Seid ihr bereit, diesen Weg mit uns zu gehen?

Foto: Yeni Hayat / Marburg

Eren Okcu

Am 19. Februar 2020 ermordete der Rechtsradikale Tobias R. in Hanau neun Menschen mit Migrationshintergrund. Anschließend tötete er seine Mutter und sich selbst. Die Morde von Hanau waren keinesfalls Taten eines verrückten Einzeltäters, sondern reihen sich in eine Kette von rechtsterroristischen Anschlägen der vergangenen Jahre ein. Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Pǎun, Fatih Saraçoǧlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov hießen die jungen Menschen, die ermordet wurden. Fast zwei Jahre nach dem Anschlag haben wir uns mit Serpil Temiz Unvar, der Mutter des Ermordeten Ferhat Unvar, unterhalten.

Zwei Jahre sind seit dem Anschlag in Hanau vergangen. Wie geht es dir heute?

Diese Frage wird mir oft gestellt. Fast zwei Jahre sind seit dem Anschlag vergangen und ich kann das sagen: nach zwei Jahren lernst du den Schmerz besser zu verbergen. Der Schmerz verändert sich, er wird tiefer. Aber gleichzeitig hat er dafür gesorgt, dass ich etwas verändern und dafür sorgen will, dass so etwas nie wieder geschieht.

Am 16.12.2021 wurden die Ermittlungen nach nicht einmal zwei Jahren eingestellt. Wie stehst du dazu, dass der Täter vermeintlich keine Hilfe hatte oder es angeblich keine Mitwissenden gab?

Die Ermittlungen wurden mit dem Schluss eingestellt, dass der Täter alleine gehandelt hätte. Das stimmt nicht. Er wurde von seinem Vater mit rassistischem Gedankengut großgezogen. Dass er ein Rechtsradikaler war, war den Behörden bereits vor dem Anschlag bekannt. Rassisten können sich heutzutage in der virtuellen Welt viel einfacher vernetzen und organisieren. Sie können sich durch andere rassistische Angriffe motivieren. Leider wurde der Anschlag als Tat eines Einzeltäters gewertet und ohne Strafverfolgung abgeschlossen. Das wird keine abschreckende Wirkung haben und solche rassistischen Taten können leider weiterhin stattfinden. Eher im Gegenteil, es bestärkt Rechte noch mehr. Sowohl die Nachlässigkeit der Behörden im Vorfeld der Tat, als auch deren Verhalten in der Nacht des Massakers verstärkt unseren Schmerz, als Hinterbliebene und Überlebende nur noch mehr.

Du hast am 14. November 2020, dem Geburtstag von Ferhat die Bildungsinitiative Ferhat Unvar gegründet. Die Bildungsinitiative hat das Ziel, Rassismus in Schulen zu bekämpfen, aber setzt sich auch gegen institutionellen und Alltagsrassismus ein. Warum ist es dir wichtig, dich zu organisieren?

Nach dem Anschlag habe ich mich verpflichtet gefühlt, etwas zu unternehmen. An Ferhats Geburtstag haben wir die Initiative ins Leben gerufen und genau 1 Jahr später, am 14. November 2021 haben wir unsere eigenen Räumlichkeiten bezogen. Daran haben viele Personen und Gruppen mitgearbeitet. Das, was wir in dieser Nacht erlebt haben, hat dazu geführt, dass ich mich immer wieder in unsere Vergangenheit zurückversetzt habe. Die Probleme, die Ferhat insbesondere in der Schule hatte, machten für mich diese Bildungsinitiative zur Pflicht. Ich bin der Meinung, dass wir im Bildungssystem gegen Rassismus kämpfen müssen. Ich wollte damit all jene jungen Menschen, die hier geboren sind und deren Lebensmittelpunkt in Deutschland ist, unterstützen. Denn diese Probleme hat nicht nur Ferhat gehabt. Nachdem wir mit der Bildungsinitiative zu arbeiten begonnen haben, haben wir gesehen, wie verbreitet Erfahrungen mit Rassismus sind. Das hat mich darin bestärkt, dass ich den richtigen Weg gehe. Deshalb müssen wir uns organisieren. Auch wir sind Teil dieses Landes und dieser Gesellschaft. Für mich sind alle, die sich gegen Rassismus engagieren, wie mein Sohn Ferhat. Junge Menschen müssen ihr Potential und ihre Stärke erkennen. Sie müssen ihr Potential vor allem im Bildungssystem, in den Schulen und Universitäten, ausleben können.

Das besondere an der Bildungsinitiative ist, dass junge Leute unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion dazu eingeladen sind, sich zu beteiligen und zu vernetzen. Gleichzeitig erleben wir immer wieder Spaltungsversuche. Wie wichtig ist in dem Zusammenhang Solidarität für dich?

Die Jugend ist unsere Zukunft. Rassismus ist nicht nur ein Problem von migrantischen Jugendlichen, sondern auch von denen ohne Migrationshintergrund. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Deshalb ist es sehr wichtig, dass sich alle Menschen, unabhängig davon, welche Sprache sie sprechen, welche Hautfarbe sie haben oder welcher Religion sie angehören, dagegen stark machen. Wenn wir diesen Zusammenhalt stärken, gibt es nichts, was wir nicht erreichen können. Deshalb möchten wir auch Jugendliche ohne Migrationshintergrund in diesen Kampf einbinden. Ferhat hatte viele deutsche Freunde, die ebenfalls Teil der Bildungsinitiative sind. Wir, die Bildungsinitiative Ferhat Unvar und ich sind bereit, diese Kämpfe zu führen. Und wir rufen alle auf: seid ihr bereit, diesen Weg mit uns zu gehen?

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