Jetzt erst Recht! Arbeitskampf im Einzelhandel

Foto: Ali Çarman

Sidar Carman

Wir stehen mittendrin in der bundesweiten Tarifrunde für rund drei Millionen Beschäftigte im Einzelhandel. In Baden-Württemberg geht es für ca. 490.000 Beschäftigte um die Frage, ob der Respekt und die Anerkennung der letzten Monate sich in spürbaren Lohn- und Gehaltserhöhungen niederschlagen werden. Daher fordert ver.di 4,5 Prozent plus 45 Euro mehr Lohn und Gehalt für die Beschäftigten im Einzelhandel und hat in den letzten Wochen zu Arbeitskämpfen aufgerufen. Nachdem die Arbeitgeber lange Zeit die Forderung der Gewerkschaft als überzogen abschlugen und kein einziges Angebot vortrugen, wurden nun erste Zahlen an den Verhandlungstischen offengelegt. Dabei sollen Unternehmen je nach wirtschaftlicher Betroffenheit in gute und schlechte Unternehmen differenziert werden. Ist das aus Sicht der Arbeitgeber geklärt, folgen dann nach langen Nullmonaten erste mickrige Lohnerhöhungen. Bei den sog. schlechten Unternehmen jedoch erstmals nach 10 Monaten oder sie werden sogar komplett ausgesetzt. Egal zu welchem Unternehmen die Beschäftigten gehören, das Angebot bleibt unterhalb der aktuellen Preissteigerungsrate.

Arbeitgeber jammern trotz Umsatzsteigerung

Es ist immer dasselbe Gejammere der Arbeitgeber: man habe kein Geld, der Branche gehe es doch schlecht. Dabei sind es die großen Mode- und Lebensmittelkonzerne, die am lautesten die Lohnpause und Schonbehandlung fordern. Dabei verzeichnete der Handel trotz Pandemie im vergangenen Jahr einen Gesamtumsatz von 1,9 Billionen Euro. Der Edeka-Konzern hat in den Edeka- und Netto Filialen 61 Mrd. Umsatz, damit ein Plus 6% zum Vorjahr, die REWE-Gruppe mit Rewe und Penny-Märkten hat in Deutschland 46,6 Mrd. Euro, damit plus +24,4% zum Vorjahr Gewinn erzielt. Die Schwarz-Gruppe mit Lidl / Kaufland hatte mit einem Umsatz von 113,3 Mrd. Euro ein Plus von 8,6% zum Vorjahr gemacht. Ähnliches Bild bei der ALDI-Gruppe, die mit einem Umsatz von 31,3 Mrd. Euro plus 5,4% zum Vorjahr die Kassen füllen konnte.

Während in Zeiten der Corona-Pandemie viele Unternehmen sich also die Taschen vollstopfen konnten, andere aus Steuergeldern finanzierte Mittel erhielten, sollen die Beschäftigten leer ausgehen. Deshalb haben in den letzten Wochen, vorneweg in NRW und Bayern, bundesweit Tausende Beschäftigte u.a. bei Kaufland, LIDL, Marktkauf, Primark, H&M, ZARA die Arbeit für ihre Forderung nach mehr Lohn und Gehalt niedergelegt. Sie kämpfen gleichzeitig gegen die chronischen Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen oder gegen den Stellenabbau wie aktuell bei H&M und ZARA. Dort versuchen die Arbeitgeber seit langem kämpferische Betriebsräte und Frauen mit Kindern loszuwerden. Sie sind es, die an den vordersten Reihen des Streiks stehen: Frauen, Mütter und Alleinerziehende – nicht wenige mit Migrationshintergrund.

