Die Arbeiterklasse gewinnt an Selbstbewusstsein

Foto: Evrensel

Arif KOŞAR

In der Türkei befinden sich in zahlreichen Städten und Betrieben die Arbeiter im Ausstand. Dabei geht es um Fragen wie die schweren Arbeitsbedingungen, die langen Arbeitszeiten und Probleme mit dem Arbeitsschutz. Das Hauptproblem stellen jedoch die niedrigen Löhne dar. Die Arbeiter wollen angesichts der steigenden Inflation, die inzwischen bei über 80 Prozent liegt, ein ausreichendes Auskommen.

Bei den großen Arbeitskämpfen in 15 Städten, gehen neben den Beschäftigten der Textil- und Metallbranche auch Arbeiter aus der Landwirtschaft und Beschäftigte von Lieferdiensten auf die Straßen. Angeführt wurden sie von den Kollegen von Trendyol Express. Die Geschäftsführung bot ihnen eine Lohnerhöhung von 11 Prozent an, woraufhin sie die Arbeit einstellten. Mit ihrem Kampf konnten sie eine Erhöhung von 38,8 Prozent durchsetzen. Auf sie folgten die Mitarbeiter von Aras Kargo, HepsiJet, Sürat Kargo, Scotty, Yemek Sepeti und Yurtiçi Kargo sowie die Lagerarbeiter bei Migros.

Arbeitskämpfe von Mitarbeitern der Lieferdienste haben wir bereits in der Vergangenheit erlebt. Mit ihren Aktionen hatten sie für ihr Recht auf gewerkschaftliche Organisierung gekämpft. So erhielt z.B. die Gewerkschaft TÜMTİS nach langwierigen Arbeitskämpfen Einzug in die Betriebe UPS, DHL Logistik, DHL Express und Aras Kargo. Dass die derzeitige Welle der Arbeitskämpfe in größeren Kreisen sichtbar wurde, lag sicherlich nicht an ihren rosafarbenen Jacken und Mopeds.

VON DIGITALEN VERKÄUFERN ZU E-SHOPS

Ein Hauptgrund für den Wandel liegt darin, dass der Einzelhandel immer mehr digital läuft. Bessere Zugangsmöglichkeiten und Online-Banking haben diesen Prozess begünstigt bzw. beschleunigt. 2019 erreichte das E-Business im Einzelhandel weltweit einen Anteil von 14 Prozent. Der Anteil der 16- bis 74-Jährigen, der Dienste bzw. Güter im Netz bestellt, stieg von 8,4 im Jahr 2011 auf 34,1 Prozent im Jahr 2019. Dieser Anstieg machte natürlich auch die Lieferdienste größer.

Der zweite Grund liegt sicherlich an den Veränderungen, die der Internethandel an sich vollzogen hat. In den 1990er Jahren hatte sich dieser zunächst darauf beschränkt, die Online-Bestellungen entgegenzunehmen und anschließend die Waren per Post zu versenden. So verkaufte der heute zweitgrößte Online-Shop Amazon in der ersten Zeit lediglich Bücher, DVDs, Spielzeuge und elektronische Geräte, die er in seinen Lagern vorrätig hielt. Dieses Geschäftsmodell hat sich in kurzer Zeit grundlegend geändert. 2000 führte Amazon den „Marktplatz“ ein, der auch „Drittanbietern“ den Verkauf von Waren ermöglichte. So wurde der Konzern zu einer Online-Plattform, auf der Millionen von Unternehmen ihre Waren verkaufen können. 2020 erreicht ihre Zahl 2,7 Mio.

„Marktplätze“ wie der von Amazon kontrollieren auch in der Türkei mit einem Anteil von 95 Prozent den Großteil des Online-Handels. Das größte Online-Handelsunternehmen in der Türkei ist Trendyol und wurde 2018 von dem chinesischen Konzern Alibaba aufgekauft. Die anderen großen Onlineshops sind „Hepsi Burada“, „n11“, „gittigidiyor“ und „Çiçek Sepeti“. Darüber hinaus gibt es Spezialonlineshops, die inzwischen ihr Angebotsspektrum erweitern. Bei Büchern gehören „kitapyurdu“ und „idefix“ zu den größten. Und „Yemek Sepeti“ ist einer der größten Essenslieferdienste. Diese Entwicklung machte natürlich ein breites Netz von Lieferdiensten erforderlich.

Drittens lag der Grund darin, dass man auf Arbeitskräfte zurückgreifen konnte, die bereit war, ein schnelles und billiges Liefersystem zu ermöglichen. Die seit Jahrzehnten verfolgte neoliberale Beschäftigungspolitik bereitete den Weg für einen Arbeitsmarkt ohne Gewerkschaftsrechte, für Privatisierungen und Flexibilisierung. Und das dafür benötigte Heer von ausgebildeten und flexiblen Mitarbeitern mit hoher Kommunikationskompetenz stand bereits in den Startlöchern.

