„Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“

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Mirkan Dogan

In den letzten Wochen des Jahres 2021 hat der Paritätische Wohlfahrtsverband seinen jährlichen Armutsbericht veröffentlicht. Die Ergebnisse, die sich an der Mikrozensus Studie des statistischen Bundesamts orientieren, zeigen einen traurigen Rekord: In Deutschland leben 13,4 Millionen Menschen, also 16,1 Prozent der Bevölkerung, in Armut. Das ist der höchste Wert seit der erstmaligen Erhebung der Mikrozensus Studie, also 1957.

Keine Trendwende: Armut verfestigt sich 

Seit 2006 ist zu beobachten, dass die Armutsquote stetig steigt. Lag die Quote im Jahre 2006 noch bei 14 Prozent, so stieg sie bis 2015 auf 15,5 Prozent und im Jahre 2020 auf 16,1 Prozent. Auch zeigt sich deutlich, dass die Phrasen über Wohlstand und Reichtum, die von der Politik geschwungen werden, nichts bedeuten. Denn während die Armutsquote immer weiter steigt, so häuft eine kleine Gruppe von Menschen immer mehr Reichtümer an. Die gute wirtschaftliche Lage des Landes kam vor der Corona-Pandemie schon nicht an und zusammen mit Krise und Pandemie schon gar nicht. Auch schon Bertolt Brecht hatte erkannt:  „Reicher Mann und Armer Mann standen da und sahen sich an. Da sagt der Arme bleich: Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

Wer ist arm? 

Es lässt sich anhand der Studie klar herauslesen, welche Gruppen von Menschen besonders von Armut betroffen sind. Gliedert man Erwachsene Arme nach Erwerbsstatus, so sind jeweils 35 Prozent erwerbslos oder erwerbstätig. Die verbleibenden 30% sind Rentner. 

Besonders betroffen von der Armut sind Haushalte mit drei oder mehr Kindern (Armutsquote: 35%), Alleinerziehende (Armutsquote: 41%) und Erwerbslose (Armutsquote: 52%). Hier zeigt sich auch deutlich, dass Hartz IV eine Armutsfalle ist. Dies ist Armut, die politisch klar gewollt ist. Weitere Armutsrisiken ist das Qualifikationsniveau der Menschen, Migrationshintergrund und die Staatsangehörigkeit. Auch der geographische Graben verfestigt sich bei den Armutsstatistiken. Während der Süden von Deutschland, also Bayern und Baden–Württemberg „nur“ eine Armutsquote von 12% aufweisen, so ist die Armutsquote von Nord-, Ost- und Westdeutschland bei 18%.

Doch der Armutsbericht der Paritätischen zeigt auch, dass die Krise besonders die arbeitende Bevölkerung trifft. Diese Ergebnisse werden auch von den Berechnungen des Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans Böckler Stiftung unterstützt. Demnach müssen tarifgebundene Beschäftigte einen Reallohnverlust von 1,4 Prozent hinnehmen. Bei keiner Tarifbindung dürfte dieser Wert noch weit höher ausfallen. Im Gegensatz dazu hat sich das Großvermögen um 19 Prozent gesteigert. 

Deutschland mag zwar eines der reichsten Länder der Welt sein. Doch trotzdem sind viele Menschen neben staatlicher Unterstützung auch auf weitere Hilfen angewiesen. Diese Hilfe leisten seit Jahren beispielsweise die Tafeln. Sie versuchen mit Ausgaben von Lebensmitteln zu helfen. Auf ihrer Webseite schreibt die Organisation, dass sie eine neue Form der Not sehen, seit Pandemiebeginn. Von den insgesamt 960 Tafeln bundesweit, haben 40 Prozent mehr Kunden. Es werde an manchen Orten ein Anstieg der Nachfrage von bis zu 20 Prozent verzeichnet. Vor allem auf Hilfe angewiesen seien Menschen mit ALG II Bezug, Rentner und Beschäftigte, die in Kurzarbeit sind. 

Armut ist politisch 

Es ist natürlich zu begrüßen, dass Ehrenamtliche durch ihre Hilfen versuchen, Menschen zu helfen, wie zum Beispiel bei der Tafel. Diese werden von politischer Seite in den Himmel gelobt. Allerdings wird nichts unternommen, um die Menschen aus dieser Situation zu holen. Stattdessen tritt man weiter nach unten und stellt die Situation so dar, als ob die Menschen selber an ihrer Situation Schuld wären. Als ob dieses System nicht darauf angewiesen ist, Armut zu produzieren. Nicht nur, damit sich die einen immer mehr Reichtümer anhäufen können, sondern auch um soziale Abstiegsängste zu schüren und damit dann Arbeitsbedingungen zu verschlechtern und Löhne zu drücken.