Dieses Jahr ein wenig anders – die 5. Türkisch-deutschen Theatertage in Nürnberg

Foto: Yeni Hayat

Alev Bahadir

Alle zwei Jahre finden im November die türkisch-deutschen Theatertage in Nürnberg statt. Trotz Pandemie konnte die Veranstaltung auch in diesem Jahr für wenige Stunden stattfinden. Wenn auch etwas anders, als somst: mit Maskenpflicht.

Die 5. Türkisch-deutschen Theatertage wurden von Junge Stimme e.V., in Kooperation mit dem Staatstheater Nürnberg, der Villa Leon und dem Freundschafts- und Solidaritätsverein, veranstaltet. Eigentlich waren die Theatertage bereits für 2020 geplant, doch mussten sie aufgrund der Pandemie ins Jahr 2021 verschoben werden. Sie auch in dieser ungewissen Situation trotzdem durchzuführen, war den Organisatoren einerseits wichtig, weil die Theatertage ein Stück Normalität in eine Zeit, in der eigentlich fast nichts mehr im sozialen und kulturellem Leben normal läuft, bringen können. Außerdem wurden die Theatertage vor Jahren ins Leben gerufen, um besonders denen, die nicht üblicherweise den Zugang zu Theater und sonstiger „Hochkultur“ haben, diesen Zugang zu ermöglichen. Einerseits indem der Eintritt zu den Stücken so günstig wie möglich gehalten wird und gleichzeitig indem es Stücke auf Deutsch und auf Türkisch gibt. Dabei finden die Stücke in den Räumlichkeiten der Kooperationspartner, wie dem Staatstheater oder der Villa Leon statt.

Suç ve Keza – Schuld und dergleichen

Die Eröffnung der Theatertage fand am Freitag, den 19. November, mit einer Produktion des Güneş Theaters Frankfurt „Suç ve Keza – Schuld und dergleichen“ in der Villa Leon statt. Mit 2G und Maskenpflicht konnten die Eröffnung mit bis zu 200 Zuschauerinnen und Zuschauern durchgeführt werden. Nach einer Begrüßung durch den Verein Junge Stimme e.V. und die Villa Leon, folgte das Stück. Darin begegneten sich Cüneyt Sezer und Barış Atay als Porfirij und Raskolnikow, die Widersacher in Fjodor Dostojewskis Schuld und Sühne. Die beiden Gegner treffen sich nach über einem Jahrhundert wieder, um eine offene Rechnung zu begleichen. Fast zwei Stunden lang lieferten sich die zwei ein Wortgefecht über Philosophie, Politik, Religion usw. Während viele der Gäste für Barış Atay, der aufgrund seiner Rolle als Abgeordneter im türkischen Parlament bekannt geworden ist, gekommen waren, blieb seine Verkörperung von Raskolnikow weit hinter den Erwartungen der Zuschauer zurück und wirkte eher gelangweilt, während Cüneyt Sezers Porfirij die Bühne und die Zuschauer für sich einnahm.

I love you, Turkey – eine Lesung

Am folgenden Tag ging es um 17 Uhr ins Staatstheater, wo es eine deutschsprachige szenische Lesung gab. In der 3. Etage trafen sich mehrere Zuschauer, um aus Ceren Ercans Werken zu lauschen. Knapp eine Stunde lang tauchten die Zuschauer in die Bühnenessays Ceren Ercans, gelesen von Staatstheater-Ensemble-Mitgliedern Süheyla Ünlü und Aydın Aydın, ein. Das Publikum erhielt Einblick in das Stück „Zeit für Berlin“, das die unterschiedlichen Sorgen und Umstände junger Türkeistämmiger thematisiert, die aufgrund von politischen und sozialen Zuständen ihr Heimatland bereits verlassen haben. In ihrem Stück „I love you, Turkey!“, das am Staatstheater bereits zu sehen war, blickt sie auf die Lebensrealität derer, die trotz aller Widerstände und –sprüche nach wie vor in Istanbul leben. Zudem waren Auszüge aus Ercans jüngstem Werk „Wer allein bleibt, den frisst der Wolf“ zu hören, das im Dezember 2021 seine Uraufführung feiern wird. Auch wenn es „nur“ eine Lesung von einer Stunde war, die „nur“ Ausschnitte aus den jeweiligen Stücken beinhaltete, war es eine gelungene Veranstaltung, dem Publikum hat es sehr gut gefallen.

Ben Anadolu – Ich, Anatolien

Ein Knaller folgte am selben Abend. Ayça Bingöl entführte das Publikum in dem Ein-Frau-Stück durch eine Zeitreise in der Geschichte der Frauen Anatoliens. Das vom Mam’art Tiyatro produzierte Stück folgte Güngör Dilmens klassischem Werk. 90 Minuten lang fesselte Bingöl das Publikum mit ihrer Performance unterschiedlicher Frauenfiguren. Sei es Kybele oder Theodora, Eftelya oder Hürrem. Frauen, die obwohl sie unterschiedlicher vielleicht nicht sein konnten, die Geschichte und die Entwicklung Anatoliens geprägt haben. Standing Ovations gab es vollkommen zu Recht von den Zuschauerinnen und Zuschauern. Im anschließenden Gespräch moderiert von der Journalistin Ayşen Güven sprach Bingöl über die schwierige aktuelle Situation der Frauen in der Türkei und darüber, dass „Ben Anadolu“ starke Frauen in der Geschichte portraitiert und auch mit dem Bild der „schwachen Frau“ bricht.

Babamı kim öldürdü? – Wer hat meinen Vater umgebracht?

Den Abschluss der Theatertage bildete ebenfalls ein hervorragendes Stück mit einer starken Performance. Onur Ünsal, Mitglied vom Ensemble des Istanbuler Theaters „Moda Sahnesi“, schlüpfte in deren Produktion in die Rolle von Édouard Louis. Louis hatte 2018 in dem autobiografischen Werk seine Kindheit und Herkunft als Kind aus der Arbeiterklasse beschrieben. Eine entscheidende Rolle hier nimmt das schwierige Verhältnis zu seinem Vater, dessen Vorstellungen von Männlichkeit, in die die Homosexualität seines Sohnes nicht zu passen schien, der ihm einerseits in so unerwarteten Situation Zuneigung zeigte, wie er sie ihm auch demonstrativ entzog und das Leid, das der Vater aufgrund seiner körperlich anstrengenden Tätigkeit als Arbeiter erleben musste – was schließlich auch zu dessen Tod führte – ein. Die Ähnlichkeit zu Didier Eribons bekanntem Werk „Rückkehr nach Reims“ ist kein Zufall, Louis war Student Eribons. Ünsal verkörperte über 2 Stunden hinweg sowohl die Wut über den Vater, aber auch über die herrschende Politik, die Verletzlichkeit und Trauer Louis‘ eindrucksvoll. Auch hier folgte ein Gespräch im Anschluss mit der Journalistin Ayşen Güven. Bei beiden Gesprächen wurde auch die schwierige Situation der Kulturschaffenden vor und während der Corona-Pandemie in der Türkei angesprochen.

Mit den Eindrücken der vier sehr unterschiedlichen Stücke und der drei vergangenen Tage kehrten die Zuschauerinnen und Zuschauer heim, bereits wartend auf die nächsten türkisch-deutschen Theatertage in zwei Jahren.