Abschiebung in Darmstadt

Özgün Önal

Trotz der Pandemie hat die Zahl der Abschiebungen von europäischer bzw. deutscher Seite zugenommen. Hierzu befinden sich etliche Migranten, die sich illegal in Deutschland aufhalten, in Abschiebehaft. Migranten, denen eine Abschiebung droht, können in Abschiebehaft genommen werden. In Vorbereitungshaft kommen Geflüchtete, deren Ausweisung vorbereitet wird. Ausweisungen sind dann möglich, wenn schwere Straftaten begangen hat, etwa Mord oder sexuelle Übergriffe. Die Sicherungshaft kann aber, wenn der Geflüchtete die Abschiebung verhindert, auf 18 Monate ausgedehnt werden.

Nur in Ausnahmefällen werden auch Minderjährige, Schwangere, Menschen mit Behinderung und Familien mit Kindern in Haft genommen. Im Stadtteil Eberstadt in Darmstadt befindet sich ein Abschiebegefängnis, dessen Kapazität von 20 Plätzen auf 80 Plätze erweitert wurde.

Afitap Demir: traurige Geschichte einer Frau

Viele Menschen werden Mitten aus ihrem Leben gerissen. So auch die dreifache Mutter Afitap Demir. Afitap Demir ist in den 1980`er Jahren als junge Frau aus der kurdischen Stadt Mardin als politische Geflüchtete nach Deutschland gekommen. Sie wollte sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen. Sie heiratete und wurde Mutter von drei Kindern. Doch dieses neue Leben sollte, so wie auch bei so vielen anderen Frauen, stark von patriarchaler und ehelicher Gewalt geprägt sein. Sogar während der Schwangerschaft findet die Gewalt ihres Ehemannes kein Ende, was dazu führt, dass einer ihrer Söhne mit schweren geistigen Behinderungen zur Welt kommt. Nach Jahren der Folter in der Ehe entschließt sich Afitap im Jahr 2008 gemeinsam mit ihren Kindern, all dem endlich ein Ende zu setzen und sich von diesem Mann zu trennen.

Trotz der Scheidung lässt ihr Ex-Partner ihr jedoch keine Ruhe und belästigt sie weiterhin. Daraufhin besorgt sie sich eine Waffe und zieht damit vor sein Haus, um ihm Angst einzujagen und ihn endlich von sich fernzuhalten. Das Ergebnis: eine Anzeige und zwei Jahre Gefängnis. Nachdem sie die zwei Jahre absitzt, wird ihr vorgeworfen, dass sie ihn umbringen wolle. Es folgen weitere fünf Jahre Haft.

Die Mutter verbrachte sieben Jahre ihres Lebens hinter Gittern, getrennt von ihren Kindern, eines davon mit einer Behinderung, wegen der bloßen Androhung von Selbstverteidigung – nach Jahrzehnten der alltäglichen, grausamen und straflosen Gewalt seitens ihres Ex-Mannes.

Abschiebung wegen Straffälligkeit

Nach all den Jahren der Haft kommt Afitap 2018 endlich wieder zu ihren Kindern zurück. Ihr Ex-Mann und ihre Kinder haben inzwischen einen deutschen Pass. Sie hatte keine sicheren Papiere und nach der zweifachen “Straffälligkeit” beschlossen die Repressionsorgane des Staates, dass diese “Straffälligkeit” Grund genug sei, sie ihres gesamten Lebens der letzten 30 Jahre zu berauben und sie zurück in die Türkei abzuschieben.

Am 2. März 2021, um 7.30 Uhr passierte letztendlich ihre Abschiebung, ohne dass ihre Angehörigen informiert wurden. Afitap Demir ist nicht alleine und leider auch kein Einzelfall. Abschiebungen sind menschenverachtend und müssen sofort beendet werden. Abschiebungen auch noch als Strafe zu nutzen, Menschen zu sagen, sie hätten „ihr Recht auf ein Leben in Deutschland verspielt“, ist die Höhe des Zynismus. Es zeigt eindeutig, wie Migrant*innen in Deutschland zu Menschen zweiter Klasse degradiert werden, die nur hier leben dürfen, solange sie sich „anpassen“. Dass ihre Strafe auf einer Aktion der Selbstverteidigung basiert, macht das Ganze noch dramatischer. Jahrzehntelang können Männer in Ehen tun, was sie wollen, aber wenn Frauen sich dagegen wehren, sollen sie bestraft werden?

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