Der Krieg um Afghanistan geht erst jetzt los

Im Gespräch mit Çağrı Sarı von Evrensel ordnete der Journalist und Autor Aydın Çubukçu die jüngsten Entwicklungen in Afghanistan ein. Nach der Machtübernahme durch die Taliban und die jüngsten Anschläge durch den IS in Kabul mit zahlreichen Toten steht eine Frage im Mittelpunkt: Wie soll es in Afghanistan weitergehen?

Der Journalist und Autor Aydın Çubukçu, der seit Jahrzehnten die Entwicklungen im Nahen Osten beobachtet, geht von mehreren möglichen Szenarien aus. Nach seiner Ansicht könnten zum einen China und Russland ihre politische Hegemonie im Land aufbauen. Sie versuchen damit den Transport vom iranischen Erdöl nach Asien zu ermöglichen. Mit der neuen Schnellzug-Strecke zwischen China und Europa sowie der neuen Seidenstraße möchte China zudem neue Zugriffsmöglichkeiten auf den europäischen Markt erhalten. Nach Çubukçu geht es bei dem Krieg um Afghanistan eigentlich um diese Ziele. Im Gespräch geht er auch darauf ein, wie sich die neuen Entwicklungen auf die Beziehungen zwischen den USA, Russland und China auswirken werden und welche Ziele die Türkei dabei verfolgt.

„DAS MONSTRUM NAMENS PORLITISCHER ISLAM IST AM ENDE“

Nach Ansicht von Çubukçu haben der Sturz der Islamischen Republik Afghanistan und die fast vollständige Kontrolle des Landes durch die Taliban für die Türkei neue Möglichkeiten eröffnet: „Erstens können wir von einer Konfusion sprechen, die durch den widersprüchlichen Umstand entstand, dass ein Staatsgebilde, das sich als „Islamische Republik“ bezeichnet, von einer anderen islamischen Kraft gestürzt wurde und die jetzigen islamischen Machthaber wiederum von einer anderen „radikal-islamistischen“ Gruppe bedroht werden. Hinzu kommt, dass in unserem Land eine politische Macht herrscht, die sich auf religiöse Bekenntnisse stützt und dabei seit einiger Zeit mit Korruption, Lügen und unmoralischen Praktiken in Verbindung gebracht wird. Deshalb kann man getrost behaupten, dass die Tage des Monstrums namens ‚politischer Islam‘ gezählt sind.“

Für Çubukçu haben die jüngsten Entwicklungen auch die Frage nach Antiimperialismus aufgeworfen. Zweitens könne man davon ausgehen, dass auch der politische Ansatz, der jede sich mit Waffen gegen die USA wehrende Kraft als antiimperialistisch bezeichnet, vor dem Aus steht: „Dass die Taliban die USA zum Rückzug zwingen konnten, versetzte sicherlich dem Glauben von der Unbesiegbarkeit des Imperialismus einen Schlag. Trotzdem steht es auf der Hand, dass diese Niederlage nicht die Folge einer demokratischen Revolution ist. Die Machtübernahme durch die Taliban ist nicht das Ergebnis eines Krieges, den ein Volk geführt hat. Vielmehr wurde sie möglich, dass verschiedene imperialistische Kräfte eine Gruppe hochgerüstet und gegen ihre Gegenspieler eingesetzt haben und diese Gruppe nun ihre verrotteten Vorgänger gestürzt haben und nun an der Macht sind.“

Die Taliban hätten bereits ihre Fühler ausgestreckt, um neue Wege für Beziehungen mit den Imperialisten zu finden. Sie seien dazu auch gezwungen. „Jeder nationale Unabhängigkeitskampf in der Geschichte ging stets mit einer demokratischen Revolution einher. Wenn man den Zusammenhang zwischen diesen beiden Aspekten nicht erkennt, ist es unvermeidlich, jeden bewaffneten Krieg gegen Imperialisten zu begrüßen, was jedoch eine große Torheit ist“, so Çubukçu.

Er verwies auch darauf, dass die Frauen in Afghanistan bei Führungsaufgaben nicht berücksichtigt wurden. Dass man sich heute überrascht zeige und den imperialistischen Kräften jetzt vorwerfe, mit dem Rückzug die Frauen im Stich zu lassen, sei nicht nachvollziehbar. Schließlich sei bekannt, dass in der Islamischen Republik Afghanistan, die jetzt zerstört am Boden liege, beispielsweise männlichen Ärzten untersagt gewesen sei, Frauen zu behandeln.

„ANKARA WIRD IHREN ANSPRUCH AUF FÜHRUNGSROLLE NICHT ANSPRECHEN „

Nach Ansicht von Çubukçu wird Erdoğan darauf beharren, dass die Türkei die Sicherung des Kabuler Flughafens übernimmt: „Die Entwicklungen in Afghanistan haben schonungslos offengelegt, worin das Dilemma der türkischen Außenpolitik liegt. Die regierungsnahen Medien pochten zunächst auf eine unverständliche Weise darauf, dass türkische Truppen in Afghanistan verbleiben. Inzwischen gehören sie zu denen, die am lautesten ihre Rückkehr begrüßen. Der Wunsch, dass die Türkei unbedingt die Sicherung des Flughafens von Kabul bzw. technische Aufgaben übernimmt, ist wohl eher mit Wirtschaftsinteressen von Unternehmen aus der Schattenwirtschaft begründet.“

Afghanistan sei in den letzten Jahrhunderten stets das Ziel von Besatzungsmächten gewesen. Und das afghanische Volk blicke deshalb auf eine Geschichte voller Widerstandskämpfe zurück, die allerdings niemals ernsthaft das Niveau von revolutionärer Politik und Organisation erreicht hätten. Dafür trage die Rückschrittlichkeit der historischen und sozialen Bedingungen verantwortlich. Die geostrategische Bedeutung des Landes werde immer größer. „Vor diesem Hintergrund bedeutet die ‚Stabilität der Region‘ nur die Erwartung der imperialistischen Kräfte, ihre Vorherrschaft zu installieren.“

„CHINA, RUSSLAND UND DIE USA LIEFERN SICH EIN WETTRENNEN“

Nach Einschätzung von Aydın Çubukçu stehen die imperialistischen Kräfte an der Schwelle zu einem neuen Krieg. China und Russland gehe es dabei nicht nur um den Aufbau der eigenen Vorherrschaft, sondern auch um die Sicherung der Transportwege vom iranischen Erdöl in asiatische Länder sowie der Neuen und „Eisernen“ Seidenstraße: „Darum geht es im Kern bei diesem Krieg. Die USA werden sich einen Kampf um die Gunst der Taliban mit Russland und China liefern. In diesem Sinne werden sie der Türkei, die ja nach eigenen Angaben keine grundlegenden Unterschiede zu den Taliban hat, womöglich eine neue Rolle zuschreiben. Und der IS, der sich jetzt dort zu Wort gemeldet hat, könnte den Anlass dafür liefern. Um die Taliban in die Enge zu treiben und die Türkei ins Spiel zu bringen, könnten sie diesen Trumpf ziehen. Gerade beginnt also ein neuer Krieg.“