A wie Ausbildung oder A wie Ausbeutung?

Sinan Cokdegerli

Eine neue Studie, die vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Auftrag gegeben wurde, zeigt in verstärkter Form Mängel auf, die ohnehin schon bekannt gewesen sind. Nun stellt sich erneut und erheblich die Frage, welche politischen Veränderungen mit diesen Informationen ermöglicht werden. Vor Allem aber auch, was die Gesellschaft mit diesen, nicht so neuen Informationen anfangen wird.

Die Mängel im Berufsbildungsbereich in Deutschland sind vielschichtig und dennoch bekannt, zudem bringt der DGB einen jährlichen Ausbildungsreport raus, bei dem, immer mit verschiedenen Schwerpunktbereichen, Defizite aufgezeigt werden. 

Auch in unserer Zeitung wurden diese katastrophalen Missstände regelmäßig thematisiert und analysiert. Die Gewerkschaften, Experten, Verbände und Organisationen fordern immer wieder, dass politisch eingegriffen werden muss, weil sich Ausbildungsbetriebe teilweise stark illegal verhalten oder Gesetzeslücken ausnutzen, jungen Menschen ihren Start ins Berufsleben zur Hölle machen und ihre Auszubildenden als billige Arbeitskräfte ausbeuten. Diese wehren sich meist auch aus den verschiedensten Gründen nicht. 

Die Krise hat nichts leichter gemacht

Alles in allem ist das die Kernaussage, die man treffen und mit der man politische Verantwortliche konfrontieren müsste. Natürlich hat sich die Situation der Auszubildenden während der Krise immens verschlechtert. 

In der DGB Sonderstudie zur Ausbildungssituation, welche vom Mainzer Institut für sozialpädagogische Forschung durchgeführt wurde, treffen 34,6% der Befragten Auszubildenden die Aussage, eine große oder sehr große Gefahr darin zu sehen, dass sie ihre Ausbildung nicht erfolgreich beenden können. 

Dies hat selbstverständlich mehrere Gründe, welche im Rahmen der Studie klarer erkennbar werden. Es mangelt beispielsweise an der Unterstützung der Auszubildenden, bei der Bewältigung von Problemen. Knapp die Hälfte der befragten Azubis (45,5%) gab an, manchmal, selten oder nie Unterstützung bei Problemen und Unsicherheiten bekommen zu haben. 

Zur fehlenden Unterstützung im Betrieb kommt die Berufsschulsituation hinzu. Hier berichten 43% der Befragten, dass sie nicht das Gefühl hatten, beim Homeschooling die erforderlichen Inhalte vermittelt bekommen zu haben. Knapp 53% geben dem Homeschooling an ihrer Berufsschule die Noten drei, vier oder fünf, lediglich 10,7% bewerten die Qualität mit einer eins. 

Nicht nur der Berufsschulunterricht verlagerte sich in starkem Ausmaß nach Hause, sondern auch der betriebliche Teil der Ausbildung. Dabei gaben 60% der befragten Azubis an, während der Pandemie  in irgendeiner Form  Homeoffice gehabt zu haben. Von diesen haben 20% jedoch gar keine Mittel zur Verfügung gestellt bekommen, um von zuhause aus den betrieblichen Teil ihrer Ausbildung meistern zu können. Zudem verschlechterte sich die ohnehin schlechte Verfügbarkeit von Ausbildern, wenn die Azubis Homeoffice hatten. 

Als ob das alles nicht reicht, sprechen wir auch von Kürzung der Ausbildungsvergütung bei einem Viertel der Befragten und Kürzung des Urlaubs bei knapp einem Fünftel. 81% der Befragten gab an, ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten zu müssen, 26,3% sprachen davon, dies immer oder häufig zu machen. Bekannt ist auch, dass Azubis oft als volle Arbeitskräfte eingesetzt werden, auch hier gaben knapp 60% an, dass dies bei ihnen der Fall sei. Schließlich ist auch von Überstunden die Rede, nur 13,7% gab hier an, nie Überstunden gemacht zu haben. 

Auch hier ein Katalysator

Diese und ähnliche Aussagen kriegen die Menschen spätestens seit März 2020, dem ersten Lockdown, immer und immer wieder zu hören. Denn Krisen verdeutlichen Missstände. 

Die sich zunehmend radikalisierende Situation im Ausbildungsalltag wird seit Jahren kritisiert. 2020 sank die Anzahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge auf 467.000, 11% geringer als im Vorjahr. Bis Mai 2021 war schon ein Rückgang der Bewerbungen um weitere 8% zu beobachten. 

Die so hoch gefeierte duale Ausbildung in Deutschland hat nicht nur Risse, sondern Abgründe, die sich durch weite Teile der Ausbildung ziehen. Das geht auch an den jungen Menschen nicht spurlos vorbei, welche sich nun für oder gegen eine Berufsausbildung entscheiden sollen. In Anbetracht der Situation ist es nicht verwunderlich, dass sie sich öfter die Frage stellen, ob sie in einigen dieser Betriebe ihre Ausbildung machen wollen oder nicht und sie entscheiden sich entweder gegen eine Ausbildung oder für eine Verschiebung der Ausbildung in die Zukunft. 

Zudem kommt hinzu, dass viele Unternehmen die momentane Situation ausnutzen, um Ausbildungsstellen abzubauen. Im Bankensektor werden derzeit massenhaft Menschen in die Existenzlosigkeit getrieben, in diesem Kontext werden auch Ausbildungsplätze abgebaut oder bewusst nicht mehr besetzt. Dabei bedient man sich dann scheinheiligen Argumenten, unter anderem, dass die Bewerber den Anforderungen nicht entsprechen würden. So verhindern diese Unternehmen derzeit, dass zumindest die Jugendlichen, die eine Ausbildung noch antreten wollen, auch einen Ausbildungsplatz bekommen. 

Deutsche Post bildet kaum noch aus

in ähnliches Bild sehen wir auch bei der Deutschen Post. Die Aktiengesellschaft möchte ihrem Ausbildungsbereich scheinbar gänzlich den Rücken kehren. Doch hier wird sich dagegen gewehrt. Mit der Kampagne „Wir zeigen Gesicht für die Ausbildung bei der Deutsche Post AG – Einstellungsstopp beenden!“ versuchen aktive Beschäftigte online und auf den Straßen Unterschriften zu sammeln, welche den politischen Druck erhöhen sollen. „Denn der Bund ist immer noch ein großer Anteilseigner der Deutsche Post AG und Profiteur der Dividenden. Die Regierung darf sich nicht einfach wegducken, wenn es um die Perspektive junger Menschen geht“ heißt es in der Erklärung zur besagten Kampagne. 

Eine ähnliche Kampagne gab es in der jüngeren Vergangenheit auch bei der deutschen Telekom. Mit „Erleben was verschwindet“ wurde dort auch der Abbau von Ausbildungsplätzen angegriffen. In all diesen Fällen ist sich die große Koalition jedoch zu schade, sich für junge Menschen und gegen die Profitinteressen von Unternehmen einzusetzen. 

Statt gegen ausbildungsfremde Tätigkeiten vorzugehen, bettelt man Unternehmen an. Während man eine Ausbildungsplatzgarantie verabschieden hätte können, entschied man sich oft genug einfach dazu, zu schweigen und lieber nichts zu machen. Die Ausbildungsreporte des DGB zeichnen ein klares Bild. Die auch bei der neuesten Studie gezeigten Probleme zu beseitigen, wird unsere Aufgabe als Gesellschaft sein, denn die Regierung entschied sich und wird sich wieder für Untätigkeit entscheiden, ganz im Sinne der Konzerne.