Vom Pandemiejahr zum Jahr der Ungewissheit

Alev Bahadır

Ein schwieriges Jahr voller Einschränkungen, Sorgen und Frustrationen liegt hinter uns. Alle Jahre haben ihre Probleme, doch 2020 war schon anders. Dieses Jahr hat alle Pläne, Wünsche und Prognosen, die man getroffen hatte, zu Nichte gemacht oder zumindest stark verändert.

2020 war das Jahr, in dem weltweit ca. 80 Millionen Menschen mit dem Sars-Cov2 – Coronavirus infiziert wurden. Knapp unter 2 Millionen Menschen starben an den Folgen oder Auswirkungen, meist ältere und Vorerkrankte Menschen mit chronischen Krankheiten. Das Virus hat medizinische Probleme verstärkt, vor allem arme Menschen starben.

Und das Virus hat ebenso in der Wirtschaft und Kultur, in der Kunst und in der Politik und im sozialen Alltag Spuren hinterlassen. Und all diese Spuren werden sich auch auf das kommende Jahr 2021 auswirken. Anders als andere Infektionskrankheiten zuvor, hat sich das Coronavirus in einem Rekordtempo über alle Kontinente verbreitet. Die Krise, mit der wir heute konfrontiert sind, war schon zu Jahresbeginn nicht länger regional, sondern hatte einen globalen Charakter gewonnen.

Die Pandemie hat vielen anderen Themen einfach ihren Stempel aufgedrückt. Wir sprechen heute kaum noch über die Streiks der vergangenen Zeit, noch über Hanau oder die großen antirassistischen Bewegungen, die ihren Start nach der Ermordung von George Floyd in den USA hatten und sich schnell ausbreiteten, noch über die Niederreißung von Statuen alter Kolonialherren oder die Niederlage Donald Trumps bei den Präsidentschaftswahlen in den USA. Noch nicht mal über den Tod von Fußballlegende Maradona. Und schon gar nicht über die kapitalistische Wirtschaft, die in Bedrängnis kommt.

Auch wenn wir nach Jahrzehnten auf das Jahr 2020 zurückblicken werden, werden uns wahrscheinlich sofort Schutzmasken, geschlossene Geschäfte, Reiseverbote, Ausgangssperren und vieles mehr in den Sinn kommen.

NICHT DIE REICHEN, SONDERN DIE GERINGVERDIENER WAREN “SYSTEMRELEVANT”

Was viele von uns nur aus Dokumentarfilmen kannten, wurde dieses Jahr zur Wirklichkeit. Nicht umsonst war eine häufige Aussage des Jahres: “Als wären wir in einem Film”. Mit der Entscheidung der Regierung wurden auf einen Schlag Schulen, Geschäfte, Restaurants geschlossen. Vor den Läden, die Produkte des täglichen Bedarfs verkauften, wie Lebensmittelgeschäfte oder Drogeriemärkte, bildeten sich meterlange Schlangen. Die Regale waren leergefegt. Gehortete Waschmittel, Toilettenpapier, Seife, Nudeln, Mehl und Zucker füllen vermutlich weiterhin Keller und Kammer tausender Haushalte.

Für die Mitarbeiter im Gesundheits- und Versorgungssystem, die jederzeit bereit standen, erhob sich über Wochen Applaus von den Balkonen und Fenstern. Plötzlich waren es die Berufe, die zu jenen mit dem geringsten Verdienst zählen, wie Krankenpfleger, Verkäufer, Bus- und Bahnfahrer oder Reinigungskräfte, die als “systemrelevant” galten. Denn tatsächlich: während viele in Homeoffice geschickt wurden oder Urlaub bekamen, waren es diese Berufsgruppen, die zu jeder Zeit, Tag und Nacht, weiterarbeiteten und den Alltag retteten. Und das selbst mit dem geringen Lohn, den sie bekommen. Die Forderung nach höheren Löhnen wurde vor allem mit einmaligen Sonderzahlungen bei Seite gewischt. Im Gesundheitssystem hat sich nicht ernsthaft etwas verändert und mit der zweiten Welle zum Jahresende stoßen medizinisches Personal und Pflege erneut an die Grenzen ihrer Kapazitäten.

DIE SITUATION IN DEUTSCHLAND

Die Situation in Deutschland war sehr unterschiedlich. In der ersten Welle war die Zahl der Infektionen und Todesfälle eher gering. Die Regierung hat ihre finanziellen Möglichkeiten ausgeschöpft, wobei der Großteil der “Corona-Hilfen” vor allem Großunternehmen zu Gute kam. Der Schuldenbremse zum Trotz wurden Ausgaben getätigt. Die Forderungen der Arbeitgeberverbände, die Fabriken zu öffnen und die Produktion zu “normalisieren” wurde ziemlich früh erfüllt. In der verhältnismäßig ruhigen Sommerzeit, in der man sich auf eine zweite Welle vorbereiten konnte, wurde jedoch wenig unternommen. Weder Lüftungsanlagen oder digitale Endgeräte, noch Konzepte zur Ordnung von Kitas oder Schulen wurden besorgt. So kam es, wie es musste: Auch in Deutschland schossen die Zahlen der Infektions- und Todesfälle in die Höhe. Zum Jahresende haben sich in Deutschland 1,7 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert und 30.000 Menschen sind an oder mit COVID-19 verstorben.

Manche Entwicklungen werden sich fortsetzen. So haben wir bereits öfter festgestellt, dass die Entscheidungsfindung während der Coronapandemie alles andere als wirklich demokratisch verlief und die Maßnahmen vom “Corona-Kabinett” um die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder gefällt wurden. Statt mit einem kompletten Lockdown alles stillzulegen und die Verbreitung des Virus einzudämmen, wurden individuelle demokratische Rechte eingeschränkt. Diese Entwicklung wird sich wohl auch ins kommende Jahr tragen.

In diesem Jahr haben vor allem rechte Kräfte die Situation genutzt, um nach außen zu treten und den Protest gegen die Maßnahmen für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Denn wo Proteste gegen die Maßnahmen vor allem die unzumutbaren Bedingungen im Gesundheitswesen, Bildungssektor und Arbeitsleben anprangern und dahingehend Forderungen aufstellen sollten, verwischen die Corona-Leugner die eigentlichen Probleme mit Verschwörungstheorien um die Existenz des Virus, der Impfung oder das Tragen von Masken. Diese Proteste werden sicher auch in 2021 fortgeführt. Doch hat die Pandemie auch Gewerkschaften, wie ver.di, nicht davon abgehalten trotzdem mit den Arbeitskämpfen nach außen zu treten, auch wenn nur bedingt und eingeschränkt. Was die politische Linke jedoch versäumt hat, sind berechtigte Kritiken an den Massnahmen und der Intransparenz von Entscheidungen.

Auch wenn es scheint, dass im Pandemiejahr Themen, wie Umwelt, Bildung, Gesundheit, Wohnen, ÖPNV, Arbeitsrechte und das soziale Leben in den Hintergrund gerückt sind, sehen wir, dass diese Probleme keinesfalls aufgehoben sind und sich 2021 in Luft auflösen werden. Daher ist es umso notwendiger, dass die Probleme, die sich im wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bereich zeigen und wahrscheinlich verschärfen werden, von links aufgegriffen und Konzepte offengelegt werden müssen, will man aufrichtig die Pandemie bekämpfen.