Streiks der Lieferdienstbeschäftigten

Foto: Evrensel

Düzgün Altun

Lieferdienste haben seit Jahren weltweit einen Aufschwung. Seit dem Ausbruch der Pandemie hat dieser Trend sogar noch zugenommen. Auch in der Türkei wachsen die Einkäufe über Online-Bestellungen. Diese Zunahme zeigt sich auch in der Anzahl der Lieferdienste.

Ergün Pedük, Generalsekretär des Verbandes der motorisierten Kuriere in der Türkei, erklärt der Tageszeitung Evrensel, daß die Zahl der motorisierten Kuriere und Lieferanten mittlerweile an 450000 angewachsen ist. Sehr viele von diesen Beschäftigten sind junge arbeitslose Hochschulabsolventen, die aus Alternativlosigkeit diese Arbeit machen müssen. Und dieser Job ist gefährlich, erst recht in der Türkei: Gefährlich, weil allein zwischen März 2020 und Mai 2021, 222 Lieferanten bei einem Unfall ihr Leben verloren. Pedük spricht sogar davon, daß die Dunkelziffer der tödlichen Unfälle sicherlich höher sei.

Deniz Kurtul, eine Agraringenieurin aus Izmir, berichtet von immer weiter wachsendem Stress in dem Job: 12 Stunden Arbeit, unsichere Arbeitsverhältnisse, Unfälle, zu wenig Einkommen und die ständigen Belästigungen und Anmachen sind psychische Belastung, die kaum auszuhalten seien. Nur wegen der Solidarität untereinander würden viele diese Arbeit stemmen können.

Erfolgreicher Streik für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne

Der seit Jahren anwachsende Unmut bei den Beschäftigten in den Lieferbetrieben erreichte ihren Höhepunkt, als der landesweit größte Lieferbetrieb Trendyol Expess am 24. Januar eine Lohnerhöhung von lediglich 11 Prozent ankündigte.

Die Kuriere versammelten sich zunächst vor der Trendyol-Zentrale in Istanbul und weigerten sich, die Pakete zu verteilen, bis ihre Forderungen nach 50 Prozent Lohnerhöhung, bessere Arbeitsbedingungen und keine Repressionen gegen Streikende erfüllt werden. Der spontane Streik dauerte drei Tage und weitete sich landesweit aus. Nach drei Tagen gab der Arbeitgeber nach und bot eine Lohnerhöhung von 38 Prozent an. Auch wenn angesichts der weiter steigenden Inflationsrate die 38 Prozent nicht ausreichen würden, nahmen die Beschäftigten dieses Angebot an.

Doch dieser Widerstand weitete sich nicht nur bei Trendyol-Express aus, sondern sprang auf andere Lieferbetriebe wie HepsiJet, Aras Cargo, Sürat Cargo und Scotty über und die Kämpfe gehen noch weiter. Auch wenn die Forderung nach 50 Prozent Lohnerhöhung der Trendyol Beschäftigten nicht erreicht wurden, hat dieser Widerstand ein wichtiges Zeichen für Arbeiter in den Lieferbetrieben gesetzt.

Und in Deutschland?

Nach Angaben des Lieferdienstratgebers gibt es in Deutschland ca. 16000 Lieferdienste jeglicher Art. Und nach Angaben des Statistischen Bundesamtes haben 2021 42,3 Millionen Menschen deren Dienste in Anspruch genommen. Die Umsätze haben sich in der Zeit verdoppelt. Doch was gerne vergessen wird, ist, daß ein Großteil dieser Umsätze nicht wegen dem Wert des gelieferten Produktes zustande kommt, sondern durch die Ausbeutung der Beschäftigten, die in diesen Lieferdiensten arbeiten. In allen Lieferbetrieben sind die Arbeitsumstände nicht haltbar.

Viele Regulierungsmaßnahmen greifen in diesen Betrieben erst gar nicht. Kaum ausreichender Lohn, unsichere Arbeitsbedingungen und Arbeitsdruck bringen die meist jungen Menschen an den Limit ihrer Kräfte. Ausserdem nutzen die Arbeitgeber den schwachen Organisationsgrad aus, weshalb sie auch alles daran setzen, die Gründungen von Betriebsräten zu verhindern. Der wilde Streik bei dem Lieferdienst Gorillas Oktober 2021 in Berlin hat die Zustände in dieser Branche öffentlich gemacht. Auch die Missstände bei dem global agierenden Lieferdienst Liferando bleiben nicht unerhört.

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