DIE AUSWIRKUNGEN DER PANDEMIE

Last but not least, wurde die Pandemie zu einem wichtigen Faktor, der zu diesem Wandel mit all seinen Verwerfungen führte. Die letzten zwei Jahre waren gekennzeichnet von den Ausgangssperren und den Aufrufen, „zuhause zu bleiben“. Ein wichtiger Teil der Bevölkerung musste tatsächlich zuhause bleiben und bevorzugte immer mehr die Bestellung im Netz. Diesen Service nahmen hauptsächlich die jüngeren Generationen in Anspruch, die die Liefer-Angebote der Supermarktketten und anderen entsprechenden Lieferdiensten nutzten. Nach einer Studie von PwC, beabsichtigen 90 Prozent der Verbraucher in Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden, ihre Einkäufe auch nach der Pandemie weiterhin online zu führen. In der Türkei wird die Entwicklung höchstwahrscheinlich nicht anders ausfallen.

Der Onlinehandel macht natürlich eine „zusätzliche“ Dienstleistung erforderlich. Milliarden von Produkten müssen an die Verbraucher ausgeliefert werden, was wiederum die Beschäftigung von Zehntausenden Mitarbeitern erfordert. So sahen sich Logistikunternehmen wie Yurtiçi, MNG, Aras, Surat Kargo etc. mit einem viel größeren Auftragsvolumen konfrontiert. So gehören inzwischen die Mitarbeiter von Lieferdiensten auf ihren bunten Mopeds und teilweise in ihren Autos längst zum Stadtbild.

STREIKS VOR DER TÜR

Warum die Kurierfahrer die jüngsten Arbeitskämpfe anführen, kann man auf drei Hauptgründe zurückführen:

Erstens bietet der Online-Handel im Vergleich zum Einkauf im Supermarkt in der Regel günstigere Preise, eine größere Auswahl und Komfort. Vor fünf Jahren war es in der Türkei fast ein Luxus, sein Essen nach Hause liefern zu lassen. Heute ist es eher ein Zeichen für eine sparsame Lebensführung. In der Regel ist es wirtschaftlicher, online zu bestellen. So gehören Lieferdienstmitarbeiter zum Alltag, die jeden Tag Millionen von Paketen zustellen. Auch deshalb wirkte sich die Arbeitsniederlegung der Kurierfahrer stark auf die Bevölkerung aus. Menschen, die mehrere Stunden damit verbringen, ihre Bestellungen zu verfolgen und Bewertungen abzugeben, bekamen auf einmal keine Lieferungen mehr. Diese „Stärke der Kurierfahrer“, die in diesem direkten Kundenkontakt begründet liegt, vergrößerte die Wirkung ihres Arbeitskampfes und somit den Grund auf die Arbeitgeber.

Zweitens sind die Kurierfahrer, die in der Regel als Selbständige arbeiten müssen, in den allermeisten Fällen arbeitslose Akademiker, die nach dem Hochschulabschluss keine entsprechende Arbeit finden konnten. Sie haben entsprechende Kompetenzen in der Nutzung sozialer Medien und konnten ihre Forderungen und Aktionen jederzeit online posten. Die Verbreitung ihrer Aktionen und die Unterstützung, die sie bekommen haben, verdanken sie nicht zuletzt dem starken Einsatz sozialer Medien. Und diese Wirkung war es auch, die bei den Unternehmen die Angst vor Imageverlust erhöhte.

Drittens konnten in der Pandemie Beschäftigte mit „Weißkrangenjobs“ im Homeoffice zu arbeiten, während die anderen Teile der Arbeiterklasse weiter in der Fabrik arbeiten mussten. Die Öffentlichkeit hatte eine Sensibilität für die Probleme der Beschäftigten insbesondere im Gesundheitswesen, Lebensmittelhandel und den Lieferdiensten entwickelt. Die schweren Arbeitsbedingungen der Kurierfahrer, die bei jedem Wetter arbeiten müssen, im Stadtverkehr Leib und Leben riskieren, standen auf der öffentlichen Agenda, auch wenn die Debatte darüber es nicht vermochte, die erforderlichen Maßnahmen zu realisieren. Diese Sensibilität war also ein weiterer Faktor, der sie in ihrem Arbeitskampf stärkte.

DIE BEDEUTUNG DES „WANDELS“

Der Kampf der Kurierfahrer um ihre Rechte sorgte für ein Wiederaufflammen von Diskussionen, die nicht mehr ganz neu sind. In einer dieser Diskussionen geht es um folgende Feststellung: Die Produktion von Waren und ganz allgemein der Produktionsprozess sind inzwischen aufgrund der Automatisierung so leicht, dass sie ihre Bedeutung verloren. Heute kommt es nicht mehr auf die Produktion, sondern auf den Verkauf, also auf die Werbung, das Marketing, Kundenkontakte und den Vertrieb an.

