Situation der studentischen Hilfskräfte ist präker

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Marvin Hopp (31) studiert Arbeits- und Industriesoziologie im Master an der Universität Göttingen und arbeitet als Studentische Hilfskraft (SHK) in der Wirtschaftssoziologie an der Universität Hamburg. Er hat gemeinsam mit anderen die Initiative „TV STUD“ in Hamburg und eine entsprechende bundesweite Vernetzung für die Erkämpfung eines Tarifvertrags für SHKs begründet. Wir haben mit ihm über die Situation der SHKs, den Kampf für einen Tarifvertrag für diese und die damit verbundenen Herausforderungen gesprochen. 

Magst du uns erst einmal etwas über die Arbeitsbedingungen von SHKs in Hamburg erzählen?

Wir unterscheiden die Sudentischen Hilfskräfte von den Studentischen Angestellten, die eher Verwaltungsaufgaben nachgehen und deren Arbeitsbedingungen in den meisten Fällen in dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst geregelt sind. An den Hamburger Hochschulen gibt es darüber hinaus aber über 4.000 Studentische Hilfskräfte, die unterstützende Tätigkeiten in Forschung und Lehre leisten, aber von diesen Tarifverträgen explizit ausgeschlossen sind. Viele Studierende versuchen über diese Stellen als Hilfskräfte einen Einstieg und einen Einblick in die Wissenschaftswelt zu erlangen und Erfahrungen zu sammeln. Und natürlich geht es eben auch darum Geld zu verdienen, um über die Runden zu kommen. 

Doch die Arbeitsbedingungen sind extrem prekär: die Bezahlung liegt bei 10,77 € die Stunde und damit unter dem Landesmindestlohn der Stadt Hamburg. Dabei werden dann z.B. bei TutorInnen üblicherweise auch nur zwei Wochenstunden in denen sie eine Übung abhalten mit 230 € im Monat bezahlt, während der tatsächliche Arbeitsaufwand in der Vor- und Nachbereitung nicht bezahlt wird und so der durchschnittliche Stundenlohn sogar unter die 10,77 € fällt. Dabei sind über 70% dieser Stellen auf nur 2-6 Monate befristet. Gleichzeitig besteht ein Abhängigkeitsverhältnis zu den Professoren und Dozierenden, da die Stellen meistens an die Lehrstühle und damit auch die Entscheidung über die Einstellung an diese gebunden sind. Dieses Abhängigkeitsverhältnis führt oft dazu, dass man sich überarbeitet, um sich zu „beweisen“, seine Rechte wie z.B. Krankheits- oder Urlaubstage nicht in Anspruch nimmt oder diese oft sogar nicht kennt.

Wie ging es dann los mit eurer Initiative?

Die Situation der studentischen Hilfskräfte ist schon immer prekär gewesen. Nur in Berlin gibt einen Tarifvertrag, der 1996 durch Tutoren erkämpft wurde und eine Vertragslaufzeit für studentische Hilfskräfte von 2 Jahren, einen Stundenlohn von über 12 € und die Anerkennung eines studentischen Personalrats durchgesetzt hat. Dieser Erfolg in Berlin war für uns eine Motivation und hat gezeigt: es geht auch anders! 

So haben wir uns ab 2018 mit verschiedenen SHKs zusammengesetzt und darüber gesprochen, wie wir unsere Situation an der Universität verändern können. Ab dem Sommer 2019 wurde es konkreter: es waren insbesondere studentische Hilfskräfte, die selbst eine Ausbildung gemacht und in der Gewerkschaft aktiv gewesen sind, die den Kern unserer Initiative gestellt haben. Uns war klar, dass wir ohne Organisiertheit die Situation nicht verändern können. 

