Studentenproteste in Istanbul gegen von Erdoğan eingesetzten Rektor

In Istanbul ist es am Montag zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und Studenten gekommen, die gegen einen von Präsident Tayyip Erdoğan eingesetzten Universitätsrektor protestierten. Auf Internetvideos ist zu sehen, wie hunderte Studenten durch Straßen ziehen und den Rücktritt von Melih Bulu fordern. Erdoğan hatte Bulu selbst zum Rektor gemacht. Es ist das erste Mal seit 1980, dass der Rektor nicht von der Universität selbst bestimmt wurde.

„Wir wollen keinen staatlich eingesetzten Rektor“ und „Er wird gehen, wir bleiben!“, riefen die Demonstranten. Der Lehrkörper verabschiedete eine Erklärung, in der Bulus Berufung als Verletzung der Wissenschaftsfreiheit und als Verstoß gegen die demokratischen Werte der Universität verurteilt wird. Der 50-jährige Bulu war am Freitag von Erdoğan als Rektor der Universität Boğaziçi (Bosporus) eingesetzt worden.

Berichte von Festnahmen

An den Protesten beteiligten sich insgesamt rund tausend Studenten und Akademiker. Vielen Studenten sin heute Morgen von der Polizei in Gewahrsam festgenommen worden, berichtete Tageszeitung Evrensel.

28 Studenten wegen „Widerspruchs gegen das Gesetz über Versammlungen und Demonstrationen Nr. 2911“ und „Widerstand gegen den verantwortlichen Beamten“ inhaftiert wurden, und 17 der Studenten wurden festgenommen.

In der Erklärung der Istanbuler Polizeibehörde wurde festgestellt, dass eine Operation gegen 24 Adressen in 13 Bezirken der Stadt durchgeführt und 17 Personen festgenommen wurden.

In früheren Jahren wurden die türkischen Hochschulrektoren intern gewählt, aber nach dem Putschversuch von 15. Juli 2016 hatte sich Erdoğan den Zugriff auf die Hochschulen gesichert.

Bulu gehörte bisher nicht zum Personal der Boğaziçi-Universität. Er hatte 2015 versucht, mithilfe von Erdoğans Partei AKP ein Abgeordnet sein . An der Boğaziçi-Universität, an der die Veranstaltungen auf Englisch abgehalten werden, hat sich über die Jahre eine starke linksgerichtete Studentengemeinde versammelt.

Im Jahr 2018 wurden mehrere Studenten festgenommen, weil sie an einer Demonstration gegen eine türkische Militäröffensive in Syrien teilgenommen hatten. Erdoğan beschimpfte sie als „Verräter“ und „Terroristen“.

Die Boğaziçi-Universität blickt auf eine lange Vergangenheit zurück. Sie wurde 1863 unter dem Namen Robert College als erste amerikanische Universität außerhalb der USA gegründet. 1971 wurde sie nach dem Boğaziçi/Bosporus umbenannt, an dem sie im europäischen Teil Istanbuls liegt. (YH)