Pflegenotstand in Deutschland – nicht erst seit Joko und Klaas bekannt

Foto: Bildschrimaufnahme "JOKO & KLAAS LIVE"

Ines Kiriaki Tsartsaris

Das beliebte Moderatoren-Duo Joko und Klaas haben wieder ihre Plattform „15 Minuten Live“ genutzt, um auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen. Eine Pflegefachkraft wurde eine komplette Schicht lang begleitet, um aufzuzeigen, welche Folgen der Pflegenotstand nicht nur für Pflegekräfte hat, sondern auch für die Gesundheit und dem Wohlbefinden der PatientInnen. Zwischendurch gab es immer wieder Videobotschaften von weiteren KollegInnen aus der Pflege, die von ihren Erfahrungen berichteten und ihre Forderungen äußerten. Unter dem Hashtag #NichtSelbstverständlich werden nun Beiträge auf social media geteilt und die Anteilnahme der Menschen wirkt groß.

„Wirkt“ ist hier jedoch das ausschlaggebende Wort. Denn seit Jahren sprechen wir, politische Organisationen und Gewerkschaften, den Pflegenotstand an und zu Beginn der Corona Pandemie schien es auch so, als hätte endlich ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden. Systemrelevante Berufe, wie sie jetzt genannt wurden, standen im Mittelpunkt der Debatten. Für die Pflege wurde zu jedem Schichtwechsel geklatscht, es gab viele informative Berichterstattungen und auch sonst solidarisierten sich immer mehr mit den Pflegekräften und unterstützen #FlattenTheCurve und #StayAtHome und die Infektionszahlen zu minimieren. Doch auf Worten folgten eben keine Taten.

Die Situation in der Pflege – noch einmal

Vorne weg muss klar sein: jegliche Aufmerksamkeit die dieses Berufsfeld momentan bekommt, ist derzeit förderlich, um die Situation in den Krankenhäusern zu verdeutlichen. Hier leiden alle Beschäftigten seit Jahren darunter, dass über die Gesundheit der PatientInnen Profit gemacht werden soll und dafür insbesondere Personal abgebaut wird, um diesen zu erwirtschaften. Dabei geht es nicht nur um Pflegekräfte, sondern nahezu alle Berufszweige in den Krankenhäusern sind davon betroffen. Am Ende leiden dann nicht nur die Beschäftigten, sondern auch die PatientInnen.

Es fehlt immer mehr Pflegepersonal. Menschen beginnen die Ausbildung und brechen diese teilweise währenddessen bereits ab oder entscheiden sich direkt nach der Ausbildung der Pflege den Rücken zu kehren. Andere wiederum halten es doch ein paar Jahre aus. Fakt ist jedoch, dass die Ausstiegszeit bei durchschnittlich sechs Jahren liegt. Das hat viele Gründe: der Beruf ist in Relation zu den Aufgaben und der Belastung für den Körper und die Psyche sehr schlecht bezahlt, nach wenigen Jahren hat man in der Regel schon erste körperliche Schäden davongetragen. Zudem gibt es kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Was aber vielen direkt zu Beginn der Ausbildung oder des Berufseinstiegs auffällt ist, dass es zu wenige Pflegekräfte auf den Stationen gibt.

Joko und Klaas retten die Pflege – nicht!

Zu Beginn der Sendung wurde betont, wie wichtig allen Beteiligten dieses Thema ist und der Sender schmückt sich damit, dass er dafür auch „auf die [Einschalt-]Quote scheißen würde“. Ohne dieses Eigenlob hätte dieser Beitrag eine größere Wirkung und einen weniger bitteren Nachgeschmack. Das Problem des Pflegemangels ist damit aber nicht gelöst. Es reicht einfach nicht, einen großen Missstand wie diesen aufzuzeigen, im nach hinein eine Weile darüber zu sprechen, nur um dann wieder Stille einkehren und auf Worten wieder keine Taten folgen zu lassen.

Folgendes muss geschehen, wenn wir eine wirkliche Veränderung sehen möchten: Unser Gesundheitssystem darf nicht auf Gewinn ausgelegt sein. Das DRG System (Fallpauschalensystem) muss endlich abgeschafft werden, denn Priorität muss die Versorgung der Bevölkerung haben und nicht der Profit! Hier muss von der Politik die gesetzliche Grundlage geschaffen werden, um diese Forderung auch durchsetzen zu können. Nur geht das auch nicht ohne den nötigen Druck von unten.

Pflegekräfte müssen sich endlich in großen Mengen in der Gewerkschaft organisieren und streiken. Ja, es ist nicht leicht. Und ja, es herrscht großer Druck von allen Seiten, aber: Es gibt Möglichkeiten, die Arbeit niederzulegen, ohne dabei PatientInnen zu gefährden. Nur so können höhere Löhne verhandelt und Arbeitsbedingungen verbessert werden. Und nur so bleiben mehr Leute im Beruf und Nachwuchskräfte können gut ausgebildet werden.

Außerdem, müssen wir, wenn wir über eine gute Gesundheitsversorgung sprechen, auch über alle anderen Berufsgruppen in den Krankenhäusern sprechen. Ohne Reinigungskräfte, KöchInnen, TherapeutInnen, Operations- und technische AssistentInnen oder PraktikantInnen läuft der Laden eben auch nicht. Auch sie müssen angemessen bezahlt werden und haben menschenwürdige Arbeitsbedingungen verdient.

Das geht alle was an

Wenn die Pflegesituation und das gesamte Gesundheitssystem nicht schnell wieder auf den Menschen ausgerichtet wird, statt auf Profit, dann wird uns das alles bald ziemlich schwer einholen. Eine Petition, wie die von der Zeitschrift Stern wird daran nichts ändern.

Jetzt haben wir eine Chance daran zu arbeiten, denn dieses Jahr führt die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di wieder Verhandlungen, bei denen auch Pflegekräfte, zum Beispiel in Unikliniken, sich einbringen können, um bessere Löhne und Bedingungen zu verhandeln.

Außerdem organisieren sich die Beschäftigten vieler Kliniken um Entlastungstarifverträge zu installieren. Mit diesen werden die Krankenhäuser also gezwungen, das Geld für Personal auszugeben. Ein starkes Mittel, wenn die KollegInnen sich gemeinsam dahinter versammeln. Ansonsten ist dieser Arbeitskampf zum Scheitern verurteilt. Deshalb ist es wichtig, dass sich auch jede Pflegekraft die Frage stellt: Soll das alles so weitergehen oder möchten wir effektiv was ändern? Am Ende müssen wir selber handeln und die Klinikbetreiber und die Politik zum Handeln zwingen, statt darum zu bitten.