Wir haben unsere Auftaktveranstaltung im Wintersemester 2019 durchgeführt. Mit 70 studentischen Hilfskräften haben wir über unsere Situation beraten und die Notwendigkeit unterstrichen, dass es so nicht weitergehen kann. Es folgten erste Aktionen wie zum Beispiel ein Flashmob vor der Wissenschaftsbehörde in Hamburg, nachdem wir sogar im Büro der zweiten Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank saßen. Wir haben auch in Bezug auf die Bürgerschaftswahl öffentlichkeitswirksam gearbeitet.

Welche Rolle spielt die Gewerkschaft bei der ganzen Sache? Wie soll der Tarifvertrag abgeschlossen werden? 

Wir verstehen uns als unabhängig von der Gewerkschaft, sind aber selbstverständlich auf die Gewerkschaft zugegangen und sind der Auffassung, dass wir unsere Gewerkschaften von unten beleben müssen. Wir haben bereits mehrere Hundert Studierende als Mitglieder für die Gewerkschaften ver.di und GEW gewonnen und am 26. Juni eine Tarifkommission gewählt, die von beiden Gewerkschaften gemeinsam getragen wird – ein Fall den es nicht häufig gibt. Wir organisieren uns inzwischen in Form von Basisgruppen in den Fachbereichen. Und in jedem Fachbereich, in dem mindestens 5 Gewerkschaftsmitglieder organisiert sind, entsenden diese jeweils einen Vertreter als Delegierten in die Tarifkommission. Dort wollen wir die Kämpfe selbst führen und verhandeln. Wir sind inzwischen mit Basisgruppen neben der Universität Hamburg auch an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) und der Hafencity-Universität (HCU) vertreten.

Wir orientieren auf den 8. Oktober, an dem die Tarifverhandlungen der Länder starten sollen – der Tarifvertrag, von dem wir explizit ausgeschlossen sind. Wir werden die Tarifverhandlungen nutzen, um unser Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen. Denn während die Tarifgemeinschaft deutscher Länder sich weigert, studentische Hilfskräfte in den Tarifvertrag zu übernehmen, haben sie gleichzeitig auch den Beschluss, Verträge zwischen den jeweiligen tarifwilligen Regierungen und Gewerkschaften auf Landesebene nicht zuzulassen. Diese Blockadehaltung wollen wir in der Tarifrunde der Länder durchbrechen, um im Anschluss einen Tarifvertrag mit der Hansestadt aushandeln zu können. Deshalb müssen wir Druck aufbauen und über den Arbeitskampf Stärke aufbauen und unseren Organisationsgrad erhöhen. 

Vor welchen Herausforderungen steht ihr?

Die Vereinzelung der studentische Hilfskräfte, ihre häufige Abhängigkeit von ProfessorInnen und DozentInnen, die relativ kurze Dauer der Anstellung – all das sind Herausforderungen, mit denen wir zu kämpfen haben. Die meisten, die sich bei uns organisieren, befinden sich bereits im zweiten oder dritten Arbeitsverhältnis dieser Art. Es braucht Geduld und Ausdauer, die Vorbereitungen für einen solchen Arbeitskampf durchzuführen. Es wird auch notwendig sein, ein Solidaritätsbündnis in der Stadt zu organisieren, an dem sich weitere politische Gruppen beteiligen und unseren Kampf unterstützen können. Denn es ist nicht nur ein ökonomischen, sondern auch ein politischer. Unser Gegner ist die Politik, insbesondere die regierende SPD, die behaupten, dass Tarifverträge wichtig seien, uns diesen aber vorenthalten.

Nicht zuletzt deshalb haben wir auch eine Online-Petition unter dem Namen „Keine Ausnahme! – Für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen studentischer Beschäftigter“ ins Leben gerufen, die bereits von mehreren Tausend Menschen, darunter viele studentische Beschäftigte, bundesweit unterschrieben worden ist. Wir werden die Bewegung weiter verbreiten und vertiefen. In jedem Bundesland gibt inzwischen eine TV-STUD Gruppe. Es bleibt also spannend!