Wir wollten die NSU-Opfer in den Mittelpunkt stellen 

Fotos: Rüdiger Löster

Alev Bahadir

Veronika Dimke ist Künstlerin und Aktivistin und lebt in Köln. Sie hat vor einigen Jahren Portraits von den Opfern des NSU gemalt, die u.a. von den Angehörigen bei der Urteilsverkündung getragen wurden. Nun werden die Bilder, wahrscheinlich zum letzten Mal, in Nürnberg ausgestellt. Wir haben mit Veronika Dimke gesprochen.

Fotos: Rüdiger Löster

Kannst du uns etwas zum Entstehungsprozess der Portraits erzählen?

Ich male und zeichne schon sehr lange. Ich bin eigentlich Bildhauerin, male aber auch Portraits. Ich lebe in Köln, wo auch die Initiative „Keupstraße ist überall“ ist, mit der ich persönliche Kontakte habe. Von der Initiative wurde ich dann gefragt, ob ich nicht die NSU-Opfer portraitieren kann, weil sie sich so über die Darstellung der Opfer des NSU in der Presse usw. geärgert haben. Sie wollten würdige Portraits haben, die sie bei Demonstrationen und vor allem beim Tag der Urteilsverkündung gegen Beate Zschäpe und die Mitangeklagten verwenden konnten. Weil es dort immer wieder um die Täter ging, um die Frisur von Beate Zschäpe usw. Wir wollten die Opfer in den Mittelpunkt stellen. Was uns wenigstens bei der Berichterstattung bei der Urteilsverkündung auch gelungen ist.

Was ist deine Einschätzung, welche Bedeutung die Portraits für die Familien haben? 

Die Portraits anzufertigen war eine große Ehre, aber auch ein großer Druck, den Erwartungen gerecht zu werden. Ich kannte ja weder die Opfer, noch die Familien. Ich habe viel Energie und viele Stunden reingesteckt, um lebendige Bilder von diesen Menschen zu schaffen, auch um den Familien eine schöne und würdige Erinnerung zu geben, nach diesen schrecklichen Erfahrungen und der Trauer. Ich wollte all dem, was sie durchmachen mussten, auch dem Rassismus während den Ermittlungen, etwas Schönes entgegensetzen. Wir wissen auch, wer in der Kunst portraitiert wird. Es sind immer die Reichen und Mächtigen. Ich portraitierte aber die anderen, nun zum ersten Mal Opfer von Rassismus, die auch gewürdigt werden müssen.

Nach dem Ende des Prozesses war und ist ja eine zentrale Forderung, nicht zu vergessen und Aufklärung zu fordern. Die Ausstellung trägt den Namen „Unutmayacaǧız – wir werden nicht vergessen“. Es ist wichtig verschiedene Formen von Erinnerungskultur zu finden…

Ja, finde ich auch. Mich hat bei der Vernissage Osman Taşköprü, der Bruder von Süleyman Taşköprü sehr berührt. Er hat gesagt, dass die Bilder sehr lebendig seien und es sei überwältigend, da sein Bruder ihn anschaue „und das so echt“. Gleichzeitig hat er gesagt, wie wütend ihn das macht, dass die Stadt Hamburg seinen Bruder nicht richtig ehrt und dass da so wenig passiert. Das zeigt, dass die Angehörigen noch immer kämpfen müssen und auch so enttäuscht sind, dass der Staat sich zu wenig für diese Menschen interessiert. Deshalb ist es wichtig es immer wieder zu thematisieren. 

Gleichzeitig möchte ich die Portraits den Angehörigen schenken, damit sie wieder ins Private zurückgehen können, zumindest symbolisch. Und dass dadurch die Angehörigen entscheiden, wie sie gedenken wollen. 

Es ist eine einmalige Ausstellung. Denn im Anschluss an die Ausstellung werden die Portraits an die Angehörigen übergeben. Das ist ein sehr ungewöhnlicher Schritt, hast du diese Entscheidung gefällt?

Ja, oft wird vergessen, dass es, trotz Auftrag, noch meine Bilder sind, in die mein Team und ich viele Jahre Arbeit gesteckt haben und mir war es wichtig, dass die Familien die Bilder bekommen. Deshalb war es meine Entscheidung. Der Auftrag der Initiative war, Bilder als Vorlage für die gedruckten Schilder zu malen. Aber die Originale sind natürlich viel stärker. Mir war klar, dass das nicht Zeichnungen sind, die ich einfach mal so gemacht habe, sondern es hat mich hunderte von Stunden beschäftigt, die Menschen so überzeugend darzustellen, dass auch die Familien vielleicht ihre Angehörigen wiederfinden. Dann dachte ich, dass es eine schöne kleine Anerkennung für die Familien wäre. Es war relativ schnell klar, wohin die Gemälde eigentlich gehören. Das war alles eine schwierige Zeit, weil auch immer die Unsicherheit mitgegangen ist, ob das überhaupt okay ist, die Menschen zu portraitieren. Da haben mir positive Feedbacks im Vorfeld sehr geholfen. Jetzt bin ich sehr froh, nachdem ich gehört habe, dass viele Angehörigen das sehr schön finden. 

Endet mit der Übergabe jetzt auch ein Kapitel in deiner künstlerischen Tätigkeit?

Ja, einerseits schon. Es gibt ja Menschen im Hintergrund, ein Team, die mitarbeiten und wir alle brauchen nach vier Jahren jetzt auch eine Pause, wo wir auch anderes tun werden. Andererseits, endet es auch nicht, weil ich jetzt neue Anfragen bekommen habe. Ich habe eine persönliche Anfrage von einem Angehörigen für ein Bild bekommen. Das ist natürlich ganz anders. Da kann ich mehr darüber sprechen, was er will. Ich freue mich sehr über das Vertrauen und die Anerkennung meiner Arbeit. 

Wie geht es für dich nach der Übergabe der Portraits weiter?

Ich beschäftige mich auch mit Seenotrettung. Da geht es immer um Tod und sinnlose Zerstörung von Menschenleben und ich würde gerne auch meine Meinung etwas provokanter künstlerisch auszudrücken versuchen. Also mal wieder versuchen, meine Stimme zu erheben. Ansonsten bin ich gerade gar nicht so festgelegt, es kommen immer wieder tagespolitische Themen. Ich bin bei den Kölner Erwerbslosen in Aktion organisiert, deshalb bin ich als Hartz-IV-Empfängerin weniger der Behördenwillkür ausgesetzt. Das ermöglicht mir, dass ich freier entscheiden kann, welche Projekte ich angehen möchte.


Die Ausstellung der Portraits der Opfer des NSU trägt den Namen „Unutmayacaǧız – wir werden nicht vergessen“ und ist vom 8. Mai bis 5. Juni in Nürnberg in der Roten Galerie zu sehen. Am 5. Juni werden die Portraits im Anschluss an das NSU Tribunal in Nürnberg an die Familien übergeben. Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen Veronika Dimke, der Roten Galerie, der Karl-Bröger-Gesellschaft, der Initiative „Keupstraße ist überall“ und der DIDF-Jugend Nürnberg. Mehr Infos gibt es unter: www.veronikadimke.de

 

Fotos: Rüdiger Löster

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