„Wunsch der Verwüstlichen“ 

Andrej Bill

Eine Reise nach Italien. Die Sehnsucht nach Freiheit und blühenden Zitronen. Auf viele deutschsprachige Autoren hatte Italien eine besonders anziehende Wirkung. Einer der bekanntesten von ihnen ist Johann Wolfgang von Goethe. Seine „Italienische Reise“ gilt als sein persönlicher Befreiungsschlag vom schamvollen Jungen zum lebenslustigen Mann, der gleichzeitig den Beginn der Weimarer Klassik markierte. „Ich mache diese wunderbare Reise nicht, um mich selbst zu betr[ü]gen, sondern um mich an den Gegenständen kennen zu lernen“, beschrieb Goethe in seinem Tagebuch das Ziel seiner Reise in dialektischer Manier. 

Mesut Bayraktars Roman „Wunsch der Verwüstlichen“ reiht sich in dieser Tradition ein. Auch hier handelt es sich um eine Reise zu sich selbst, bei der sich an Gegenständen gerieben wird und sich von der Scham gefangene Gefühle befreien. Allerdings geschieht es bei Bayraktar mit viel weniger Schnörkel als bei Goethe. Die Weimarer Klassik ist längst vorbei, die Geschichte schreitet voran und andere gesellschaftliche Produktionsverhältnisse bestimmen die Gegenwart. Was diese Verhältnisse ihrer Familie antaten, ist zentraler Dreh- und Angelpunkt einer Geschichte von zwei getrennten Brüdern, die den letzten Wunsch ihrer verstorbenen Mutter befolgen: einer gemeinsamen Reise.

Karl, ein verheirateter Richter mit zwei Kindern, beschreibt uns als einer der beiden Brüder diese Reise, die er mit seinem ledigen, kleinen Bruder Can antritt, einem vagabundierenden Autohändler und ehemaligen Fabrikschichtarbeiter. Nach 13 Jahren Trennung, da Can eines Tages spurlos verschwand, ist es zunächst ein stilles Wiedersehen der Brüder. Die Stille gibt Ruhe für zahlreiche Gedankenrückblicke in ihre gemeinsame Kindheit und Jugend, die durch ihr Wiedersehen erweckt werden. Diese inneren Rückblicke Karls geben einerseits mit zahlreichen Anekdoten Einblicke in die Beziehung zwischen den Brüdern und helfen das Innenleben ihrer Familie zu verstehen. Andererseits zeigen die Rückblicke einen zentralen Konflikt Karls mit seiner Herkunft auf: den inneren Konflikt eines leitenden Angestellten im bürgerlichen Justizapparat, der verdrängen möchte, dass er aus der Arbeiterklasse stammt. Dort entdecken wir, ähnlich wie bei Didier Eribon, die Scham eines Klassenaufsteigers vor seiner proletarischen Herkunft. „Erinnerungen gehören nicht der Vergangenheit an. Sie sind Böen der Gegenwart, lebendig“, schrieb die Mutter in ihrem Abschiedsbrief. Sie sollte Recht behalten.

Herausragend ist eine Erinnerung Karls, die seine Geringschätzung als junger Student gegenüber der Handarbeit seiner Mutter im Schrebergarten zeigt, für die er sich vor Nachbarn und Passanten schämte. Besonders, da statt schöner Blumen, Gemüse eingepflanzt wurde. Erst die Liebe zu seiner Mutter, seine Dankbarkeit ihr gegenüber und ihre Hilfsbedürftigkeit, stimmen ihn widerwillig zum Helfen im Garten um. Ungeschickt, da normalerweise lediglich mit Kopfarbeit beschäftigt, gräbt er unter dem Kommando seiner Mutter mit einer Hake und seinen Händen Kartoffeln aus. Und erst die Berührung mit dem „Gold in der Erde“, das Gefühl der ausgegrabenen Kartoffeln in seiner Hand, lässt ihn den Reichtum von Handarbeit begreifen. 

