„Die Kosten der Pandemie nicht auf unserem Rücken“

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Emre Ögüt

Im Arbeitskampf mit der Deutschen Bahn hat die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) neue Streiks angekündigt. Ab Mittwoch, 1. September 17 Uhr wird der Güterverkehr bestreikt . In der Nacht zum Donnerstag wird ab 2 Uhr auch der Personenverkehr weitgehend lahmgelegt. Die Ausstände sollen bis zum 7. September andauern. „Es ist eine der längsten Arbeitskampfmaßnahmen, die wir durchführen und zwar absichtlich“, sagte GDL-Chef Claus Weselsky bei einer Pressekonferenz. Bereits vor Ankündigung des Streiks haben wir mit Hartmut Petersen, Bezirksvorsitzender GDL Nord, über die Hintergründe des Streiks gesprochen.

Wie sind die Arbeitsbedingungen der Lokführer bei der Deutschen Bahn?


Das Zugpersonal, also Lokführer, Lokrangierführer, Zugbegleiter und Disponenten arbeiten im Schicht- und Wechseldienst. Sie fangen zu allen möglichen Uhrzeiten am Tag an und beenden dann auch ihren Dienst. Die Kolleginnen und Kollegen machen fast jeden Monat Überstunden, da es an Personal fehlt. Alle sind in der Pandemie gefahren und wurden auch mit neuen Aufgaben betreut, so sollten die Zugbegleiter die Maskenpflicht in den Zügen kontrollieren und gegebenenfalls Ahnden und die Polizei informieren. Eine von der GDL geforderte Pflicht zur Reservierung in den Fernzügen wurde abgelehnt. In den Nachtschichten kamen unsere Kolleginnen und Kollegen häufig zur Pause, als es zur Zeit von Ausgangssperren usw. keine Möglichkeiten gab, sich etwas zu essen zu besorgen. Auch konnten Hotels dann nur eingeschränkt aufgesucht werden, was die Übernachtungen erschwert hat.

Was sind die Forderungen der GDL gegenüber der Bahn?

Unsere Forderungen sind sehr moderat, angelehnt an den Tarifabschluss des Öffentlichen Dienstes fordern wir die 3,2% in zwei Schritten. In 2021 noch 1,4% und dann 2022 1,8%. Eine Corona Prämie für alle Mitarbeiter bei der Bahn von 600€ und die Fortsetzung des Zusatzversorgungstarifvertrages, der eine kleine Betriebsrente von etwa 150€ ausmacht. Dieser ZVersTV wurde von Seiten der Bahn gekündigt.

Wie schätzt du den Erfolg eures Streiks ein? Wie war die Streikbeteiligung? Und wie ist die Rückmeldung seitens eurer Mitglieder?

Bei dem Warnstreik vor einigen Wochen sind sehr wenige Züge gefahren und alle unsere Mitglieder, die an den Tagen hätten arbeiten müssen, haben sich am Streik beteiligt. Wir sehen dies als großen Erfolg an und das zeigt auch die Stimmung der Mitarbeiter auf. Die sind sehr unzufrieden mit dem Management der DB AG. Wir haben inzwischen aus allen Berufsgruppen bei der Bahn Mitglieder, die allesamt sehr unzufrieden sind, wie man mit ihnen umgeht. Alle haben sich auch am Streik beteiligt, egal ob Zugbegleiter, Fahrdienstleiter, Aufsichten, Wagenmeister oder Lokomotivführer.

Wir sehen, dass die meisten Medien sehr kritisch gegenüber dem Streik eingestellt sind. Dabei werden unter anderem Vorwürfe erhoben, dass es keine gute Zeit für einen Streik sei etc. Wie bewertest du das?

Die Medien werden stark von der Öffentlichkeit beeinflusst. Einige machen das vernünftig und versuchen das aus unserer Sicht darzustellen, das sind aber die Ausnahmen. Das wird mit der Zeit wahrscheinlich noch schlimmer, bevor wir dann die DB AG als den Schuldigen für alle ausstellen können.

Was für Rückmeldung bekommt ihr aus der Bevölkerung?

Es hält sich fast die Waage, einige haben Verständnis, andere eher nicht.

An die Öffentlichkeit sickert auch eine Konkurrenz zwischen der GDL und der EVG durch. Kannst du uns erklären, weshalb diese Konkurrenz besteht? Wie ist deiner Meinung nach ein einheitliches Agieren der Eisenbahner zu erreichen?

Der Konflikt mit der EVG besteht seit 2002. Die haben damals einem Ergänzungstarifvertrag zugestimmt, wonach das Zugpersonal jährlich 18 Schichten über das Soll machen mussten, ohne Entgeltausgleich. Dagegen haben wir uns gewehrt und dann im Jahr 2008 auch einen eigenen Tarifvertrag für Lokführer abgeschlossen. 2015 dann für das ganze Zugpersonal. Die EVG sitzt in allen Kontrollgremien als angebliche Arbeitnehmervertretung im Aufsichtsrat aller Bereiche des Konzerns. Sie ist auch alleinige Gewerkschaft im Konzernbetriebsrat sowie in den Gesamtbetriebsräten. Es kommt aber zu keiner Gegenwehr, wenn die DB AG die Arbeitnehmer immer mehr mit Aufgaben überschüttet und wie eine Zitrone auspresst. Der Verlust der DB AG in der Corona Pandemie soll nun als Solidarbeitrag der Mitarbeiter ausgeglichen werden. Einsparungen von 2 Milliarden Euro sollen von den Mitarbeitern getragen werden. Das ist mit uns nicht zu machen, die EVG hat sich dazu aber bereit erklärt. Wir werden niemals mit denen auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Im Unterschied zu eurem letzten großen Streik von 2015 lastet auf euch nun das Tarifeinheitsgesetz (TEG). Wie steht die GDL zum TEG?

Einerseits kämpfen wir weiterhin gegen das Gesetz, nehmen es aber als Herausforderung an. Das ist der Grund, warum wir jetzt Mitglieder in allen Betrieben und Bereichen der DB AG aufnehmen und für alle auch Tarifverträge fordern. Uns bleibt da gar keine andere Wahl. In den Privatbahnen haben wir fast überall die Mehrheiten an Mitgliedern und das werden wir nun auch bei der DB AG schaffen.

Wie war die Situation bei der Bahn vor der Privatisierung 1994 und was hat sich seither getan?

Die Bahn war bis 1994 ein Staatsunternehmen und es wurden fast alle Mitarbeiter ins Beamtentun Übernommen. Erst danach wurde es für uns wichtig, Tarifverträge abzuschließen, was wir ja auch geschafft haben. Die Privatisierung ist nicht mehr umzukehren, daher muss der Konzern und das Eisenbahnsystem insgesamt neu aufgestellt werden, um den Klimazielen der Bundesregierung gerecht zu werden. Die Infrastruktur muss Überholt werden und die DB AG sollte sich auf das Kerngeschäft in Deutschland konzentrieren und nicht im Ausland spekulieren und dabei Steuergelder verschwenden.