Globaler Anstieg des Fleischkonsums

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Sinem Yesil

Jeder Deutsche isst im Schnitt 60 Kilo Fleisch im Jahr. Doch die steigende Fleischnachfrage begrenzt sich nicht nur auf das Inland. Der Fleischkonsum und die Nachfrage steigen auf globaler Ebene tendenziell an. Auf EU-Ebene steht Deutschland an erster Stelle bei der Fleisch“produktion“. Rund 16 % wird in andere Länder exportiert, Tendenz steigend. So ist beispielsweise die Anzahl an Legehennen und Hähnchen für die Geflügelfleischproduktion in den letzten Jahren stark angestiegen. Auffällig: Eine Verdopplung innerhalb von 17 Jahren bei drei Viertel weniger Betrieben! Dieses Verhältnis wirkt sich entsprechend auf die Tierhaltung aus: Die Diskrepanz zwischen dem Anstieg der Tierzahlen und den Schließungen der Betriebe deuten auf einen immer enger werdenden Raum hin. Im Jahr 2019 wurden deutschlandweit über 2 Millionen Tiere geschlachtet, die Hälfte davon von Tönnies, Westfleisch und Vion. Diese Unternehmen dominieren die deutsche Fleischindustrie. Grund für diesen Erfolg seien „die prekären Arbeitsbedingungen, unter denen sie ihre Beschäftigten arbeiten lassen“, so der Fleischatlas. Viele Beschäftigte seien in Leiharbeit oder im Rahmen von Werkverträgen beschäftigt, kriegen ihre Urlaubs- und Krankheitstage nicht bezahlt und auch Überstunden blieben häufig unbezahlt. Zwar wurden Leiharbeit und Werkverträge in der Fleischindustrie, kürzlich pandemiebedingt verboten, doch das Ausbeutungsverhältnis zwischen Unternehmen und Beschäftigten bleibt trotzdem unverändert. So lange einzelne wenige Unternehmen den Markt mit ihren unschlagbar günstigen Fleischpreisen dominieren, wird sich auch an der prekären Situation der Beschäftigten nichts ändern.

Die Fleischindustrie und Klimakrise

Die Heinrich-Böll-Stiftung und der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) fordern Maßnahmen, damit der Fleischkonsum reduziert wird. Die Forderungen der Heinrich-Böll-Stiftung erzielen eine Umstrukturierung der aktuellen Fleischproduktion. Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, kritisiert die prekären Arbeitsbedingungen, unter welchen Beschäftigte in der Fleischindustrie arbeiten müssten. Sie sieht jedoch die Problematik der Fleischindustrie nicht ausschließlich an der Situation der Beschäftigten. Waldrodungen würden zu einer Vertreibung der Menschen aus ihren Wohngebieten führen und zusätzliche Folgen der Fleischindustrie wären Pestizideinsätze und Biodiversitätsverluste. Diese Umstände seien wesentliche Treiber der Klimakrise. Die Heinrich-Böll-Stiftung macht auf die Dringlichkeit einer grundlegenden Änderung der fleischindustriellen Vorgehensweise aufmerksam. Ändere sich an der aktuellen Lage nichts, so würde sich die globale Fleischproduktion bis 2028 um 40 Millionen Tonnen auf 360 Millionen Tonnen jährlich erhöhen. Um die globalen Entwicklungsziele der Staats- und Regierungschefs zu erreichen, sei eine fünfprozentige Senkung des Fleischverbrauchs in den Industrieländern dringend notwendig. Jedoch steht die gegenwärtige Fleischindustrie mit ihren profitorientierten Herstellungsmethoden dem Wohl der Arbeitenden, dem Tierwohl, der globalen Gerechtigkeit und der Klimaneutralität im Wege. Die Industrieländer müssten den Berechnungen des Fleischatlas zufolge ihren Fleischkonsum um die Hälfte reduzieren, um den Klimaschutz zu sichern. Zudem stellt die Rodung der Wälder für Futtermittel eine Gefahr für Wildtiere dar, da ihnen ihr Lebensraum entzogen wird, Futtermittelproduktion in der Menge und Massenhaltung von Tieren bringt eine hohe Anwendung von Pestiziden und Antibiotika mit sich, was wiederum zur Verunreinigung von Grundwasser und zum Schaden der Biodiversität führt und zur Verbreitung von resistenten Keimen.

Junge Generation fordert einen Wandel der Fleischindustrie

Jugendliche zwischen 15 und 29 Jahren lehnen die Vorgehensweise der Fleischindustrie ab und sehen einen Zusammenhang zwischen Fleischproduktion und Klimawandel. Es ist gerade die jüngere Generation, die sich zudem immer häufiger vegetarisch oder vegan ernährt. Eine Umfrage ergab, dass sich diese Generation, im Vergleich zum Durchschnitt der gesamten Bevölkerung, doppelt so häufig vegan oder vegetarisch ernährt. Der Staat solle agieren und eine klimafreundliche Ernährung unter den Verbrauchern fördern, so die allgemeine Meinung. Die Jugendlichen verfolgen hier einen anderen Ansatz, als der Großteil der Politiker, die den Konsum von Billigfleisch als eine Privatangelegenheit darstellen, auf welche sie keinen Einfluss hätten.

Lösungsvorschläge der Politik für eine Konsumreduzierung

Julia Klöckner, Bundeslandwirtschaftsministerin (CDU), sieht die Lösungsansätze gegen den hohen Fleischkonsum bei den Verbrauchern selbst. Sie begnügt sich mit dem Vorschlag, eine Verbrauchsabgabe einzuführen und die Fleischpreise zu erhöhen. Diese „Tierwohlabgabe“ könne sie sich sehr gut bei Fleisch- und Wurstwaren vorstellen. Maßnahmen zur Besserung der Tierhaltung oder zur Reduzierung der Produktion sieht sie hingegen nicht vor. Die Politik verfolgt folglich eine individualisierte Herangehensweise. Ob der Lösungsansatz über eine Erhöhung der Fleischpreise zu einer Verbesserung der fleischindustriellen Situation führen wird, ist hingegen fraglich. Menschen mit hohem Einkommen könnten somit weiterhin in hohen Maßen Fleisch konsumieren, während die Werktätigen die Suppe, die sich die Fleischindustrie und die Politik selbst eingebrockt haben, auslöffeln müssten.

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