Frau – Arbeiterin – Mutter

Zu ihnen gehört Deniz Görkem, H&M Beschäftigte in Sindelfingen. Deniz ist 43 Jahre alt und Mutter von zwei Söhnen. Sie ist gelernte Einzelhandelskauffrau und begann genau vor 20 Jahren bei H&M in Hamm zu arbeiten. Nach der Hochzeit zog sie wieder nach Baden-Württemberg und ließ sich in die H&M Filiale in Sindelfingen bei Stuttgart versetzen. Damals noch in Vollzeit, heute und nach zwei Schwangerschaften als sog. Stundenlöhnerin mit 15 Arbeitsstunden in der Woche. „Ich war ein junges Mädchen und die Modebranche war einfach sehr reizvoll. Ich bin dann im Einzelhandel gerne geblieben“ erzählt Deniz rückblickend auf diese Zeit. Heute ist sie Betriebsrätin und organisiert als aktive Gewerkschafterin die Streikbeteiligung im Betrieb, in der aktuell knapp 100 Beschäftigte arbeiten. Als ich sie für ein Interview anfrage, stimmt sie ohne Zögern zu: „Ja klar. Du, das machen wir auch nicht anonym. Du kannst meinen Namen schreiben, ich steh zu dem, was ich sage.“ Ich bitte sie zu beschreiben, wie sie die letzten Monate des Lockdowns erlebte und was es aus ihrer Sicht bedeutet, einen Arbeitskampf in einer Branche mit prekären Arbeitsbedingungen zu führen: „Am Anfang hatte ich natürlich höllische Angst und war froh, dass die Filiale pandemiebedingt geschlossen wurde. Durch die Ängste wollte ich zunächst keine Kontakte, doch die Sehnsucht nach Kontakten zu Menschen wurde dann schnell größer als die Angstzustände. Was aber schön war: Wir leben ja alle so unter Hochdruck– mit Arbeit, Schule und Training der Kinder. Mein üblicher Alltag ist: vormittags die Kinder zur Schule bringen, dann zur Arbeit, nach der Arbeit direkt die Kinder von der Schule abholen, dann Zuhause kochen und nach den Hausaufgaben schauen. Meine Kinder sind auch aktiv im Fußballverein. D.h. mehrere Tage in der Woche fahre ich sie dann noch zum Training. Dann Abendessen und zwischendurch noch den Haushalt machen. Und dann kam der Lockdown, und ja, es war in den ersten Tagen des Lockdowns entspannend, dass ein Teil der Last, die ich als Mutter trage, von meinen Schultern fiel und ich dieses schnelle Tempo mal runterfahren konnte.“

Arbeitgeber nutzen Pandemie für Kündigungen

Doch dieser Moment dauerte nicht lange, fügt Deniz schnell hinzu: „Kurze Zeit nach dem Lockdown haben wir gemerkt, dass wir als Betriebsräte handeln müssen. Der Arbeitgeber bereitete sich auf eine schnelle Öffnung vor. Dabei war es ihm egal, ob unsere Gesundheit am Arbeitsplatz geschützt war oder nicht. Wir forderten, dass die Kassen ausreichend mit Plexiglasscheiben abgetrennt werden und der Mindestabstand zu den Kolleginnen und Kunden eingehalten wird. Außerdem haben wir es geschafft, dass das Kurzarbeitergeld auf 90% aufgestockt wurde. Kurz vor Weihnachten 2020 schockierte uns H&M am letzten Tag vor dem zweiten Lockdown mit einem Freiwilligenprogramm, das nichts anders war als ein Stellenabbauprogramm.“

Geplant war, dass rund ein Viertel der Belegschaft „freiwillig“ das Unternehmen verlässt. Und das zu einer Zeit, in der die Kolleginnen bereits wegen coronabedingten Filialschließungen und Kurzarbeit große Ängste um ihren Arbeitsplatz hatten. Niedriglohn, Befristungen, Teilzeit und Stellenabbau beschreiben die schwierigen Verhältnisse, in denen der Arbeitskampf organisiert und geführt wird. Das erlebt auch Deniz hautnah und sagt, dass es viele Kolleginnen gibt, die finanzielle Verluste hinnehmen mussten und klar fordern, dass ihre Gehälter mehr werden müssen.

Verzicht sichert keine Arbeitsplätze

„Mit Angst und Verzicht wurde nie ein Arbeitsplatz gesichert. Für den H&M Konzern zählen nur Zahlen, für ihn sind wir nur Ziffern. Damit bin ich nicht einverstanden. Wenn wir in die Geschichte schauen, haben die Arbeiterinnen und Arbeiter immer für ihre Rechte gekämpft. Und ich finde, dass wir durch Zusammenhalt unsere Stärke gegen die Arbeitgeber zeigen müssen. Jetzt erst Recht müssen wir unsere Angst beiseite legen und zusammenhalten, denn wir haben auch was zu sagen.“

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