„Als Jugend müssen wir um unsere Zukunft kämpfen“

Foto: Ali Çarman / Stuttgart

Emre Ögüt

Die IG-Metall (IGM) befindet sich aktuell in den Verhandlungen um den Metall- und Elektrotarifvertrag. Seit Anfang März ist die Friedenspflicht aufgehoben und Warnstreiks fanden statt. Dieser Kampf ist in der aktuellen Krise sowohl von besonderer Bedeutung, so wie er auch dieses Mal besonders schwerfällt. Die Mobilisierung fand unter Pandemie-Bedingungen statt, nicht alle KollegInnen sind im Betrieb, viele sind im Homeoffice, Vertrauensleute-Sitzungen mussten digital durchgeführt werden. Der Betriebsrat und die Vertrauenskörperleitung versuchten, an den Werkstoren zu mobilisieren und alle KollegInnen zu informieren. Trotz der schweren Bedingungen schaffte es die Gewerkschaft, möglichst viele in die Auseinandersetzung einzubinden. Ein Gespräch mit Baran Gülşen, Arbeiter und Mitglied der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) bei Volkswagen in Salzgitter.

Bislang waren laut IGM 600 000 KollegInnen an Warnstreiks beteiligt. Auch bei Volkswagen wird mitverhandelt. Wie ist die Lage bei euch im Betrieb?

Bei Volkswagen hatten wir mittlerweile drei Verhandlungsrunden, bei denen die Unternehmensseite kein einziges Angebot vorgelegt hat, obwohl wir, die Belegschaft, klare Forderungen aufgestellt hatten. So haben wir mit unserem ersten Warnstreik, bei der wir die Arbeit auf allen Schichten um eine Stunde früher beendet haben, unseren Forderungen Nachdruck verliehen. Nach der Aktion war das Unternehmen plötzlich bereit, sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Jetzt steht die vierte Verhandlungsrunde vor uns. Sollte es zu keiner Einigung kommen, sind wir für weitere Streiks und Kämpfe bereit. Die KollegInnen erwarten ein zufriedenstellendes Ergebnis.

Als Mitglied der JAV und der IGM bist du auch in der Tarifbewegung aktiv. Warum ist der Tarifvertrag deiner Meinung nach auch für Jugendliche wichtig?

Die Wichtigkeit eines Tarifvertrages sollte jedem jungen Menschen bewusst sein, weil viele Regelungen darin getroffen werden, die die gesetzlichen Vorgaben weitaus übertreffen und somit z.B. die Ausbildung bei Volkswagen attraktiver machen. ArbeiterInnen ohne Tarifvertrag haben es deutlich schwerer in ihrem Berufsleben, weil sie weniger Urlaub haben, weniger Lohn erhalten und auch mehr arbeiten müssen. Ohne den Tarifvertrag würde es bei uns z.B. keine Übernahmegarantie nach der Ausbildung oder dem dualen Studium geben. Somit gibt der Tarifvertrag auch eine Sicherheit für die berufliche Zukunft. Sonderzahlungen, die 35-Stunden-Woche und viele weitere Dinge sind im Tarifvertrag geregelt. Doch diese Rechte wurden uns nicht geschenkt, sondern von uns erkämpft. Deshalb bin ich der Meinung, dass wir auch als Jugend für unsere Forderungen kämpfen müssen. Es geht nicht nur um unsere Zukunft, sondern auch um die Zukunft unserer Nachfolger.

Wie fiel denn die Beteiligung der Jugendlichen bisher aus?

Die Jugendlichen sind bereit, für ihre Forderungen zu kämpfen. Bei unserer Frühschlussaktion haben so gut wie alle Auszubildenden mitgemacht. Auch die restliche Belegschaft hat sich fast ausnahmslos an der Aktion beteiligt. Das ist sehr gut so und hat Volkswagen gezeigt, dass wir bereit sind, zu kämpfen, wenn unsere Forderungen nicht erfüllt werden. In meinem Umfeld höre ich auch die Bereitschaft zu weiteren Streiks. Volkswagen hat trotz der Krise einen mehr als ordentlichen Gewinn erzielt. Den größten Anteil daran haben natürlich wir und darum bin ich der Meinung, dass die Belegschaft ihren wohlverdienten Anteil am Unternehmensgewinn erhalten muss.

Seit Anfang letzter Woche hat die VW Aktie stark zugelegt, was mit der Ausrichtung VWs auf die E-Mobilität begründet wird. Kurz vorher einigte sich VW aber auch mit dem Betriebsrat auf die Vernichtung von ca. 5 000 Arbeitsplätzen; laut VW, um den Wandel zur E-Mobilität zu finanzieren. Stellenvernichtungen kündigte VW auch zu Pandemiebeginn sowie auch vorher regelmäßig an. Dabei machte VW im Jahr 2020 8,8 Mrd. Euro an Profit. Warum sollen die KollegInnen schon wieder die Rechnung tragen?

Leider denkt ein Unternehmen, wenn es um Kosteneinsparung geht, immer als erstes an die Personalkosten. Ich finde es traurig, wenn man bei den ArbeiterInnen sparen möchte, obwohl im Management sechs- bis siebenstellige Gewinnbeteiligungen ausgeschüttet werden. Um einen bekannten Fall zu nennen: Martin Winterkorn, ehem. Vorstandsvorsitzender der VW AG, erhält eine Betriebsrente von 3 100 Euro pro Tag! Bei solch einer überdimensionalen Rente für einen ehemaligen Vorstand schaut das Unternehmen leider nicht auf eine Einsparung. Die 5 000 Arbeitsplätze sollen laut Volkswagen „sozialverträglich“ über Altersteilzeitangebote abgebaut werden. Wie attraktiv diese Angebote sein werden, werden wir sehen. Bei Volkswagen haben wir zum Glück eine Beschäftigungssicherung bis 2029. Das bedeutet einen Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen. Solch eine Beschäftigungssicherung ist aber auch kein Garant. Hierbei muss ich an MAN denken, wo die Beschäftigungssicherung bis 2030 vom Unternehmen gekündigt und ein Stellenabbau von 9 500 MitarbeiterInnen angekündigt wurde. Der Stellenabbau konnte zum Glück durch viele Aktionen der KollegInnen auf 3 500 Mitarbeitende reduziert werden, ist aber trotzdem eine Sache, die alles andere als in Ordnung ist. Der Betriebsrat und die Gewerkschaft müssen wachsam sein und ein Auge haben für die aktuelle Entwicklung. Der Wandel in die E-Mobilität ist nur mit gut qualifizierten Fachkräften und angemessener Bezahlung zu stemmen.