60 Jahre Migration – Türkisches Konsulat mischt sich ein

Foto: Yeni Hayat

Eylem Gün

Wie in vielen anderen Städten auch, gab es in Nürnberg verschiedene Veranstaltungen zum 60. Jahrestag des türkisch-deutschen Anwerbeabkommens. Veranstaltet wurde eine davon von der Stadt Nürnberg, die Federführung der Organisation hatte das Interkultur-Büro des Amts für Kultur und Freizeit (KUF) der Stadt Nürnberg.

Zu der Veranstaltung, die am 30. Oktober stattgefunden hat, waren mehrere Gäste eingeladen, die etwas über ihre und die Geschichte ihrer Familien erzählen sollten. Für die Besucher der Veranstaltung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, dass das Vorfeld dieser Veranstaltung bereits von Diskussionen und Einmischungen von Seiten des türkischen Konsulats geprägt war. Für die Zuschauer jedoch war es eine runde Veranstaltung. Die Podiumsgäste berichteten über ihr Leben und Wirken. Diese Berichte wurden simultan entweder ins Deutsche oder Türkische übersetzt. Zum Schluss wurden Vereine, die das Stadtgeschehen prägten, benannt und u.a. auch Junge Stimme e.V. konnte von der eigenen Arbeit berichten und die eigenen Forderungen und Utopien für die Integration in den kommenden 10 Jahren vorstellen.

Verdrehte Fakten- skurrile Einmischung

Der eigentliche Knall kam erst nach der Veranstaltung. In den türkischen Medien, allen voran in der Tageszeitung „Sabah“, wurde die Diskussion vollkommen verzerrt dargestellt. Der Dreh- und Angelpunkt der Hasskampagne durch Sabah: der kurdische Aktivist Mehmet Elbistan. Mehmet Elbistan ist 87 Jahre alt, lebt seit vielen Jahren in Deutschland und ist aktiv bei KOMKAR, dem Verband der Vereine aus Kurdistan. Obwohl KOMKAR dafür bekannt ist, eher eine Gegenposition zur PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) einzunehmen, wird Elbistan in dem besagten Artikel beschuldigt, bei der Veranstaltung PKK-Propaganda verbreitet zu haben. Der Artikel ist in reißerischem Ton geschrieben und verdreht Fakten, für die es erwiesenermaßen Aufzeichnungen gibt. Gleichzeitig hat er bei vielen für Kopfschütteln und die Reaktion „Waren wir bei der gleichen Veranstaltung?“ gesorgt. Nichtsdestotrotz nutzen aktuell vor allem türkisch-nationalistische Kreise die Berichterstattung über die Veranstaltung, um gegen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Interkultur-Büro und allen voran gegen Mehmet Elbistan zu schießen.

Was (fast) noch besorgniserregender ist, dass sich laut einem Artikel in den Nürnberger Nachrichten das türkische Generalkonsulat bereits im Vorfeld in die Gästeauswahl eingemischt hat. So hat der Generalkonsul sich gegenüber Oberbürgermeister Marcus König (CSU) gegen Mehmet Elbistan und andere AKP-kritische Stimmen ausgesprochen und ist selbst nicht Gast des Podiums geworden. Nach dem Bericht der Nürnberger Nachrichten hat sich der Oberbürgermeister im Nachhinein beim Generalkonsul dafür entschuldigt, dass er seine „Warnungen“ nicht berücksichtigt habe. Mehrere Vertreterinnen und Vertreter von fortschrittlichen Gruppen in Nürnberg haben sich im Nachfeld der Veranstaltung getroffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Der Oberbürgermeister wurde um einen Termin gebeten, bei dem deutlich gemacht werden soll, dass die Einmischung des türkischen Konsulats in Veranstaltungen, die das Zusammenleben in Deutschland betreffen, nicht geduldet werden dürfen. Die türkische AKP-Regierung versucht, über die Konsulate Einfluss zu nehmen und fortschrittliche, kritische Gruppen aus Veranstaltungen, wie am 30. Oktober, auszuschließen. Dagegen ist eine solidarische gemeinsame Haltung notwendig.