Die Sache mit den „ausländischen Mächten“

Ahmet Yaşaroğlu

Die Rhetorik der Herrschenden ist hinlänglich bekannt und wird immer wieder gern benutzt: Für alle Probleme im Land sollen „ausländische Mächte“ und deren Handlanger im eigenen Land verantwortlich sein. Wenn die Menschen auf die Straßen gehen und sich über die hohen Lebenshaltungskosten beschweren, wird nach „ausländischen Mächten“ Ausschau gehalten, die hinter ihnen stecken könnten. Wenn ein unterdrücktes Volk für Demokratie aufsteht, sind „ausländische Mächte“ verantwortlich, die das Land spalten möchten. Sicherlich sind „ausländische Mächte“ keine Unschuldslämmer. Allerdings sind sie nicht dort zu finden, wo die Herrschenden sie verorten. Viel mehr stecken sie beide unter einer Decke!

Dass „ausländische Mächte“ zum Chaos aufstacheln würden, gehört nicht nur in der Türkei zu der Lieblingsrhetorik der Herrschenden. Angesichts der untragbaren Lasten, die die Wirtschaftskrise verursacht hat, der grenzenlosen Unterdrückung und herrschenden Unfreiheit gingen die Menschen in Kasachstan auf die Straßen. „Ausländische Mächte wiegeln die Menschen auf und wollen unser Land ins Chaos stürzen.“ Dabei waren es doch ausländische Mächte, die vor den Augen der verdutzten Weltöffentlichkeit von ihm ins Land gerufen wurden, damit sie den Aufstand niederschlagen mögen.

Es bietet sich uns also ein interessantes Bild: „Inländische Mächte“, also die Völker als die wahren Besitzer des jeweiligen Landes, gehen auf die Straße, weil sie Wirtschaftskrisen, politische Verfolgung, die Plünderung und Ausbeutung nicht mehr hinnehmen möchten. Sie organisieren einen Aufstand, weil die Situation nicht mehr auszuhalten ist. Dass diese Massen aus Arbeitern und Werktätigen sowie immer größer werdenden Bevölkerungsgruppen bestehen müssen, liegt auf der Hand. Keine „ausländische Macht“ ist in der Lage, eine solche Kraft in Bewegung zu setzen oder zum Aufstand aufzustacheln. Aus der Sicht der Herrschenden sind die Probleme, über die man sich beschwert, keine wirklichen Probleme und erst recht kein Grund für Kämpfe. Auch wenn sie es ignorieren, sind es dabei diese Probleme, die die „inländischen Mächte“, also das Volk zum Kampf veranlassen.

Und „ausländische Mächte“ haben natürlich eine andere Sicht auf die Dinge. Sie stehen hinter den Herrschenden. Manchmal nennen sie sich – wie im Falle von Kasachstan – Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS). Ein anderes Mal ist es die NATO. Die Aufgabe dieser „ausländischen Mächte“ ist es, kooperierende Herrschende zu schützen und an der Macht zu halten. Sind die herrschenden Mächte und ihre Vertreter abgenutzt, werden sie von diesen Mächten gegen neue ausgetauscht. Die Machthaber in den abhängigen Staaten haben den Auftrag, dieses Ausbeutungssystem aufrechtzuerhalten und zu konsolidieren. So werden die Kredite zurückgezahlt, Zinstilgungen nicht verspätet etc. Kurzum: „Ausländische Mächte“ sind Feinde des Volkes und ihre Interessen werden von den Machthabern in diesen Ländern geschützt.

Natürlich möchte kein Volk eine Einmischung der „ausländischen Mächte“ in die inneren Angelegenheiten seines Landes. Auch die Machthaber sind sich dessen bewusst. Sie versuchen immer wieder, diese ablehnende Haltung gegenüber Interventionen von außen im eigenen Interesse auszunutzen, vor den Augen der Öffentlichkeit lautstark gegen „ausländische Mächte“ auszuteilen und hinter den Kulissen sich ihnen anzubiedern. Allerdings haben die Völker eine wichtige Lehre aus der jüngsten Geschichte gezogen: Sie wissen, dass der Kampf gegen „ausländische Mächte“ nur dann zum Erfolg führen kann, wenn sie auch deren Handlanger im eigenen Land bekämpfen.

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