Wir schuften wie Sklaven *

Wir haben viele unserer Probleme beim Deutschen Paketdienst (DPD) bereits in Form von Leserbriefen an die Zeitung Yeni Hayat / Neues Leben geschickt. Wir wollen unsere Sorgen und Probleme mit den Lesern der Zeitung teilen, wollen aber auch eine öffentliche Meinung schaffen.

Aktuell ist es wieder so. In unserer Verzweiflung dachten wir, dass unsere Stimme bei unserer Gewerkschaft Verdi ein Gehör finden könnte.

Von unserem Betriebsrat (BR) sind wir schwer enttäuscht worden. Ihre Mitglieder sind mittlerweile allesamt durch gute Posten gekauft. Sie alle haben die Seiten gewechselt und kooperieren, Hand in Hand, mit dem Arbeitgeber. Wir Arbeiter schuften jedoch wie Sklaven.

Unsere  letzte Hoffnung ist die Gewerkschaft. Sie könnte die unmenschlichen Zustände erkennen und den BR zur Pflicht und Anstand bewegen. Leider hat aber bisher weder unsere Gewerkschaft unsere Stimmen gehört, noch hat unsere Vertretung zur Gnade gefunden. Da wir aber momentan gar keine anderen Möglichkeiten haben, wollen wir zumindest hier unserer Stimme Gehör verschaffen.

Cronoa greifft um sich. Arbeit geht weiter

Vor einigen Monaten infizierten sich Kollegen mit dem Virus. Ungefähr 40 unserer Kollegen mussten in Quarantäne. Da jedoch vom Management keinerlei Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden, bedroht uns das Virus weiterhin täglich bei und während der Arbeit.

Tahir Soğukkan, der BR-Vorsitzende und gleichzeitig Umschlagleiter in einer Person,

war selbst an Covid-19 erkrankt und musste  stationär intensiv behandelt werden.

Dennoch unternimmt er  keinerlei Anstrengungen, um diese Krankheit im Betrieb einzudämmen.   Er duldet und fördert die Arbeit unter Bedingungen, welche unsere Gesundheit und die unserer Familien gefährdet.

Ein Beispiel: Da die Sauberkeit von Toiletten und Duschen den Umständen entsprechend nicht eingehalten  wurden,  gab es große Empörung. Für eine regelmäßige sanitäre Hygiene sollte Personal freigestellt werden. Hierbei sollte der Leser wissen, dass der Job als Kauenwärter schon eine privilegierte Stelle im Vergleich zu den anderen Tätigkeiten im Betrieb ist! Und schnell wurden diese begehrten Stellen von den Kollegen besetzt, die sich gefügig und loyal gegenüber der Führung zeigten. Fair wäre es aber, wenn alle Kollegen im Wechsel dort eingesetzt werden könnten.

Täglich 100.000 Pakete aber keine richtige Pause

Wir DPD-Arbeiter arbeiten in Früh- und Spätschichten. Wir arbeiten also 12 Stunden am Tag. Unsere Arbeit ist sehr schwer, weil wir LKWs be- und entladen. Wir schuften im Akkord. Mit anderen Worten, wir müssen über 100.000 Pakete pro Tag bewältigen.

Wenn wir unter 100.000 Pakete fallen, halten sie uns unentgeltlich so lange am Förderband, bis das Minimum erreicht ist. Darüber hinaus werden beispielsweise die Pausenzeiten so geregelt, dass die Interessen des Arbeitgebers nicht berücksichtigt werden. Wenn das Förderband gestört ist, gibt es eine obligatorische Unterbrechung, die sofort als Pausenzeit angezeigt wird, auch wenn man gerade keine Pause benötigt, während manchmal erst nach 9 bis 10 Stunden die erste Möglichkeit kommt, eine Pause einzulegen. Manchmal kann man in einer Schicht nur eine Pause machen, wenn überhaupt! Gesetzlich haben wir ein Recht auf eine mindestens 15-minütige Pause nach 9 Stunden Arbeit, aber dieses Recht wird mit den Füßen getreten.

Weil wir unter diesen schwierigen Bedingungen arbeiten, haben wir nach Feierabend nicht mehr die Kraft, uns um unsere Familien zu kümmern. Wir gehen Tag für Tag fix und fertig heim. Wir leben nicht für uns selbst, wir leben nur noch für den Arbeitgeber.

Wer sich nicht beugt wird gemobbt und schikaniert

Die unbezahlten Überstunden geben uns den Rest. Schichtleiter Akkas, ebenfalls im Betriebsrat, hat kürzlich einen Kollegen, der als Mini-Jobber arbeitet, angewiesen, „länger zu bleiben“. Er erklärte, dass diese Überstunden nicht bezahlt werden. Der betroffene Kollege regte sich lautstark über diese Ungerechtigkeit auf. Ihm wurde sofort mit Kündigung gedroht. Die Mini-Jobber sind am stärksten von der Ausbeutung betroffen. Die haben keinen Anspruch auf Urlaubs- und  Krankengeld. Wenn jemand seine gesetzlichen Rechte nur mal zur Sprache bringt, wird gekündigt. Einige mutige Kollegen, die über unsere Probleme am Arbeitsplatz sprachen, erhielten zunächst eine Abmahnung und danach die Kündigung. Sie werden gezielt gemobbt und schikaniert, eine Tortur zur Abschreckung aller Kollegen. So erging es zuletzt drei Kollegen. Sie wurden immer wieder  gekündigt, per Gerichtsbeschluss wieder eingestellt, um dann wieder gekündigt zu werden. Sie wurden trotz richterlicher Beschlüsse über 2 Jahre lang am Werkseingang nicht reingelassen und aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen.

Hier spielt der gekaufte Betriebsrat eine große Rolle. Wie gesagt, ist der BR-Vorsitzende Tahir Sogukkan zugleich der Umschlagleiter. Er ist somit auch für das Personal zuständig. Die Mehrheit der anderen Betriebsrat-Mitglieder sind auf privilegierte Posten gehievt worden, sind Abteilungsleiter, Schichtleiter oder haben angenehme Büro-Jobs, mit denen sie vom Arbeitgeber für ihre Loyalität beschenkt wurden.

Was für eine Tragik-Komödie!

Einst gehörten sie alle in unsere Reihen. Wir haben ihnen vertraut und  sie als unsere Vertretung gewählt. Nun sind wir von ihnen verkauft und verraten worden. Das sollte uns eine Lehre sein, niemals die Kontrolle über unsere Vertreter zu verlieren. Denn Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Nun erhoffen wir eine Reaktion unserer Gewerkschaft Verdi. Wann wird unsere Gewerkschaft denn auf unserer Seite mit uns für unsere Rechte kämpfen?

* Ein Kollege bei DPD Duisburg