Auch die Psyche leidet mit

Foto: DAK

Sevinc Sönmez

Aus der Psychotherapie ist bekannt: Je länger Krisen und Konflikte dauern, desto eher sind die Selbstheilungskräfte überfordert und es kann zu psychischen Erkrankungen kommen. Seit Beginn der Pandemie wurde von Gewerkschaften sowie Sozial- und Gesundheitsverbänden darauf hingewiesen. Nun belegen auch die veröffentlichten Zahlen der Krankenkassen wie die Pandemie die Werktätigen, insbesondere Frauen im Jahr 2020 psychisch an ihre Grenzen trieb und weiterhin treibt.

Im April wurden die Statistiken der Krankenkassen zu den Fehltagen 2020 veröffentlicht. Der „DAK Psychreport 2021“ zählt rund 265 Arbeitsunfähigkeitstage je 100 Versicherte im Jahr 2020. Das bedeutet einen Anstieg von rund 1,6%. Dabei fallen, mit 106 Tagen je 100 Versicherte, die meisten Fehltage auf Depressionen. Besonders auffällig ist, dass Anpassungsstörungen mit 64 Arbeitsunfähigkeitstagen je 100 Versicherte (+8%) ebenfalls zugenommen haben. Besonders Frauen waren über immer längere Zeit krankgeschrieben. Schließungen von Kitas, Schulen und Pflegeeinrichtungen wirkten sich stärker auf Frauen aus, da sie doppelt so viel Zeit wie Männer mit der Betreuung von Kindern und Pflege von Angehörigen verbringen.

Weniger Krankmeldungen aber längere Krankschreibungen

Auch wenn der Anstieg zunächst gering zu sein scheint, macht ein Blick auf die jeweiligen Branchen den Einfluss der Pandemie auf die mentale Gesundheit deutlich. Hierbei sind die Arbeitsunfähigkeitstage mit +18,2% besonders in den Bereichen Land-, Forst-, Energie- und Abfallwirtschaft gestiegen. Dem folgen auf Platz zwei mit +14,4% Organisationen und Verbände und auf Platz drei das Gesundheitswesen mit +11,5%, ein Anstieg von 338,4 Arbeitsunfähigkeitstagen auf 377,3. Damit ist das Gesundheitswesen in absoluten Zahlen die Branche mit den höchsten Fehltagen aufgrund psychischer Belastungen (da in dieser Branche mehr Menschen arbeiten, als in den vorherigen beiden). Es ist sicherlich auch die Erklärung dafür, dass allein letztes Jahr 9000 PflegerInnen ihre Arbeit verließen. In den Branchen wie Bildung, Kultur, Medien aber Verkehr, Lagerei und Kurierdiensten in denen der Anstieg der Fehltage im Vergleich niedriger fällt, spielt die Pandemie sicherlich auch eine Rolle, aber da es meist unsichere Arbeitsverhältnisse sind, zwingen sich die Menschen vermutlich trotz Krankheit zur Arbeit.

Laut dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) zeigt sich im Gegensatz zu weniger Krankmeldungen eine sprunghafte Zunahme der Länge dieser Krankschreibungen. So stieg die Dauer eines durchschnittlichen psychisch bedingten Arbeitsunfähigkeitsfalls bei AOK-Mitgliedern im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als drei Tage auf 29,3 Tage bis August 2020.

Quarantäne und mangelnde soziale Kontakte

Die negativen Folgen von Isolations- und Quarantänemaßnahmen nehmen mit Fortschreiten der Krise zu und natürlich auch die damit verbundenen Einschränkungen. Damit keine psychischen Erkrankungen entstehen, ist es wichtig, die psychosozialen sowie wirtschaftlichen Folgen zu reduzieren. Denn, diese sind letztendlich die Ursache für die Ängste um Existenz und Zukunft. Die Förderung von Gesundheit und psychischer Stärke durch Tagesstrukturierung, Bewegungserhalt, gesunde Ernährung sowie Schlafhygiene ist wichtig. Zum anderen bilden der Erhalt der sozialen Beziehungen und soziale Aktivitäten ein besonderes Augenmerk. Doch sowohl technische Kommunikationsmöglichkeiten, als auch Ernährung und psychotherapeutische Unterstützungsangebote sind stark abhängig vom Geldbeutel. Somit trifft die Pandemie Ärmere in mehrfacher Hinsicht stärker.

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