Profitpriorisierung statt Impfpriorisierung – Warum Kinder jetzt geimpft werden sollen

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Noa Looft

Kinder ab 12 Jahren sollen ab dem 07. Juni gegen das Coronavirus geimpft werden können, zeitgleich soll die Impfpriorisierung aufgehoben werden. Das haben Bund und Länder auf dem Impfgipfel vom 27.05.2021 beschlossen. Seit Monaten fehlt es Kindern und Jugendlichen an sozialem Kontakt, körperlicher Betätigung und festen Tagesstrukturen, was zu einer immensen psychischen Belastung führt und die Entwicklung hemmend beeinträchtigt. Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf legt dar, wie fatal die Auswirkungen der Coronapolitik gerade für junge Menschen ist. Da Kinder und Jugendliche besonders unter der Pandemie und ihren Folgen leiden, scheint die Ermöglichung einer Impfung erst mal ein löblicher Schritt, doch müssen wir uns fragen, welche Gründe und Interessen tatsächlich hinter diesem Beschluss stehen.

Sind Kinder ansteckender?

Die Impfpriorisierung wird bisher unter Berücksichtigung des Gesundheitsrisikos durch Alter und Vorerkrankungen oder des Berufs aufgestellt. Wenn Kinder nun ein besonders hohes Risiko tragen würden oder „Superspreader“ wären, wäre es sinnvoll, die Forschung zur Impfung bei Kindern voranzutreiben, um sie mittels einer Impfung zu schützen und die Verbreitung des Virus effektiv einzudämmen. Jedoch ist dem nicht so. Zum einen verläuft eine Coronainfektion bei Kindern häufig asymptomatisch oder mild, laut Robert Koch Institut weist ein erheblicher Teil der Kinder und Jugendlichen nur ein Symptom auf. Zum anderen zeigen Berichte der Covid-19-Data-Analysis-Group (CODAG) an der Ludwig Maximilians Universität München auf, dass die Übertragung meist von der älteren Generation auf die jüngere passiert, nicht umgekehrt. Des Weiteren spielen Schulen eine untergeordnete Rolle im Infektionsgeschehen: „Im Mittel waren etwa 1% der gemeldeten Fälle bei Kindern auf Infektionen an der Schule zurückzuführen.“ (CODAG Bericht Nr. 16 vom 28.05.2021). Nach wie vor ist der Arbeitsplatz der Ort mit dem höchsten Infektionsrisiko, wobei die Anzahl der gemeldeten Fälle seit Beginn des Jahres zunehmen. Die Ansteckungsgefahr für Kinder geht also überwiegend von den eigenen Eltern aus, da für sie kein ausreichender Schutz am Arbeitsplatz besteht.

Impfsicherheit für Kinder?

Nehmen wir nun einmal an, es gäbe genug Kapazitäten, um auch Kinder zu impfen, bleibt immer noch die Frage der Sicherheit einer Coronaimpfung bei 12- bis 16-jährigen. Natürlich sollten Kinder mit Vorerkrankungen geschützt werden, doch sieht der Beschluss nicht explizit vor, dass Risikogruppen unter Minderjährigen geimpft werden sollen, sondern die Impfung von Kindern wird als Schritt bewertet, um die angestrebte Herdenimmunität zu erreichen. Hinzu kommt, dass die Risiken einer Coronaimpfung bei Kindern wenig erforscht sind. Das liegt unter anderem daran, dass die Sicherheit eines Präparats erst an Erwachsenen getestet werden muss, bevor Arzneimittelstudien bei Kindern durchgeführt werden können. Durch die „teleskopierte“ Zulassung der aktuellen Impfstoffe wurde die Testungszeit so sehr gestrafft, dass Langzeitfolgen nicht mal bei Erwachsenen klar sind, geschweige denn genug Zeit zur Überprüfung bei Minderjährigen bleibt. Mal abgesehen davon, reicht der momentan zur Verfügung stehende Impfstoff gerade einmal für die Zweitimpfung bei Erwachsenen aus. Wird nun die Priorisierung aufgehoben und parallel das Alter der impfberechtigten Personen heruntergesetzt, kann dies dazu führen, dass Personen mit höherem Risiko, welche schon seit Wochen vergeblich auf einen Impftermin warten eine noch geringere Chance haben, einen zu bekommen.

Beschlüsse im Sinne des Kapitals

Wieso also pocht die Regierung gerade jetzt darauf, auch Kindern die Impfung zu ermöglichen? Seit Beginn der Pandemie hat die Regierung Kinder und Jugendliche konsequent unbeachtet gelassen und in Kauf genommen, dass dadurch mittlerweile jedes dritte Kind psychisch auffällig ist. Doch kaum geht es in den Wahlkampf, stehen die Kinder und Enkel der Wähler wieder auf der Tagesordnung. Es geht hierbei nicht primär um den gesundheitlichen Schutz oder das Erreichen der Herdenimmunität. Es geht auch nicht um eine Senkung der Infektionszahlen. Es geht um Kapitalinteressen. Aus der Datenanalyse geht hervor, dass es die arbeitenden Menschen sind, die beim Infektionsgeschehen von Relevanz sind. Sie sind es jedoch auch in einem anderen Punkt: der Erwirtschaftung von Profit.

Und wenn Eltern zu Hause ihre Kinder betreuen müssen, weil die Schulen geschlossen sind, fällt dieser Profit geringer aus. Anders gesagt, für den Profit der Kapitalisten ist es notwendig, dass Eltern nicht ihre Kinder betreuen müssen. Schon lange ist bekannt, dass die meisten Infektionen am Arbeitsplatz passieren; die Maßnahmen treffen jedoch überwiegend das Privatleben. In dieses Muster passt auch die jetzige Aufhebung der Priorisierung. Um weiter die Kapitalinteressen durchzusetzen und die Wirtschaft zu stärken, ist es elementar, dass die die Schulen geöffnet bleiben und die Impfung von Kindern ein Faktor, welcher dies begünstigt.