„Für mich ist jeder Tag der Tag der Pflege“

Ines Kiriaki Tsartsaris

Seit der Corona Pandemie arbeiten Pflegekräfte weltweit am Limit. Auch in Deutschland drohte das ohnehin kaputtgesparte Gesundheitssystem unter den schweren Herausforderungen zusammen zu brechen. Jeden Tag ging es in den Medien aber mehr um Fallzahlen, vorgetragen von den immer gleichen Politikern. Wir wollten aber nun denen eine Plattform bieten, die unsere Gesellschaft pflegen und Tag täglich dem Virus entgegentreten. Im Interview: Ira Herrero (Ira), Seija Knorr-Köning (Seija), Arnes Kenjar (Arnes) und Christian Markus (Christian). Sie alle arbeiten in Münchner Kliniken und haben ihre Erfahrungen mit uns geteilt.

„Mehr Patienten, weniger Personal“

Wie ist es in Zeiten der Pandemie als Pflegekraft zu arbeiten? Welche Probleme ergaben sich dadurch?

Christian: Ich arbeite als Gesundheits- und Krankenpfleger auf einer psychosomatischen Station. Während der ersten Infektionswelle kam alles sehr plötzlich und unkoordiniert. Die Psychosomatik wurde zeitweise geschlossen, die KollegInnen wurden in anderen Bereichen eingesetzt und die PatientInnen wurden entlassen. Ich habe an einem völlig fremden Arbeitsplatz gearbeitet. Innerhalb von nur wenigen Tagen hatte ich dort bereits die Verantwortung für viel zu viele PatientInnen. Ein schrecklicher Zustand.

Arnes: Ich arbeite auf einer Lungenstation. Die Station war überfüllt mit „Aussenliegern“, da drei Stationen im Klinikum kurzerhand zu Covid-Stationen umfunktioniert wurden. Heißt also: mehr Pflegefälle zu versorgen, aber wenig bis kein Personal! Dazu kam auch noch, dass wir selber zum Infektionsherd wurden, da mehrere Corona-Fälle aufkamen.

Seija: Das Arbeitsleben ist unsicherer geworden. Gerade am Anfang der Pandemie hat diese Unsicherheit zu einer wahnsinnig angespannten Stimmung geführt. Trotz höherem Aufwand und höherem Risiko mussten Pflegekräfte mehr PatientInnen betreuen.

„Kampfbereitschaft und Entschlossenheit“

Gab es positive Entwicklungen in der Pflege seit Beginn der Corona-Pandemie?

Ira: Wir haben immer noch Pflegemangel, was sich meiner Meinung nach so schnell auch nicht ändern wird. Die Patienten werden aufs Nötigste versorgt, man hat kaum Zeit, sich etwas mehr mit ihnen zu unterhalten.

Seija: Jetzt kann niemand mehr behaupten, er oder sie hätte davon nie vom Personalmangel in der Pflege gehört. Es herrscht jetzt ein breiter gesellschaftlicher Konsens darüber, Pflegekräfte besser bezahlen zu wollen und zu einer Gesundheitsversorgung zu kommen, die nicht die Kapitalinteressen weniger, sondern höchste Versorgungsqualität für die gesamte Gesellschaft sicher stellt.

Christian: In meiner Klinik hat sich unter den KollegInnen eine neue Form der Entschlossenheit ausgebreitet. Die Gesamtsituation ist belastend, viele von uns können fast nicht mehr. Bei der Tarifrunde waren wir deutlich mehr und deutlich lauter als in den Jahren zuvor.

„Schön dass es Pfleger gibt“

Fühlst du dich wertgeschätzt für deine Arbeit?

Seija: Ich spüre viel Anerkennung für meine Arbeit, vor allem, wenn ich erzähle, dass ich auf einer Intensivstation arbeite. Als Mitglied der Gewerkschaft ver.di kämpfe ich seit Beginn meiner Ausbildung auch für mehr finanzielle Anerkennung und höhere Löhne.

