Von übergriffigen Stinktieren und in die Jahre gekommenen Freunden

Looney Tunes

Alev Bahadir

Wer jetzt an die eigene Kindheit oder Jugend zurückdenkt, kann sicherlich mindestens eine Fernsehserie oder ein Buch nennen, mit dem man groß geworden ist. Etwas, was man abgöttisch geliebt hat und nur positive Erinnerungen daran hat. Das Problem ist: Wenn man sich heute so manch ehemalige Lieblingsserie anschaut, kann es ganz schnell vorbei sein mit der Nostalgie. Denn so mancher Charakter aus der Vergangenheit trägt doch Wesenszüge in sich, die heute keinesfalls angebracht sind oder mit dem man sich nicht identifizieren kann.

Das notgeile, französische Stinktier

Fangen wir an mit einem gewissen Stinktier. Viele von uns kennen sicherlich noch die „Looney Tunes“, eine Trickfilmserie von Warner Bros., die sich rund um den vorlauten Hasen Bugs Bunny und die notorisch genervte und lispelnde Ente Daffy Duck drehte. Ihren Höhepunkt fand die Reihe im Jahr 1996 als im Film „Space Jam“ die Zeichentrickwelt mit der realen Welt verschmolz und in einen Basketballwettkampf mündete, in dem der Looney-Tunes-Gruppe kein anderer als Basketballlegende Michael Jordan zur Hilfe kam. Da Space Jam nicht nur Kult, sondern auch ein großer finanzieller Erfolg war, soll es bald eine Fortsetzung geben. Eine Figur wird in dieser Fortsetzung aber nicht vorkommen: Pepé Le Pew. Pepé Le Pew ist das französische Stinktier, das dem Objekt seiner Begierde, einer Katze, ständig nachstellt, versucht sie zu küssen oder sie sogar einsperrt, damit sie ihn nicht weiter abweist. Früher wäre so ein Verhalten mit Wörtern, wie „leidenschaftlich“, „liebestoll“ oder „impulsiv“ beschrieben worden. Heute allerdings würden wir andere Worte benutzen, wie: „übergriffig“, „aufdringlich“, „unangemessen“ oder „notgeil“. Auch „sexualisierte Gewalt“ wäre da durchaus treffend. Natürlich bedient es sich auch klassischen Stereotypen, dass Franzosen quasi dauergeile Schmierlappen seien, die sich an jede Frau, die in ihnen nur über den Weg läuft, heranmachen.

Verbannung aus „Space Jam“

Nachdem ein Kolumnist in der New York Times nun also besagtes Stinktier in seinem Artikel erwähnte und feststellte, dass Pepé Le Pew die „Rape Culture“ („Vergewaltigungskultur“) normalisiere, zog Warner Bros. die Konsequenz, die Figur aus dem kommenden Space Jam Film und weiteren Produktionen zu streichen. Sicherlich kann man sich darüber streiten, aber wäre es in diesem Zusammenhang nicht besser gewesen, die Figur im Film zu belassen und dass sie sich den von ihr begangenen Taten stellt und bestraft wird, statt so zu tun, als hätte sie nie existiert? So hätte man auch durchaus eine andere Message an die Zuschauer abgeben können.

Natürlich sind über den Rausschmiss nicht alle erfreut. Pepé Le Pew-Fans beschweren sich über die Streichung der Figur und fordern unter anderem Konsequenzen für andere Figuren. Solche Diskussionen gibt es immer, wenn alte Serien, Bücher etc. einem Check unterzogen werden. Ähnliche Diskussionen gab es bereits auch in Deutschland vor ein paar Jahren, als es darum ging das N-Wort aus dem Kinderbuch „Jim Knopf“ zu verbannen. Auch damals gab es vehemente Gegner gegen die Änderung. Dabei gibt es keinen Grund, warum beleidigende rassistische oder sexistische Wörter oder Verhalten in Kinderbüchern oder Serien beibehalten werden sollte. Dass einzige, was Kindern mit der Beibehaltung vermittelt wird, ist, dass es nicht okay ist, schwarz zu sein oder dass es wiederum okay ist, eine Frau weiterhin zu belästigen, obwohl sie klar und deutlich gemacht hat, dass sie kein Interesse hat. Auch, wenn solche Serien oder Bücher in anderen Zeiten entstanden sind, in der die Gesellschaft auch noch anders mit diesen Themen umgegangen ist, macht es sie nicht weniger falsch. Umso notwendiger wäre eine Aufarbeitung diesbezüglich.

Veraltet bedeutet nicht automatisch, dass alles gelöscht werden muss

Aber wie verhält es sich bei Serien, wo es nicht so eindeutig ist? Wir leben in einer Zeit, in der Themen wie Rassismus, sexualisierte Gewalt uvm. sich den Weg in die gesellschaftlichen Debatten erkämpft haben. Dementsprechend hat sich auch die Serienkultur für Erwachsene verändert. Serien sind nicht länger der Lückenfüller für Schauspieler, die eigentlich zum Film wollen, sondern schaffen komplexe Figuren und Geschichten, bei denen richtig und falsch, wie auch im echten Leben, nicht so einfach zu bestimmen ist. Besonders für weibliche Charaktere wird mit Serien, wie „The Handmaids Tale“ oder „Unbelievable“, eine differenzierte und tiefgehende Plattform geboten. Da ist es selbstverständlich, dass unsere alten Lieblinge im heutigen Licht in vielerlei Hinsicht unkorrekt sind. Müssen wir sie deshalb auf den Müll werfen? Nehmen wir eine Serie, die wohl alle, die in den 90ern oder frühen 2000ern aufgewachsen sind, kennen: Friends.

Die Sitcom handelt von sechs Freunden aus New York, die bei den Irrungen und Wirrungen ihres Lebens begleitet werden. Aus heutiger Sicht kann und wird die beliebteste Serie der 90er für viele Dinge kritisiert, u.a. für die mangelhafte Diversität. Hispanisch oder schwarz ist dort keine der Hauptfiguren. Doch besonders der klischeehafte Umgang von Männlichkeit oder das Schönheitsideal der weiblichen Figuren steht heute im Mittelpunkt der Kritik. Und das vollkommen zu Recht. Dass mit der Figur der Monica immer wieder Fatshaming praktiziert wird, ist heute total überholt. Dass Joey mit seinem dummen Anmachspruch „Wie geht’s denn so?“ eine Frau nach der anderen aufreißt, ist längst überholt. Oder dass der Figur Chandler wegen vermeintlich „weiblichem“ Verhalten immer wieder „vorgeworfen“ wird, „schwul“ zu sein, ist wohl genauso wenig witzig, wie die schlechten Scherze über Chandlers Transgender-Vater. Doch zwischen all den schlechten Witzen wird auch immer wieder angedeutet, wie sehr die Figuren unter den ihnen zugesprochen Bildern von Männlichkeit und Weiblichkeit leiden. Friends ist nach heutigem Sinn veraltet, aber nicht reif für den Müllhaufen. Stattdessen gibt es einen Überblick über das Leben einer Clique in den 90er-Jahren, mit all ihren Problemen, wie Geldsorgen, Arbeitslosigkeit, plötzlich alleinerziehend zu sein und vieles mehr.

Was wir im Fernsehen sehen oder in Büchern lesen, spiegelt immer im gewissen Wesen den Zeitgeist, in der es produziert wurde, wieder. Es gibt absolute No-Gos, wie das übergriffe Stinktier, aber auch Formate, die wir mit kritischem Blick, nicht sofort über Bord werfen müssen, um zu lernen, wie anders es noch vor wenigen Jahren war.

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