Eigentlich trifft es ja zu, dass verschiedene Bereiche wie Logistik, Vertrieb, Marketing und Werbung eine besondere Bedeutung haben. Die immensen Investitionen, die Neustrukturierung und der damit einhergehende Beschäftigungsanstieg verdienen besonderes Augenmerk. Allerdings dienen sie doch dazu, die Produktion und Reinvestition vom Kapital aufrechtzuerhalten. Deshalb verlor die Produktion nicht an Bedeutung, sondern wurde bedeutsamer. Darüber hinaus wäre die Gegenüberstellung der beiden Phasen der Kapitalbewegung, also Produktion und Warenverkehr nicht sinnvoll und auch falsch. Damit Waren verkauft werden können, müssen sie zu aller erst in ausreichender Menge und kostengünstig produziert werden. Trotz der Automatisierung wird ein Großteil der Produktion noch immer von Menschen übernommen. Auch wenn Roboter einzelne Arbeitsbereiche übernehmen, entstehen neue Produktionsbereiche. Qualitätszirkel, Flexibilisierung von Arbeit etc., die Gegenstand aktueller Debatten sind, sollen auch zur Steigerung der Produktivität dienen. Wenn man sein Blickfeld erweitert, wird man auch sehen, dass nicht nur die Kurierfahrer, sondern auch Arbeiter in der Textil-, Metall- und Lebensmittelbranche einen erbitterten Arbeitskampf führen. Die Lagerung und der Transport von Waren ist ein anderer Aspekt in dieser Debatte, auch wenn sie kein unmittelbarer Bestandsteil des Produktionsprozesses sind. Auf diesen Aspekt wollen wir jedoch nicht näher eingehen.

DIE ARBEIT EROBERT DIE STÄDTE ZURÜCK

Wenn man unbedingt etwas Neues an den steigenden Kämpfen der Lieferdienstmitarbeiter und im „Dienstleistungssektor“ entdecken möchte, sollte man den Blick auf eine „alte“ Besonderheit der Arbeiterbewegung richten, die sich heute „wieder“ zeigt.

Die Verlagerung der Betriebsstätten im produzierenden Gewerbe, die Verwandlung von Innenstädten in Dienstleistungs- und Finanzzentren waren direkte Folgen der Neustrukturierung der Städte durch das Kapital. Eines der Ziele dieses Wandels war, die Kämpfe der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe unsichtbar zu machen und die Städte im ideologischen Sinne ihrer Arbeiteridentität und -präsenz zu rauben. Die „gentrifizierten“ Städte sollten zu klassenlosen Zentren werden.

Die Mitarbeiter der Lieferdienste, die in ihrer bunten Arbeitskleidung aus allen Richtungen in die „Finanzzentren“ strömten, zerstörten diese „Fiktion“ des Kapitals von Städten als „Finanzzentren“. Wie ein Mitarbeiter des Lieferdienstes „Yemek Sepeti“ sagte: „Wir Arbeiter haben nur unseren Mindestlohn zu verlieren, aber ihr Zig-Millionen.“ Sie zerschlugen in den Stadtteilen, wo die Zentralen der Lieferdienste stehen, den viel gerühmten „ideologischen“ Konsens. Auch die Streiks der Beschäftigten von BBC Turkish, Dijitürk, Kliniken etc. leisteten ihren Beitrag dazu, was aller Voraussicht nach anhalten wird.

Diese Kämpfe machten deutlich, dass die Arbeiter eine „Minderheit“ darstellen, die am Stadtrand lebt und zwischen ihrer Wohnung und der Fabrik jenseits der Stadtgrenzen, sondern dass sie in allen Bereichen der Stadt, in den Bürohochhäusern, an Schulen, Kliniken, in Logistikzentren und auf den Straßen das Leben reproduzieren. Dank ihres Kampfes konnte die ideologische Belagerung um die Stadtzentren teilweise eingerissen werden. Allerdings ist es noch lediglich ein Riss – nicht mehr und nicht weniger.

Ihn zu vergrößern, erfordert einen langwierigen Prozess. Da wird es Aufs und Abs und auch Rückschläge geben. Ausgehend von einer Streikwelle Rückschlüsse für einen politischen Wandel zu folgern, wäre nicht realistisch und würde zu großen Enttäuschungen führen. Es kommt darauf an, dass diese Kämpfe zu organisatorischen und politischen Erfahrungen führen. Die Kämpfe werden sich erst dann auf die Politik des Landes auswirken, wenn sie eine organisatorische Stabilität und ihre Forderungen auch eine politische Popularität, und nicht zuletzt eine Vereinigung mit Politik der Arbeiterklasse erlangen.