„Für Verzicht braucht es keine Tarifverhandlungen!“

Foto: Ali Çarman / Stuttgart

Sidar Carman

Im Tarifkonflikt Einzel- und Versandhandel zwischen ver.di und dem Arbeitgeberverband gibt es bislang keine Annäherung. Am 16. September werden die Verhandlungen über Gehälter, Löhne und Ausbildungsvergütungen für die Beschäftigten im baden-württembergischen Einzelhandel fortgesetzt. „Seit April 2021 warten die Kolleginnen und Kollegen auf die dringend notwendigen Entgelterhöhungen. Sie sind wütend und enttäuscht, weil das bisherige Arbeitgeberangebot keine Spur von Anerkennung beinhaltet. Stattdessen drohen Reallohnverluste.“, so Bernhard Franke, ver.di Landesfachbereichsleiter Handel Baden-Württemberg. Die Beschäftigten im Einzelhandel und im Groß- und Außenhandel haben in den vergangenen Monaten unter hohen Belastungen und trotz aller Gefährdungen den Laden am Laufen gehalten – und dafür vielfach Applaus erhalten. 

Wenige Tage vor der vierten Verhandlungsrunde wurden die Warnstreiks im Bezirk Stuttgart hochgefahren. Denn „Für Verzicht braucht es keine Tarifverhandlungen. Wir werden daher in den nächsten Tagen die Warnstreiks im Raum Stuttgart hochfahren. Denn es geht um nicht weniger als die Frage, ob die Kollegen von ihren Löhnen und Gehältern leben können“ brachte es eine streikende H&M Verkäuferin auf einer Streikversammlung auf den Punkt. Im Einzelhandel und Groß- und Außenhandel werden häufig eher niedrige Entgelte bezahlt, was für die Beschäftigten programmierte Altersarmut bedeutet.

Den ersten Aufschlag machten die VerkäuferInnen der Stuttgarter Innenstadt. KollegInnen von Primark, H&M und ZARA Königstr. trafen sich zu einem gemeinsamen Streikposten vor der Primark Filiale, von der sie anschließend mit einem „Streikspaziergang“ durch die Innenstadt zogen. Der Warnstreik wurde am Montag, den 13. September mit einer Streikversammlung am Stuttgarter Gewerkschaftshaus fortgesetzt. Auch folgenden Tag haben Beschäftigte mehrerer Betriebe in Stuttgart, Sindelfingen, Böblingen, Ludwigsburg und Bietigheim-Bissingen ihre Arbeit niedergelegt. Betroffen waren u.a. Primark und H&M in der Stuttgarter Innenstadt, H&M im Breuningerland Sindelfingen, H&M Böblingen, Waiblingen, zwei ZARA Filialen in der Stuttgarter Innenstadt, ZARA im Breuningerland Ludwigsburg sowie Kaufland Filialen in Bietigheim-Bissingen, Ludwigsburg, Sindelfingen, Stuttgart Bad Cannstatt und Stuttgart-Vaihingen. Ein wichtiger Moment war der gemeinsame Streiktag der Verkäufer und Fahrer im Privaten Omnibusgewerbe am 14. September, an dem beide Arbeitskämpfe verbunden wurden. Hunderte Streikende zogen u.a. vor den baden-württembergischen Landtag, wo eine Aktion stattfand und abschließend zum Karlsplatz. Mit einer zentrale Streikkundgebung am 16.9. fand der vorerst letzte Protest mit hunderten Streikenden aus Stuttgart, Göppingen, Heilbronn, Pforzheim und Karlsruhe statt. Die Aufmerksamkeit ist in diesen Tagen auf die Tarifverhandlungen in NRW gerichtet. Ende September könnte dort ein möglicher Abschluss erfolgen, der für die anderen Tarifgebiete eine Pilotwirkung haben könnte.   

Ver.di fordert für eine Laufzeit von 12 Monaten u. a. tabellenwirksame Erhöhungen der Löhne und Gehälter um 4,5 % plus 45 € sowie einen rentenfesten tariflichen Mindestlohn von 12,50 € in der Stunde. Zudem wird die Beantragung der Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge eingefordert.