Gastarbeiterinnen: 60 Jahre Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung

Foto: Stadtarchiv Neuss

Sidar Carman / Dilan Baran

„Fünf Hilfsarbeiter – sofort!“

In den Jahren des Wirtschaftswunders der 60er Jahre stieg die Nachfrage nach Arbeitskräften aus dem Ausland. Gesucht wurden „motivierte“, körperliche gesunde Arbeitskräfte, die innerhalb einer befristeten Dauer und zu einem billigeren Preis maximal verwertet werden konnten. „Bitte sofort fünf Stück Hilfsarbeiter“ – so lauteten damals Anforderungen der Arbeitgeber per Fernschreiben.“ (1), die an die Anwerbekommissionen in Italien oder der Türkei gesendet wurden. Fünf Stück Hilfsarbeiter, so einfach wickelte das Kapital seine Warenbestellung Arbeitskraft ab. 

Gastarbeiterinnen: Angeworben, um zu arbeiten

Auf den Bildschirmen flimmerten vor allem die Bilder von jungen Männern, die nach stundenlanger Zugfahrt und meist mit einem Gepäckstück an einem der vielen Bahnhöfe ankamen. Doch die Zahl der Frauen stieg stetig: „Zwischen 1960 und 1973 versechzehnfachte sich die Zahl der ausländischen Arbeitnehmerinnen in der Bundesrepublik von rund 43.000 auf über 706.000. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der ausländischen Arbeitnehmer verdoppelte sich in diesem Zeitraum von 15 auf über 30 Prozent.“(2), so Monika Mattes in ihrem Buch.

Gastarbeiterinnen waren „geschickt und billig“ 

Die boomende deutsche Wirtschaft suchte neben männlichen Arbeitskräften auch junge Arbeiterinnen, deren Vermittlung sich in den Entsendeländern allerdings meist schwierig gestaltete und für lange Wartezeiten sorgte. Tradierte Geschlechter- und Familienverhältnisse mussten umgewälzt werden. Wie sonst konnte eine Frau alleine, ohne männlichen Oberhaupt oder Begleitung, in ein fremdes Land reisen? Gleichzeitig befürchtete man sittlich-moralische Gefahren, die den Frauen im fernen Land drohten. „Unter jungen ledigen Frauen spielten jedoch auch Abenteuerlust und der Wunsch nach Unabhängigkeit eine Rolle“, so Mattes.  Für die Gastarbeiterinnen war der Weg nach Deutschland Qual und Aufbruch zugleich. Neben Trennungsschmerz und Fernweh, führte die eigene Lohnarbeit im „Gastarbeiterland“ nicht selten zu einem Emanzipationsschub. Studien zufolge waren 42 Prozent der Gastarbeiterinnen ledig oder „lediggehend“, d.h. sie reisten ohne Ehemann nach Deutschland.  Besonders Spanierinnen und Türkinnen ließen 1960 Ehemann und Kinder zurück bzw. holten sie erst später nach. 

Migrantinnen wurden in erster Linie in der Textil-, Bekleidungs-, Nahrungs- und Genussmittelindustrie eingesetzt. Doch man fand sie auch an gesundheitsschädlichen Arbeitsplätzen in der Elektrotechnik und der Eisen-/Metallindustrie, wie bspw. bei Siemens. So stellten in dessen Berliner Werken Migrantinnen phasenweise mehr als die Hälfte der Gesamtbelegschaft. (3) Die gezielte Anwerbung von weiblicher Arbeitskraft war für das Kapital in Deutschland überaus attraktiv. Benötigt wurden „geschickte, billige und willige“ Migrantinnen, für die die Unternehmen sogar bereit waren, Wartezeiten von sechs bis neun Monaten bei der Vermittlung in Kauf zu nehmen. (4) Ihre Löhne wurden nach Leichtlohngruppe bezahlt und lagen damit weit unter dem durchschnittlichen Einkommen. Der Einsatz von Migrantinnen sollte jedoch nicht nur die Leichtlohnarbeitsplätze sichern, mehr noch, das Ziel der Arbeitgeber war, diese in andere Branchen auszuweiten. Doch dagegen formierte sich in den 70er Jahren eine Reihe kämpferischer betrieblicher Kämpfe – geführt auch von Frauen. 

Die Pierburg-Frauen

Einen besonderen Platz nimmt dabei der Streik beim Autozulieferer Pierburg 1973 in Neuss ein, der von migrantischen Frauen angeführt wurde. 70 Prozent von insgesamt 3.800 Beschäftigten waren Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter (5). Griechinnen, Italienerinnen, Jugoslawinnen, Spanierinnen, Türkinnen sowie auch deutsche Fließbandarbeiterinnen legten in einem wilden Streik die Arbeit nieder, weil sie in der Frauen-Leichtlohngruppe schlechter bezahlt wurden, als die Männer. Die Streikenden forderten die Abschaffung der Leichtlohngruppe und eine Mark zusätzlich für alle, was auch die Einbeziehung eher männlicher und deutscher Facharbeiterkollegen erlaubte.

Der Streik dauerte eine ganze Woche. Die migrantischen Kolleginnen schafften es, ihre deutschen und männlichen Kolleginnen und Kollegen auf ihre Seite zu ziehen und den Kampf gegen den Niedriglohn mit Errungenschaften zu beenden. Dafür suchten sie gezielt den Kontakt zu deutschen Arbeiterinnen und Arbeitern, gingen zum Beispiel in die von jenen oft besuchten Kneipen und erzählten dort von dem gegen sie gerichteten Rassismus (6).

Anerkennung und Wertschätzung

Rassistische und sexistische Hierarchisierung führen noch heutige häufig zur Spaltung der Arbeitenden eines Betriebs und in der gesamten Gesellschaft, die ansonsten sehr viel gemeinsam und jeden Grund haben, sich zu verbünden und zu organisieren. Der wilde Streik bei Pierburg ist deshalb von so großer Bedeutung, weil die Arbeiter, angeführt von den migrantischen Frauen, ihre sexistische und rassistische Spaltung überwinden konnten und dadurch im überdurchschnittlichen Maße erfolgreich waren. Heute, 60 Jahre später, geht der Kampf um „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ in eine neue Runde. Besonders in den wachsenden Arbeitskämpfen im Dienstleistungsbereich geht es Frauen unterschiedlicher Herkunft um materielle Anerkennung und – wie aktuell in den Kämpfen bei Vivantes und der Charite – um bessere Arbeitsbedingungen. 

(1) Aus Gastarbeitern wurden Einwanderer, in 40 Jahre Gastarbeiter, Hrsg. Meier-Braun u.a.

(2) Dr. Monika Mattes: „Gastarbeiterinnen in der BRD“. Immer mehr Lohnarbeiterinnen migrierten nach Deutschland

(3) https://new.siemens.com/de/de/unternehmen/konzern/geschichte/specials/frauen-bei-siemens.html

(4) www.freiburg.de

(5) Dieter Braeg (Hg.): „Wilder Streik – das ist Revolution“. Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973. Mit DVD. Die Buchmacherei, 2013.

(6) Migration und Arbeitskämpfe – Rosa-Luxemburg-Stiftung (rosalux.de)

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