„Mehr Aufwertung braucht mehr Aktion“

Die Gewerkschaft ver.di rückt am diesjährigen 8. März die laufende Tarifrunde im Sozial- und Erziehungsdienst (SuE Runde) in den Mittelpunkt ihrer deutschlandweiten Aktionen. In Erinnerung daran, dass die Wurzeln des Internationalen Frauentags in der Tradition gewerkschaftlicher Frauenkämpfe und streikender Frauen liegen, kündigte ver.di an, am Internationalen Frauentag die Kämpfe der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst und den Kämpfen der Frauen um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung zusammenzuführen. In der laufenden SuE-Runde fordert ver.di u.a. das Ende der belastenden Arbeitsbedingungen und die finanzielle Aufwertung der Arbeit in der Sozialarbeit, Bildung und Erziehung und der Behindertenhilfe, die anlässlich des Internationalen Frauentags mit zahlreichen Aktionen auf die Straßen getragen werden sollen. Über 80 Prozent der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst sind Frauen, im Bereich der KITA – der größten Berufsgruppe – stellen Frauen gar 95 Prozent der Beschäftigten. 

Die schlechte Situation in den sogenannten Frauenberufen hat System. Seit Jahrzehnten sind wirksame Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel und eine finanzielle Aufwertung der Arbeit in den Sorgeberufen überfällig. Nach wie vor sind Berufe, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, weniger anerkannt und schlechter bezahlt, als Berufe, in denen hauptsächlich Männer arbeiten. Und auch heute wie vor 100 Jahren geht es darum, mehr Respekt, mehr Gleichberechtigung und eine faire Bezahlung von Frauen durchzusetzen. Was das aus Sicht von Erzieherinnen bedeutet? Dazu haben wir mit vier jungen Erzieherinnen aus dem Raum Stuttgart gesprochen: Fulya, Sandra, Maira und Ulrike. 

Wie nehmt ihr die Situation in eurer Kita momentan wahr?

Fulya: Die Kolleginnen arbeiten momentan am Limit. Wir haben Fachkräftemangel, zusätzlich zugespitzt durch pandemiebedingte Krankheitsausfälle. Es gibt keine Krankheitsvertretungen, d.h. wir müssen die Ausfälle selbst auffangen. Das bedeutet, dass entweder länger gearbeitet wird oder andere Kolleginnen weiterhin zur Arbeit kommen, obwohl sie selbst auch krank sind. Über Qualität bei der Arbeit müssen wir nicht sprechen. Wir haben keine Zeit für Bindungsarbeit und kommen unserem Bildungsauftrag nicht nach, weil wir überfordert und überlastet sind.

Maira: Die Situation ist aktuell sehr belastend. Die meisten im Team sind am Limit, das schlägt natürlich leider auch manchmal auf die Stimmung im Team. Das ist schade, weil der Job ja an sich toll ist und Spaß machen kann.

Ulrike: Seit Wochen haben wir immer wieder Covid-positive Kinder in unserer Gruppe. Geschlossen wird diese trotzdem nicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich auch jeder aus dem Team trotz Impfung angesteckt hat. Unsere Gesundheit zählt da gar nicht. Das fühlt sich sehr respektlos an. Home-Office geht bei uns halt nicht – wir haben immer Vollkontakt mit Menschen – egal ob es gerade eine Welle gibt oder nicht.

Seid ihr meistens in Regelbesetzung oder seid ihr oft unterbesetzt? 

Fulya: Wir sind meistens unterbesetzt, losgelöst durch Fachkräftemangel und unattraktive Arbeitsbedingungen.

Maira: Bei uns ist es nicht anders. Wir sind meistens unterbesetzt. Dadurch, dass alle am Limit sind, fehlt oft jemand und das muss dann ausgeglichen werden und das ist ein Teufelskreis.

Sandra: Wir haben nicht ausreichend Fachkräfte, wenn man den Personalschlüssel 2:10 nimmt (also 2 Fachkräfte auf 10 Kinder über 3 Jahren). Wir haben aktuell 30 Kinder. Bis zum Sommer sollen aber insgesamt 50 Kinder betreut werden. Das bedeutet, dass weitere 20 Kinder aufgenommen und eingewöhnt werden müssen. Diese Arbeit müssen drei Vollzeitkräfte machen, also eine Eingewöhnung pro Monat. Das ist eine emotionale und körperlich anstrengende Mehrbelastung. Wir sind dazu ständig unterbesetzt, da mindestens eine Fachkraft jede Woche fehlt aufgrund von Krankheit. Durch die Pandemie kam auch noch die Quarantäne dazu, was die Personalsituation extrem angespannt hat. 

Ulrike: Zum Teil haben wir so wenig Personal, dass wir die Gruppe schließen müssten. Das macht der Träger aber nicht. Die Aufsichtspflicht kann ich dann auch nicht immer 100% gewährleisten, oft habe ich Angst, dass plötzlich etwas passiert und ich es nicht verhindern kann bzw. mir dann die Schuld gegeben wird.

Wie sieht es mit der Bezahlung eurer Arbeit aus? Bekommt ihr angemessenen Lohn?

Fulya: Wenn man sich die Inflation anschaut, muss ich leider sagen, dass eine Steigerung unserer Löhne notwendig ist. Die Eingruppierungen und das dadurch das entsprechende Entgelt reicht nicht mehr zum Leben. Ich spreche für die Ganztagesbetreuung in den Grundschulen: Wir brauchen unbedingt gerechtere Eingruppierungen! Wir wollen gleichen Lohn für gleiche Arbeit! 

Maira: Für das, was ich tatsächlich leiste, werde ich viel zu schlecht bezahlt. Vor allem durch die aktuellen Mehrbelastungen durch Corona müssten eigentlich alle höhergruppiert werden. Mehr Geld würde einem auch in der Freizeit mehr Erholungsmöglichkeiten bieten, das würde dann die Belastungen auf Arbeit etwas leichter zu ertragen machen. Deswegen finde ich die Forderungen meiner Gewerkschaft wichtig: Entlastung und mehr Geld. Nur wenn wir uns organisieren und aktiv werden, können wir unsere Forderungen durchsetzen. Jetzt sind wir dran. 

Ulrike: Als Erzieherin war man ja schon immer irgendwo auch Mädchen für alles. Seit Corona ist das noch schlimmer geworden. Wir erziehen und fördern die Kinder, beraten die Eltern, sind aber auch Mülleimer für ihren Frust auf die Politik, unsere Gesundheit wird nicht geschützt und damit wir keinen Stress mit dem Arbeitgeber bekommen, versuchen wir es immer allen recht zu machen. Wir bleiben aber auf der Strecke – gesellschaftlich und der Lohn ist auch noch schlecht. Von Ausgleich kann nicht die Rede sein. Wir wollen das, was uns zusteht und wir zum Leben und guten Arbeiten brauchen: mehr Geld, mehr Entlastung, mehr Fachkräfte! (Neues Leben / Stuttgart)

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