Mit zunehmender Reisedauer erinnern sich die beiden Brüder mittlerweile im Streit ihrer gemeinsamen Herkunft. „Die Unruhe war oft das fünfte Familienmitglied“, heißt es dann. Karl erkennt, dass die Unruhe in der Familie das Resultat von Erschöpfung aus schwerer Lohnarbeit war. Resultat aus Geldmangel, aus Zukunftsangst und Überforderung. Dieser Erkenntnisprozess geschieht in Karl nicht ohne Widerstand. Sein erlernter, bürgerlicher Hochmut des Besserwissers und seine beleidigte Arroganz stehen ihm Anfangs noch im Wege. Doch die junge Schauspielerin Nastasja, die als Kriegsflüchtling aus der Ukraine in Italien lebt, entpuppt sich als der passende Schlüssel, um Karls innerem Schutzwall Risse zu versetzen, bis er einbricht und aufgestaute Fluten entfesselt. 

Nastasja wirkt verlockend auf Karl und rettet ihn über sein Begehren aus seiner prinzipiellen Dürre und Verschlossenheit. Zwei disziplinierende Eigenschaften, die er im Bildungsaufstieg und im Ringen um Akzeptanz als Richter perfektionierte. Das wiederentdeckte Feuer in Karl entwickelt sich bis zum Exzess. Man kommt ins Grübeln, ob man diesen plastisch oder metaphorisch betrachten soll. Er erscheint als ein stürmischer Aufbruch Karls, der wieder zu fühlen erlernt. Bayraktar weißt darauf hin, dass es die Fähigkeit zu Fühlen ist, die Karl wieder zurück zu seiner Herkunft zieht. Und es ist die Fähigkeit zu Fühlen, die die Abkehr von seinem Pakt mit der bürgerlichen Gesellschaft markiert. „Erst kommt immer das Gefühl, dann das Wort.“ Karl begreift am Ende seiner Reise, wo sein Platz ist. Im Bewusstsein eines unausweichlichen Umbruchs seiner bürgerlichen Lebensverhältnisse, legt er zurück am Grab seiner Mutter eine rote Nelke nieder. 

Der Schreibstil Bayraktars erzeugt große Gefühle, ohne jemals kitschig zu sein. Man gräbt sich durch seine Sätze wie durch ein Gebüsch und sammelt ihre Gedankenäste, bis sich das Gebüsch entzweit. Durch die beiden Seiten des Gebüschs hindurch trifft man auf leuchtende Einfachheit, die alles Handeln einfriert während die innere Hitze großer Rührung aufsteigt. Die Art und Weise, wie an den einfachen Satz „Ich liebe dich, Bruder“ vorsichtig tastend herangeführt wird, stoppt den Lesefluss und stockt den Atem. Man ist gezwungen inne zu halten. Und man merkt, hier zeigen sich meisterhafte Fähigkeiten eines noch jungen Autors. 

Der Roman weist einige biografische Ähnlichkeiten zum Werdegang Bayraktars auf, was natürlich nicht verwundert. Immer steckt ein ganz persönlicher Teil vom Autor in seinem Werk, der es Authentizität verleiht. Bayraktar studierte Jura, bis er sich kurz vor Abschluss des zweiten Staatsexamens entschied, ein Philosophiestudium abzuschließen und als Schriftsteller zu arbeiten. Beides ist ihm gelungen. Strecken seines Weges dorthin, so lässt sich vermuten, stecken in seinem Roman „Wunsch der Verwüstlichen“. Er macht Vorfreude auf zukünftige Werke Bayraktars, wie sein Theaterstück „Gastarbeitermonologe“, das bald in Hamburg seine Uraufführung feiert. Oder seinen Ende Oktober erscheinenden Roman „Aydin – Erinnerungen an ein verweigertes Leben“, der ein neuer Meilenstein in der noch jungen Laufbahn Bayraktars zu werden verspricht.