„Klasse wieder mehr in den Fokus rücken“

Foto: Privat

Bafta Sarbo ist Sozialwissenschaftlerin. Sie arbeitet zu Marxismus und Antirassismus, sowie Racial Profiling. Sie ist aktiv im Vorstand der ISD. Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. ist ein gemeinnütziger, eingetragener Verein. Die Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Interessen schwarzer Menschen in Deutschland zu vertreten und für Gerechtigkeit und gegen Ausbeutung in der Migrationsgesellschaft einzustehen. Wir haben Frau Sarbo nach einer Einschätzung zum Thema Rassismus und mögliche gesellschaftliche Lösungen gefragt.

 

Am 25. Mai jährt sich George Floyds Todestag. Was hat sich seit einem Jahr geändert? 

Die Debatte um rassistische Polizeigewalt hat sich sehr verallgemeinert und seitdem eine breite mediale Öffentlichkeit bekommen. In Deutschland sind dafür insgesamt über 200.00 Menschen auf die Straße gegangen. Es werden politisch auch radikalere Ansätze unter den Labeln „Abolish the Police“ oder „Defund the Police“ diskutiert. Dabei handelt es sich um Forderung nach der Abschaffung der Polizei oder ihnen zumindest die Mittel zu entziehen und Möglichkeiten einer alternativen Gesellschaft ohne Strafen. Auch eine allgemeine Debatte um Rassismus hat sich entfacht. Insgesamt wurde die antirassistische Bewegung vergrößert und verstärkt.

„Verschärfte Konkurrenz führt zum Anstieg rassistischer Gewalt“

Welche sozialen, historischen oder gesellschaftlichen Ursachen gibt es für Rassismus? 
Rassismus ist ein Phänomen des Kapitalismus. Er fraktioniert die arbeitende Klasse und ermöglicht dadurch die Untergrabung von bestimmten Arbeitsstandards, die durch Klassenkämpfe erkämpft wurden. Zum Beispiel durch den Kolonialismus, der in den Kolonien die Versklavung und Enteignung der lokalen Bevölkerung ermöglichte, um dort europäisches Kapital anzuhäufen, weit unter dem Niveau auf dem die europäischen Arbeiter:innen ausgebeutet wurden.

In Krisenzeiten entfacht häufig der gesellschaftliche Rassismus und führt durch verschärfte gesellschaftliche Konkurrenz zu einem Ansteigen rassistischer Gewalt. Das konnten wir zum Beispiel in den 90er Jahren sehen, als sich eine pogromartige Welle von rechter Gewalt entfachte.

Gibt es überhaupt menschliche Rassen? 

Biologische Rassen existieren nicht, das wurde wissenschaftlich belegt. Die Kategorien sind allerdings gesellschaftlich wirkmächtig. Im englischen ist der Begriff „Race“ für die soziale Kategorie geläufig. Im deutschen wird dafür allerdings von Ethnie gesprochen.

„Nur Begriffe vermeiden bringt wenig“

Reaktionen auf den Tod von Floyd in Deutschland waren u.a. die Umbenennung von Straßennamen oder Abriss von Statuen usw. Ist das der Weg, wie man Rassismus abschaffen kann? Sind Zensur und Quoten die Lösung?
Ich denke, dass bei rassistischen Begriffen, die auch eine Abwertung transportieren, gefragt werden muss, auf welche reale Abwertung sie sich berufen. Häufig geht der begrifflichen Abwertung eine real materielle voraus. Dann reicht es natürlich nicht nur Wörter oder Begriffe zu vermeiden, wenn es an den realen Lebensumständen nichts ändert. Wenn Begriffe allerdings verletzend sind und Betroffene direkt abwerten, sollten diese nicht reproduziert werden, denn dafür gibt es keine Notwendigkeit.

Kann man Rassismus denn überhaupt abschaffen?
Ja Rassismus ist keine ewige Naturgewalt, sondern Folge gesellschaftlicher und politischer Strukturen, wie dem Kapitalismus. Diese gilt es abzuschaffen, durch solidarische Zusammenschlüsse und gemeinsame Kämpfe. Antirassismus ist etwas, das Menschen verbindet.

„Angst vor Deklassierung“

Welche Interessen können „weisse Arbeiter“ haben, dass sie manchmal Rassismus oder Diskriminierung anwenden? 

Sie erhoffen sich dadurch relative Privilegien. Wenn die „Rassenschranke“ nach unten aufrechterhalten wird, hält einen das möglicherweise davon ab, in die unterste Stufe der sozialen Hierarchie abzurutschen, weil es einen Puffer nach unten gibt. Diese ist im Kapitalismus allgegenwärtig. Am Ende profitieren sie jedoch am meisten von gemeinsamen Kämpfen um diesen Zustand abzuschaffen.

Welche Rolle spielt die Identität beim gemeinsamen Kampf für eine gerechte Gesellschaft? 

Ich denke Identitäten sind wirkmächtig und häufig für Menschen ein Grund, sich zu politisieren, zum Beispiel für Frauen oder Migrant:innen, die politisch unterdrückt werden. Dann müssen diese Faktoren im politischen Kampf auch aufgegriffen werden, weil sie Teil der Unterdrückung im Kapitalismus sind. Am Ende gilt es jedoch, für eine Gesellschaft zu kämpfen, in der solche Kategorien überflüssig sind. Ich denke, dass Klasse wieder mehr in den Fokus rücken muss. Das wurde von der politischen Linken in den letzten Jahrzehnten stark vernachlässigt. Die politische Linke ist außerdem zu unorganisiert und zersplittert ohne stabilen Zusammenhang.

%d Bloggern gefällt das: