Boğaziçi: Propaganda und Gewalt werden die Wahrheit nicht verzerren können!

Ihsan Caralan

Während die Proteste der Studierenden und Lehrkräfte gegen den ernannten Rektor der Bogazici-Universität, Prof. Melih Bulu, seit einem Monat weiterlaufen, nimmt die staatliche Gewalt gegen den Protest zu. Auf der anderen Seite wächst die Solidarität mit dem Kampf der Studierenden innerhalb der Gesellschaft. Selber überrascht von der Unfähigkeit des neuen Rektors, einen Vorstand zu ernennen – er konnte bisher lediglich einen Stellvertreter bestimmen – versucht die Regierung mit vorgeschobenen Gründen den Widerstand der Studierenden und Lehrkräfte zu brechen, zu diffamieren und diskreditieren. Nun muss die Illustration „Kabe-Şahmeran“ im Rahmen einer Ausstellung im Clubraum der „Bildenden Künste“ als Vorwand für polizeiliche Ermittlungen und Operationen herhalten.

Die Propagandamaschinerie läuft auf Hochtouren. Die Behauptung lautet, die Illustration von Kabe-Şahmeran hinge mit der LBGT+-Bewegung zusammen. Solche Behauptungen ohne Rückhalt und einem funken Wahrheitsgehalt erinnern an die Behauptungen der Vergangenheit, „Die Kommunisten haben eine Bombe in die Moschee geworfen“ oder „Unsere Religion wird beleidigt“ und werden nun ergänzt mit „Unsere Religion wird erniedrigt“, um die polizeilichen Einsätze auf die Bogazici Universität zu rechtfertigen. In diesem Zusammenhang wurden hunderte von jungen Menschen unter Einsatz von allen erdenklichen brutalen Formen der Polizeigewalt (Schlagstöcke, Tränengas, Gummigeschosse, Belästigung/Nötigung in Gewahrsam, Misshandlung …) inhaftiert.

Studierende entschlossen, „den Kopf nicht zu senken“ gegen Polizeibrutalität

Während die Zahl der innerhalb von zwei Tagen in Ankara und Istanbul inhaftierten jungen Menschen 400 überstieg, verkündete Innenminister Soylu, als wäre er Polizei, Staatsanwalt und Richter zugleich, dass alle Inhaftierten Mitglieder terroristischer Organisationen seien! 

Der Widerstand der Studierenden und Lehrkräfte der unter dem Motto „Wir wollen keinen selbsternannten Rektor“ begann, geht landesweit nun mit Unterstützung anderer Universitäten und Lehrkräfte sowie der demokratischen Öffentlichkeit weiter, mit dem erweiterten Motto „Wir wollen keinen selbsternannten Rektor. Wir senken den Kopf nicht! Wir geben nicht auf!“.

Die Teilnahme von Studierenden anderer Hochschulen in Ankara und Istanbul an den Protesten und die abendlichen Solidaritätsbekundungen in den Gemeinden und Städten durch das Klopfen auf Töpfe und Pfannen zeigen, dass der Kampf sich auf die ganze Gesellschaft ausbreiten kann. Dem Anschein nach wird über den „selbsternannten Rektor“ debattiert. Der wahre Grund liegt jedoch woanders. Zwar behauptet die Ein-Mann-Regierung immer wieder, in allen Bereichen bedeutende Erfolge erzielt zu haben, aber ihr „Versagen auf der Ebene der intellektuellen Macht“ war schon immer ihre größte Schwäche. Im Oktober letzten Jahres hatte Präsident Erdogan in seiner Rede bei der Eröffnungsfeier des akademischen Jahres der Ibni-Haldun-Universität öffentlich zugegeben, dass sie „in intellektueller Hinsicht keine Machtposition“ ausbauen konnten.

Mit Gewalt die „intellektuelle Macht“ erlangen 

Mit diesem Eingeständnis gab Erdogan praktisch zu, dass der Plan der „Erziehung religiöser Generationen“ als unabdingbare Voraussetzung für eine „konservative Gesellschaft“ gescheitert war und sein Ein-Mann-Regime die Universitäten nicht vollkommen dominieren konnte. Daher sollte man die aktuellen Entwicklungen, die vehemente Polizeigewalt und Propagandamaschinerie nicht oberflächlich als die Ernennung eines Rektors Prof. Bulu verstehen, sondern den intellektuellen und kulturellen Kampf als einen ideologischen Machtkampf verstehen, bei dem es darum geht, die Bogazici Universität zu einem Stützpunkt umzuwandeln, um dem Regime in diesem intellektuellen Kampf zur Dominanz zu verhelfen.

Daher muss sich der Kampf der Studierenden und Lehrkräfte nicht nur als ein Kampf gegen die Ernennung eines ungeeigneten Rektors von außen formieren, sondern als ein Kampf für autonome und demokratische Universitäten, als Widerstand gegen die Angriffe, um die Universitäten zum „Hinterhof“ des Regimes zu etablieren, verstanden werden.

Propaganda und Gewalt werden die Wahrheit nicht verzerren können!

Angesichts der sich abzeichnenden Situation betrifft diese Herausforderung alle Studierenden und Fakultätsmitglieder aller Universitäten, die „autonome und demokratische Universitäten“ fordern und alle demokratischen Kräfte der Türkei, alle Gruppen und Teile der Gesellschaft, die gegen das Ein-Mann-Regime sind. Der Kampf ist der Kampf aller, die für ihre Kinder eine Bildung mit den Werten der zeitgenössischen Wissenschaft und Kunst einfordern und eine sichere Zukunft haben wollen und sich unter dem Motto „Wir senken den Kopf nicht. Wir geben nicht auf“ solidarisieren. Dieser Kampf ist nun die Verantwortung all dieser Kräfte geworden.