Gastarbeitermonologe

Foto: Yeni Hayat

Kevin Westphal

Am 25. November 2021 führte das Deutsche Schauspielhaus Hamburg gemeinsam mit der Föderation demokratischer Arbeitervereine die Uraufführung der Gastarbeitermonologe von Mesut Bayraktar auf. Im größten Sprechtheater Deutschlands verfolgten knapp 400 Zuschauer den spannenden Text über vier gänzlich verschiedene Schicksale rund um das deutsch-türkische Anwerbeabkommen von 1961. Dass trotz der aktuellen Pandemiesituation so viele Besucher den Weg ins Schauspielhaus fanden, ist vor allem der starken Mobilisierung der DIDF und befreundeter Organisationen zu verdanken, aus deren Umfeld der Großteil der Zuschauer stammte.

Vor genau 60Jahren schlossen die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei das so genannte Anwerbeabkommen, in dessen Folge über 800 Tausend türkische Arbeiter nach Deutschland abwanderten, um dort als „Gastarbeiter“ den Arbeitskräftemangel der jungen, deutschen Wirtschaft auszugleichen. Viele von ihnen blieben, da sie sich und ihrer Familie hier ein besseres Leben versprachen. Die Gastarbeitermonologe von Mesut Bayraktar greifen diese Situation auf und geben einen Einblick darein, was für Spuren dieser Staatsvertrag in den Lebensläufen mehrerer Millionen Menschen hinterließ und richten damit den Blick zurück auf unsere Gesellschaft, die vor diesem Abschnitt ihrer eigenen Geschichte viel zu lange die Augen verschlossen hat. Anhand der persönlichen Schicksale von vier Protagonisten gewinnt der Zuschauer einen tiefen, persönlichen und unmittelbaren Einblick in diese längst vergangene Zeit, die an Aktualität kein Bisschen verloren hat. Gegenstand der Auseinandersetzung ist zum einen die Geschichte von Gül, sie ist eine junge, türkische Frau. Kurz nach ihrer Heirat in jugendlichem Alter wird sie von ihrem Ehemann getrennt, der auf Anweisung seines Vaters als Arbeiter nach Deutschland geht, um dort gutes Geld zu verdienen und der hohen Arbeitslosigkeit in der Türkei zu entfliehen. Währenddessen bleibt Gül mit ihrer Schwiegermutter, ihrem Kind und dem kleinen Hof ihrer Schwiegereltern in der Türkei zurück und wartet dort darauf von ihrem Ehemann nachgeholt zu werden – lange Zeit vergeblich. Eine weitere Perspektive ist die eines türkischen Arbeiters bei Ford. Hier ereignete sich 1973 ein wilder Streik, da 300 türkische Arbeiter aufgrund verspäteter Rückkehr aus dem Sommerurlaub gekündigt wurden. Türkeistämmige „Gastarbeiter“ stellten zu dieser Zeit etwa ein Drittel der Beschäftigten im Fordwerk Köln und sie waren es auch, die den Streik maßgeblich initiierten. Die Geschichte dieses Arbeitskampfes, in dem türkische und deutsche Arbeiter Seite an Seite gegen die Willkür des Konzerns kämpften, stellt eindrucksvoll dar, dass dort, wo Klassenbewusstsein und Klassensolidarität existieren, Nationalitäten und ethnische Zugehörigkeit keine Rolle mehr spielen. Grundlage dieser Erzählung waren für den Autor die Streikprotokolle und Gespräche mit Zeitzeugen. Des Weiteren werden noch die Schicksale einer türkischen und einer deutschen Arbeiterin aufgriffen.

Dem Autor gelingt es durch die persönliche Erzählweise den Zuschauer nachhaltig an die Protagonisten zu binden. Dabei ermöglicht der Text den schmalen Grat zwischen der Betrachtung individueller Schicksale und gesellschaftlichen Dynamiken. Während der Zuschauer einen tiefen Einblick in die Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste der erzählenden Personen bekommt, eröffnet sich im gleichzeitig die gesellschaftliche Dimension des Gastarbeiterabkommens, die sich bis heute ausdehnt und deren Betrachtung auch oder gerade jetzt äußerst relevant ist. Im Anschluss der Aufführung fand ein etwa 30-minütiges Gespräch mit Mesut Bayraktar (Autor), Michael Weber (Szenische Einrichtung), Yusuf As (Geschäftsführendes Mitglied der DIDF) und Dilan Baran (Vorsitzende DIDF Hamburg) statt, in dem unter anderem die Auswirkungen auf unsere heutige Gesellschaft, als auch die politische Bedeutung und unsere Verantwortung vor dieser Geschichte beleuchtet wurden.

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