang aufzunehmen. Bei den letzten Kontingenten mit 1703 Plätzen wären die Länder zur Aufnahme von insgesamt 4253 Menschen bereit gewesen, heißt es beim Bundesinnenministerium. Das allerdings verhindert Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Er besteht darauf, dass andere europäische Länder sich an der Aufnahme von Migranten aus Griechenland beteiligen. Je weiter sich Deutschland vorwage, desto geringer sei die Bereitschaft zur Aufnahme anderswo, so die Befürchtung.
Die Asylpolitik der EU zeigt erneut, dass Profit und Geld vor Menschenleben kommt.
Insgesamt hat Deutschland seit März 1518 Migranten aus Griechenland aufgenommen. Die Forderungen nach einer deutlich großzügigeren Aufnahme reißen jedoch nicht ab. Vor wenigen Tagen erst forderten mehr als 240 Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen außer der AfD in einem „Weihnachtsappell“ neben einer „europäischen Lösung“ auch eine verstärkte Aufnahme von Migranten aus Griechenland in Deutschland.
Klar wird, dass die Menschen auf Lesbos so bald wie möglich von EU-Staaten aufgenommen werden müssen, um ein menschenwürdiges Leben bekommen zu können.