Warten auf Godot?

Im letzten Jahr fühlte man sich wie die Protagonisten des gleichnamigen Theaterstücks von Samuel Beckett. Man wartete auf einen „Erlöser“. Doch während Estragon und Wladimir auf Godot warten, entwickelt sich aus einer sinnlosen, lethargischen Situation eine selbst- und gesellschaftskritische Abhandlung. Die Entfremdung des Menschen mit sich und seiner Umgebung hat in diesem Stück einen beträchtlichen Stellenwert.

Historisch unterschiedliche Bedingungen und Verhältnisse mit gegenwärtig vorherrschenden Verhältnissen gleich zu setzen, ist nicht richtig, aber wir versuchen hier nun eine Analogie herzustellen.

Seit einem Jahr warten wir auf einen Ausweg aus dieser pandemischen „Gefangenschaft“. Darauf, daß die Regierung einen Weg findet, diese Covid-Krise zu beenden. Darauf, daß das Gesundheitswesen die Herausforderungen stemmen kann. Darauf, daß unsere Kinder wieder mit Schule, Sport und Freunden einen normalen Alltag bekommen. Darauf, daß die Konzerne und Kapitalbesitzer tausende nicht in die Arbeitslosigkeit schicken. Darauf, daß „der Impfstoff“ dieses Virus zu stoppen kann.

Warten und Hoffen sind aber keine bewehrten Hilfsmittel, um eine bessere Zukunft zu erreichen.

Auch Estragon und Wladimir kommen jeden Tag an den trostlosen Straßenrand, um auf Godot zu warten. Die Konversationen sind gerade zu verzweifelt. Beide wollen gehen, tun es aber nicht, warten, wissen eigentlich nicht mal, wer dieser Godot ist.

Pandemie-Krise – System-Krise

Die „Jahrhundertkatastrophe“, wie es die Kanzlerin nannte, ist keine moralische Frage oder eine individuelle Wahrnehmung, gar fiktive Sache. Diese Pandemie kostet Menschenleben. Menschen mit Vorerkrankungen haben auch nach der Heilung mit Nachwirkungen zu kämpfen, kurzum, gegen die Pandemie muss konsequent und entschieden vorgegangen werden, zumal natürliche Mutationen eine weitere Hürde darstellen.

Was wir aber seit einem Jahr erleben, ist den Tag zu retten. Während einerseits die individuellen Freiheitsrechte (soziale Kontakte, Demonstrationen, Partys und Veranstaltungen) eingeschränkt werden, geht die Produktion in den Betrieben munter weiter, Bus und Bahn sind überfüllt, kleine Büros in Betrieb und die Situation in den Geflüchtetenheimen und Notunterkünften ist völlig inakzeptabel. Es sieht ganz danach aus, daß die herrschende Politik darauf erpicht ist, diese „Jahrhundertkatastrophe“, nicht zu eine wirtschaftliche Katastrophe für das System werden zu lassen.

Währenddessen versuchen die Kapitalbesitzer die Krisenkosten auf die Arbeiterklasse abzuwälzen. Kündigungen, das Geschrei nach weiteren Steuervorteilen, sture und ignorante Haltung bei den Tarifverhandlungen, Drohungen von Betriebsschliessungen sind einige Beispiele. Nicht mal Krankenhäuser sind von Schließungen ausgenommen. Einfach absurd!

Entscheidend ist eine Bewegung von „unten“

Aber wollen die Regierenden die Pandemie wirklich beenden? Dann schliesst die Betriebe (ausgenommen die lebensnotwendigen) doch für paar Wochen mit vollem Lohnausgleich! Verbietet Kündigungen! Sorgt für regelmässige und kostenfreie Tests für alle! Nehmt das Gesundheitswesen wieder in die öffentliche Hand, sorgt für ausreichende Finanzierung! Sorgt für den Ausbau der ÖPNV, wie mehr Personal, schnellere Taktung etc! Rüstet die Schulen mit Belüftungsanlagen aus! Sorgt dafür, daß jeder die nötigen Masken kostenlos bekommt! Fährt die Impfstoffproduktion hoch, aber nicht für mehr Profite der Pharmaindustrie! Die Liste der nötigen und möglichen Forderungen kann natürlich erweitert werden.

Was aber entscheidend ist, dass wir nicht darauf warten und hoffen können, dass diese nötigen Schritte von alleine oder durch Appelle an die Herrschenden kommen werden.

Ohne eine Bewegung von „unten“ ist diese Krise nicht im Sinne der Arbeiter und der breiten Bevölkerung zu bewältigen. Weder wegschauen noch wegducken! Aktionen gegen die Abwälzung der Krisenlasten nach unten, Betriebskämpfe und Arbeitsniederlegungen gegen Kündigungen und für sichere und bessere Arbeitsbedingungen, vielfältige Proteste gegen Angriffe auf demokratische Grundrechte sind die effektiven Mittel dieser Zeit.

Godot wird nicht kommen! Tatenlos zuzusehen, wie Lucky ausgebeutet und misshandelt wird, ist nicht nur hartherzig, sondern auch zum Nachteil von uns allen. Denn, wie es scheint, wird die Zeit nach der Pandemie nicht leichter.