Christian: Aus unserer Gesellschaft nehme ich viel Solidarität und ehrliche Anerkennung war – darüber freue ich mich jedes Mal! Aber für politische Lippenbekenntnisse ohne entschlossenes Handeln habe ich kein Verständnis. Es entsteht der Eindruck, dass auf einmal alle wissen „was die Pflege braucht“ aber an der tatsächlichen Umsetzung von Veränderungen scheitert es. Worte ohne Taten sind eben bedeutungslos und weit weg von Wertschätzung.

Ira: Was mir aufgefallen ist: ich höre deutlich öfter den Satz: „Wir können so froh sein, dass es Leute wie dich gibt, die deinen Job noch machen. Ich könnte das nicht.“ und so ähnlich. Was soll man dazu sagen? Vielen Dank.

„Wertschätzung gemeinsam einfordern!“

Am 12. Mai war internationaler Tag der Pflege. Was bedeutet der Tag für dich?

Seija: Ich war auf einer Kundgebung der Ver.di. Wir können nur mehr Wertschätzung und auch Anerkennung bekommen, wenn wir das selbstbewusst einfordern. Wie an fast jedem Gedenktag zu irgendeinem Thema fühlten sich auch am Tag der Pflegenden viele bemüßigt, ihren Senf dazu zu geben. Es muss jeden Tag für bessere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte gekämpft werden.

Ira: Es wurde ein kleiner Stand mit Flyern und Brezeln vor unserem Klinikum aufgestellt. Da es aber schon kurz vor Dienstbeginn war, hatte ich keine Zeit, stehen zu bleiben und es war so viel zu tun auf Station, dass ich keine Zeit mehr hatte, dran zu denken.

Christian: Es gab an vielen Orten jede Menge großartige Veranstaltungen! Ich finde, dass der Tag der Pflegenden sehr gut genutzt wurde, um einmal mehr deutlich zu machen, wie es unserem Berufsstand und unserem Gesundheitssystem geht!

Arnes: Der Tag war für mich gleich. Wie jeder andere Tag an dem ich zur Arbeit gehe, weil ich ja jeden Tag meine Arbeit mache und für mich hat dann der eine Tag keine Bedeutung. Für mich ist jeder Tag der „Tag der Pflegenden“.

„Deutlich höhere Löhne und eine Reduktion der Wochenarbeitszeit“

Welche Erwartungen hast du von der Gesellschaft?

Arnes: Ich erwarte, dass sich endlich was ändert. Dass die Leute und vor allem die Politik, die Situation wirklich ernst nehmen und nicht nur blöde Sprüche klopfen, weil dadurch sich nichts, absolut nichts in der Pflege ändert. Ich wünsche mir viel mehr Anerkennung für unseren Beruf, weil es ein wunderbarer Beruf ist, mit Menschen zu arbeiten.

Ira: Der Pflegemangel muss ein Ende haben, bevor noch mehr Arbeitskräfte ihre Stunden reduzieren oder sogar ganz aussteigen, weil sie unter diesen Bedingungen nicht mehr arbeiten wollen bzw. können. Das Thema belastet die Pflege schon seit mehreren Jahren, schon lange vor Corona. Die Leute auf den Covid Stationen sind ausgepowert, teilweise läuft es seit Monaten auf Anschlag.

Christian: Unsere Arbeitsbedingungen werden erst wieder besser, wenn es überall ein gutes Personalbemessungsinstrument gibt. Für mich ist das eindeutig die PPR 2.0. Es ist die Aufgabe, den Gesetzgebungsprozess dafür jetzt zu starten!

Viele Kollegen arbeiten für äußerst unangemessene Gehälter, ganz besonders in der Altenpflege. Die harte Arbeit und dieses Maß an Verantwortung verdient mehr – dafür brauchen wir Tarifbindung in allen Bereichen!

Seija: Es muss dringend investiert werden, um Pflegekräfte akademisch auszubilden, um ihnen die Möglichkeit zu geben in der Pflege zu forschen und eigene wissenschaftliche Erkenntnisse zu erlangen. Ich will Springerpools um krankheitsbedingte Personalausfälle nicht immer aus dem Team kompensieren zu müssen und freigestellte Praxisanleiter, um eine qualitativ hochwertige praktische Ausbildung zu gewährleisten. Deutlich höhere Löhne und eine Reduktion der Wochenarbeitszeit.