Schützt die Menschen zuerst, die sich am wenigsten schützen können!

Foto: Pixabay

Deniz Celik

Warum Hamburg in der Pandemie-Bekämpfung die falschen Schwerpunkte setzt

Klar, Corona trifft uns alle. Aber es trifft uns alle ganz unterschiedlich – und vor allem: es trifft uns unterschiedlich hart. Während noch zu Beginn der Pandemie vom ‚Gleichheitsvirus‘ die Rede war, wissen wir heute, dass das Risiko, an Corona zu sterben, in ärmeren Regionen bis zu 70 Prozent höher ist als in wohlhabenderen Gegenden. Und das kann doch auch niemanden überraschen: Wer heute seinen Arbeitsplatz nicht spontan ins Home-Office verlegen kann, wer in beengten Wohnverhältnissen lebt und auf Bus oder Bahn angewiesen ist, hat im Alltag weniger Chancen, sich vor dem Virus zu schützen. Und noch was kommt hinzu: Chronische Vorerkrankungen, die als Risikofaktor bei einer COVID-19-Erkrankung gelten, betreffen ärmere Menschen häufiger und bereits früher in ihrem Leben.

Hamburg ist da keine Ausnahme. Auch hier gilt eine ganz klare Regel: Am stärksten betroffen sind die Stadtteile mit dem niedrigsten Durchschnittseinkommen, der höchsten Arbeitslosenquote und der geringsten Wohnfläche pro Einwohner:in. Und das ist messbar und statistisch belegt! Aber anstatt die soziale Dimension der Pandemie in den Blick zu nehmen, heißt es vom Senat seit über einem Jahr: Hamburg ist eine Einheitsgemeinde. Als ob es keinen Unterschied macht, ob man in Veddel oder in Blankenese wohnt.

Das ist Unsinn und es ist gefährlich! Es macht nämlich sehr wohl einen Unterschied, wo man wohnt und arbeitet. Und nein, es geht nicht darum, mit dem Finger auf Stadtteile mit hohen Inzidenzen zu zeigen und die Menschen dort mit der ordnungspolitischen Knute zu drangsalieren. Es geht einzig und allein darum, Menschen in prekären Wohn- und Arbeitsverhältnissen besser zu schützen.

Auch bei den Corona-Hilfen gab es von Beginn der Pandemie an eine Schieflage. Während Selbstständige den Hilfszahlungen zum Teil monatelang hinterherlaufen und die Werktätigen wegen Kurzarbeit auf Teile ihres Lohns verzichten mussten, bekamen große Konzerne Milliardenhilfen – die sie – wie Daimler-Benz – zum Teil direkt an die Eigentümer jund Aktionäre weiterreichen konnten.

Die Politik der Benachteiligung geht ja weiter. Noch immer gibt es in den reichen Stadtteilen eine bessere medizinische Versorgung, es gibt mehr Test- und Impfangebote. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Das ist auch nicht verwunderlich, denn das Armut krank macht, das war auch schon vor Corona so. Ärmere Menschen haben bis zu 10 Jahre kürzere Lebenserwartung als Reiche.

Wir brauchen endlich einen privilegierten Schutz für nicht-privilegierte Stadtteile. Es heißt doch immer, dass die Priorisierung nach Impfgruppen die am stärksten gefährdeten Gruppen zuerst schützen soll. Wieso also nicht auch in die Strategie den Faktor miteinbeziehen, der besonders krank macht: die Lebensverhältnisse der Menschen. Mit einer Impfoffensive und Aufhebung der Priorisierung in sozial benachteiligten Stadtteilen würde der Anteil der Geimpften dort in kurzer Zeit gesteigert werden können. So ließe sich das gefährliche Infektionsgeschehen in Stadtteilen mit höchsten Infektionsraten effektiv eindämmen. Davon profitieren dann nicht nur die besonders gefährdeten Menschen, sondern alle! Denn so wird insgesamt die Pandemie viel schneller und effektiver eingedämmt.

Das kann aber nur der Anfang sein. Der beste Gesundheitsschutz ist und bleibt die Überwindung der sozialen Ungleichheit.

%d Bloggern gefällt das: