In Erinnerung an Qosay

Foto: Ayhan Zeytin / Delmenhorst

Anna Lena

Delmenhorst. Eine Stadt mit knapp 80 000 Einwohnern und einem hohen Anteil an migrantischen Haushalten westlich von Bremen. Bis vor kurzem war die norddeutsche Kleinstadt noch relativ unbekannt, doch nach dem Tod von Qosay interessieren sich bundesweit die Nachrichtenagenturen für Delmenhorst. Was ist passiert?

In der Nacht vom 5. auf den 6. März stirbt der 19-jährige Jeside Qosay Sadam Khalaf nach einer Polizeikontrolle. Zuvor war er im Delmenhorster Wollepark auf vermeintliche Drogen kontrolliert und von den Beamt*innen durch Pfefferspray und Gewalt überwältigt worden. Ein Augenzeuge berichtet, Qosay habe nach Wasser gefragt und keine Luft gekriegt. Es ging ihm schlecht und Polizei und Rettungssanitäter nahmen ihn nicht ernst. Als er mit auf das Polizeirevier Delmenhorst genommen wurde, konnte der junge Mann schon nicht mehr alleine gehen. Nur wenige Stunden später kollabiert er in Polizeigewahrsam, fällt ins Koma. Im Krankenhaus Oldenburg stirbt Qosay schließlich und hinterlässt eine verzweifelte Familie. Nun wurde die Staatsanwaltschaft Oldenburg mit den Ermittlungen beauftragt.

Dieser Vorfall erschüttert viele Menschen aus Delmenhorst und Umgebung, denn Qosay war für sie ein Familienmitglied, ein Freund, ein Kollege. In der Hoffnung auf ein sicheres Leben ist er vor 5 Jahren aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet, um dem mörderischen IS zu entkommen. Mit gerade einmal 14 Jahren macht er sich alleine auf die gefährliche Reise und überlebt. In Deutschland angekommen arbeitet Qosay hart, schickt Geld nach Hause und schafft es schließlich, seine Familie nachzuholen. Dass ihn ausgerechnet hier in Deutschland schon bald der Tod erwartet, hätte niemand geahnt. Doch wie kam es dazu? Sein Cousin betont zurecht immer wieder: Qosay war ein kerngesunder 19-Jähriger, der lebendig in die Polizeizelle rein- und tot wieder rausgekommen ist.

Es bleiben Fragen offen

Warum musste Qosay sterben? Was ist auf der Polizeiwache passiert? War die angewendete Gewalt gerechtfertigt? Und vor allem: Ist Qosays Fall ein tragischer Einzelfall?

Qosays Tod reiht sich in eine Serie von mindestens 181 bekannten Fällen von Migrantinnen und Migranten ein, die seit 1990 in oder nach Polizeigewahrsam gestorben sind. In den allerwenigsten Fällen wurden die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil: Immer wieder schauen Behörden weg, Beamte schützen sich gegenseitig und die Opfer werden kriminalisiert. Laut einer Studie der Uni Bochum gibt es im Jahr rund 12.000 rechtswidrige Übergriffe der Polizei in Deutschland. Dabei kommt es nur bei 2% zu einer Anzeige und bei nur 1% zu einer Verurteilung der Polizeibeamten. Gründe dafür: Viele trauen sich nicht gegen die Polizei Anzeige zu erstatten, da das Verfahren oft erfolglos verläuft oder sie eine Abschiebung fürchten. Die Aussage der Beamten zählt vor Gericht mehr und die Staatsanwaltschaft schützt oftmals die Polizei.

Nach Qosays Tod hieß es in einer Pressemitteilung der Polizei rasch, äußere Gewalt durch Polizeibeamte sei als Todesursache ausgeschlossen. Ohne die Ergebnisse der Obduktion abzuwarten, wurde diese Tatsache vorausgesetzt. Es wurde versucht, Qosay als Täter darzustellen, er habe sich gewehrt, hätte unter Drogen gestanden. In Zeitungen sprach man von einem Unglücksfall, einem tragischen Tod. Die Polizei hingegen wurde zunächst provisorisch freigesprochen.

