„Ohne die Rote Armee hätten die Barbaren gesiegt!“

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Yücel Özdemir

Dr. Ulrich Schneider, ist Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR). Er sprach aus Anlass des 80. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in Köln. Wir haben ihn befragt.

Warum ist für Ihre Organisation dieses Ereignis von Bedeutung?

In der FIR sind seit 70 Jahren Verbände von Widerstandskämpfern, Verfolgten und Angehörigen der Anti-Hitler-Koalition aus West- und Osteuropa, aus Israel und Lateinamerika vertreten – natürlich auch die Russische Union der Veteranen, in der die Frauen und Männer aus dem „Großen vaterländischen Krieg“ organisiert sind. Es ist unser gemeinsames Anliegen, dass nicht nur an den Überfall erinnert wird, sondern auch an die besondere Rolle der Roten Armee, die die Hauptlast bei der militärischen Zerschlagung der faschistischen Barbarei getragen hat.

Sie haben erwähnt, dass Russland und die Sowjetunion von Anfang an Ziel des deutschen Faschismus gewesen sei. Gibt es dafür besondere Gründe?

Es wird oft vergessen, dass schon das zaristische Russland Kriegsziel der Weltmachtpläne des deutschen Imperialismus war. Das Scheitern im Ersten Weltkrieg hat diese Pläne nicht aufgehoben. Adolf Hitler hat in seinen Großmachtphantasien in „Mein Kampf“ 1924 eigentlich nur das wiederholt, was durch die imperialistischen Kreise im kaiserlichen Deutschland längst vorgedacht war. Er ergänzte diese Überlegungen jedoch – mit Blick auf die revolutionäre Entwicklung in Russland und den Aufbau der Sowjetunion – um die antibolschewistische Komponente, die bei ihm und in der Ideologie der faschistischen Bewegung insgesamt in dem Feindbild der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ zusammenlief, deren Hort das „Weltjudentum“ und die Sowjetunion war.

Der Westen hat Hitlerdeutschland Richtung Osten gelenkt

Wie hat der Westen (England, Frankreich und USA) damals regiert? Vor dem 2. Weltkrieg wurden zwei wichtige Abkommen unterschrieben: Münchener Abkommen und Molotow-Ribbentrop Nichtangriffspakt. Wie bewerten Sie beide Abkommen?

Die westlichen Regierungen hatten mit dieser antirussischen bzw. antisowjetischen Orientierung des deutschen Imperialismus keine Probleme. So lange die deutschen Weltmachtpläne nicht ihre eigenen Interessen betrafen, wurden sie akzeptiert und teilweise unterstützt. Ein Beispiel dafür ist das Münchener Abkommen vom Herbst 1938, das Diktat zulasten der Tschechoslowakei. Statt als Schutzmächte für die territoriale Integrität der CSR einzutreten, übergaben Großbritannien und Frankreich Hitler-Deutschland nicht nur das Sudetengebiet, sondern damit auch die militärischen Verteidigungsanlagen der CSR gegen eine mögliche deutsche Aggression. Die militärische Besetzung der Tschechei durch deutsche Truppen war damit nur noch eine Frage der Zeit.

Einen ähnlichen Hintergrund hatte auch der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag. In der Zuspitzung der Polenkrise im Sommer 1939, also bei der Kriegsvorbereitung des deutschen Faschismus, musste die Sowjetunion erleben, dass die „Garantiemächte“ England und Frankreich gar nicht daran dachten, eine gemeinsame Verteidigung für Polen zu organisieren. Man war nicht unzufrieden, dass sich die militärische Aggression des deutschen Faschismus nach Osten richtete. Daraufhin entschloss sich die UdSSR im August 1939 zum Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags, mit dem man Zeit gewinnen wollte. Bekanntlich wurde der Vertrag im September 1939 durch einen „Freundschaftsvertrag“ und Handelsabkommen ergänzt. Aus der Sicht der Sowjetunion war es allein eine strategische Option, die von dem Denken geprägt war, „Wer per Handel die Waren bekommt, die er benötigt, der wird dafür keinen Krieg führen.“

Hat die UdSSR einen Angriff von Deutschland erwartet? Wie war Sie auf Hitlers Pläne vorbereitet?

Der Sowjetunion war klar, dass das faschistische Deutschland in seiner Kriegsplanung früher oder später die UdSSR angreifen würde. Natürlich hat die Sowjetunion die Jahre zwischen 1939 und 1941 genutzt, um ihre militärischen Kräfte zu verstärken, aber auf den Überfall selber war sie nicht vorbereitet. Es ist eine Tragik in der Geschichte, dass die sowjetische Führung sogar verschiedene Warnungen von Aufklärern aus Japan (Dr. Sorge) und aus Deutschland selber als – wie man heute sagen würde – „Fake-News“ betrachtete, mit der die Sowjetunion provoziert werden sollte.

„Bereitschaft zur Verteidigung der Heimat war groß“

Militärisch waren das faschistische Deutschland und seine Verbündeten stark. Wie organisierte die UdSSR den Widerstand?

Tatsächlich gelang es den faschistischen Armeen bis in den November 1941 hinein, ihren Vormarsch auf Moskau und Leningrad zu führen. Aber sie stießen an verschiedenen Stellen auf nicht erwarteten Widerstand. Es gab in der Sowjetunion eine hohe Bereitschaft der Menschen zur Verteidigung der Heimat, weil sie wussten, dass es nicht nur um das Territorium ging, sondern auch die sozialistischen Errungenschaften ausgelöscht werden sollten. Und sie erfuhren sehr bald, mit welcher menschenverachtenden Brutalität die deutschen Wehrmachteinheiten und die SS-Einsatzgruppen hinter den Frontlinien Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung begingen.

Welche Bedeutung hat Sieg der Sowjetunion für KZ Inhaftierten und ganze Menschheit? Und welche Bedeutung hat Überfall Sowjetunion heute?

Der Überfall auf die Sowjetunion wurde von den Antifaschisten in der ganzen Welt tatsächlich als Beginn der Entscheidungsschlacht zwischen Faschismus und antifaschistischen Kräften verstanden. Wäre die Sowjetunion besiegt worden, hätte es in Europa keine Kraft mehr gegeben, die dieser barbarischen Herrschaft hätte entgegentreten können. Von daher verfolgte man den Kriegsverlauf und atmete auf, als bei der Schlacht um Moskau Ende 1941 dem deutschen Vormarsch zum ersten Mal deutliche Grenzen gesetzt wurden. Und der Sieg der Roten Armee bei Stalingrad im Februar 1943 wurde weltweit als Sieg aller Antifaschisten gefeiert.

Doch es dauerte noch mehr als zwei Jahre, bis der deutsche Faschismus militärisch zerschlagen war. Auf diesem Weg erreichten die sowjetischen Einheiten auch die ehemaligen Vernichtungslager im Osten, die zumeist vorher geräumt worden waren. Aber die verbliebenen Häftlinge des Lagers Auschwitz konnten am 27. Januar 1945 befreit werden, ebenso die Häftlinge der KZ Sachsenhausen, Ravensbrück und Mauthausen. Mit dem militärischen Vormarsch der Roten Armee ist selbstverständlich die Zerschlagung der militärischen Macht des deutschen Faschismus verbunden. Und das gilt selbstverständlich bis heute. Wer das meint „vergessen“ zu können, will auch die Verbrechen der faschistischen Herrschaft „vergessen“.