Die Familie fordert Aufklärung

Familie und Freunde von Qosay zweifeln die Version der Polizei an. Sie fordern: Aufklärung und Gerechtigkeit! Dadurch ist das „Bündnis in Erinnerung an Qosay“ entstanden, mit Unterstützung durch den Bremer Flüchtlingsrat, das „Bündnis Justice for Mohamed“ und der DIDF-Jugend Delmenhorst. Bereits kurz nach dem Vorfall wurde eine erste Kundgebung im Wollepark organisiert; Qosays engste Familie wollte sich zunächst nicht beteiligen. Sie baten um eine friedliche Verabschiedung und beteuerten zunächst ihr Vertrauen in die deutschen Sicherheitsbehörden. Vorläufig hatte man mitgeteilt, dass die Kundgebung unpolitisch und eher eine Trauerfeier zur Verabschiedung sein solle, wobei das Gegenteil beobachtet werden konnte. Die Stimmung war traurig, die Menschen nahmen Abschied, aber sie waren auch wütend. Anschuldigungen gegen die Polizei und die an dem Fall ermittelnde Staatsanwaltschaft Oldenburg wurden laut. In der Presse wurde später berichtet, einige wenige hätten ungerechtfertigte Mordvorwürfe gegen die Polizisten erhoben.

Nach der zweiten Kundgebung am 3. April, an der sich nun auch die Eltern und die engere Familie Qosays beteiligten, kam Bewegung in den Fall. Ein zweites Obduktionsgutachten, das durch die Familie in Auftrag gegeben worden war und unter anderem der Taz und dem NDR vorliegt, spricht von Herz-Kreislauf-Versagen bedingt durch Sauerstoffmangel. Daraufhin wandelte sich in den Medien die Berichterstattung, nicht zuletzt, auch weil das Bündnis „In Erinnerung an Qosay“ an seinen Forderungen festgehalten hat. Es wird objektiv über den Fall berichtet; Augenzeugen kommen zu Wort und bringen Licht ins Dunkle. Die Meinung der Öffentlichkeit zu dem Fall hat sich verändert; Polizeigewalt wird nicht mehr ausgeschlossen. Spätestens nach dem zweiten Gutachten, das von Abschürfungen und blutigen Wunden, so wie einer Beule am Bauch und eine abgetrennten Zunge berichtet, erscheint die Berichterstattung der Polizei fragwürdig.

Wie geht es jetzt weiter?

Für das Bündnis „In Erinnerung an Qosay“ ist klar, dass sie nicht aufgeben werden, bis ihre Ziele erreicht sind. Sie kämpfen für bundesweite Aufklärung und dafür, dass sich so etwas nie mehr wiederholt.

Das Bündnis ist mittlerweile ein starkes Team voller solidarischer Menschen. Neben Plakaten werden die Forderungen auch auf Instagram, Facebook, Twitter und TikTok formuliert, um Aufmerksamkeit zu generieren. Mit Erfolg: Um die 100 000 Aufrufe haben einige Videos auf Instagram. Doch nicht nur online möchte das Bündnis Präsenz zeigen. Die nächste Kundgebung ist geplant. Das Bündnis wird sich nun regelmäßig treffen, um zu organisieren, vorzubereiten und sich auszutauschen. Weitere Informationen dazu können auf den Social Media Accounts unter dem Namen @inerinnerunganqosay gefunden werden.

Trotz der großen Trauer um den Verlust, schaffen es Familie und Freunde, eine Bewegung ins Rollen zu bringen und machen bundesweit auf das Problem Rassismus aufmerksam. Neben Trauer und Wut besteht Hoffnung, dass sich die Zustände ändern werden. Es müssen sich nur genügend Personen dafür stark machen; und dass das Bündnis die nötige Stärke besitzt, hat es in den letzten Monaten immer wieder bewiesen.

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